Bundesliga

Hertha reist zum Schicksalsgegner TSG 1899 Hoffenheim

| Lesedauer: 5 Minuten
Uwe Bremer

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

2009 traf es Lucien Favre, 2011 Markus Babbel, 2012 sicherte Raffael den Berlinern die Relegation – wie immer, wenn es gegen Hoffenheim geht, stehen für Hertha BSC mehr als die Punkte auf dem Spiel

Es gehört zum Standard in der Bundesliga, einen Trainingsspion zum kommenden Gegner zu schicken. Wer auch immer für die TSG Hoffenheim in Berlin im Einsatz ist: Er wird nicht recht schlau werden aus seinen Besuchen auf dem Schenckendorff-Platz. Bekanntlich steht für Hertha am 34. und letzten Spieltag am Sonnabend eine existenzielle Partie in Hoffenheim an (15.30 Uhr). Mit einem Sieg oder einem Unentschieden sichert Hertha den Klassenerhalt, ebenso bei einer Niederlage mit nur einem Tor Differenz. Bei einer höheren Niederlage droht Hertha die Relegation, je nachdem, wie die anderen fünf Konkurrenten im Abstiegskampf punkten.

Hertha muss im Abwehrzentrum John Brooks (Sperre nach der fünften Gelben Karte) ersetzen. Trainer Pal Dardai schien sich beim letzten öffentlichen Training einen Spaß daraus zu machen, Hoffenheimer Späher zu verwirren. Dreimal ließ der Coach Elf-gegen-Elf über je zehn Minuten spielen.

In jedem Drittel bot Dardai eine andere Innenverteidigung auf. Beim ersten Mal stand neben dem gesetzten Sebastian Langkamp John Heitinga in der Innenverteidigung. Im zweiten Drittel hieß das Abwehrbollwerk Langkamp/Lustenberger. Die Position des Hertha-Kapitäns im defensiven Mittelfeld übernahm Hajime Hosogai. Zum Schluss durfte neben Langkamp Jens Hegeler ran, davor agierten auf der Doppel-Sechs Heitinga und Hosogai. Der Trainer lässt sich also nicht in die Karten schauen. Dardai formulierte: „Ich will Körpersprache sehen. Wer hat den Mut, richtig reinzugehen?“ Den Trainingseindrücken nach steht zu vermuten, dass Heitinga die Brooks-Rolle übernehmen wird.

Trennung von Favre und Babbel

Hoffenheim meldet, dass die Begegnung in Sinsheim gegen Hertha ausverkauft ist. Alle 30.150 Tickets sind verkauft. Zwar kickt die die TSG erst seit 2008 in der Bundesliga. Es ist kurios, aber Hoffenheim hat sich in kürzester Zeit zum Schicksalsgegner von Hertha gemausert. Im September 2009 unterlag der Hauptstadt-Klub 1:5 in Hoffenheim. Es war die sechste Niederlage in Folge, am Tag darauf beurlaubte Manager Michael Preetz den damals ratlosen Trainer Lucien Favre.

Im Dezember 2011 spielte Hertha am letzten Hinrunden-Spieltag 1:1 in Hoffenheim. Rund um die Partie gab sich der damalige Trainer Markus Babbel als Baron Münchhausen und bezichtigte Herthas Führungsebene der Lüge und/oder Unwissenheit. Am Tag danach erreichte Babbel das von ihm provozierte Ziel: Er wurde von Manager Preetz am Telefon gefeuert.

Luhukay und das Albtraum-Spiel gegen Hoffenheim

Damit nicht genug der Skurrilität: Es heißt, dass der eigentliche Hintergrund jener Entwicklung ein Vorvertrag war zwischen Babbel und dem FC Schalke (wo dessen Kumpel Horst Heldt das Sagen hat). Falls es den tatsächlich je gegeben hat, ist er jedenfalls nicht in Kraft getreten. Stattdessen heuerte Babbel in Hoffenheim an – und bescherte Hertha das nächste Schicksalsspiel. Im Mai 2012, am letzten Spieltag jener Saison, rettete sich Hertha mit einem 3:1 gegen die von Babbel trainierte TSG 1899 in die Relegation. Es war ein umkämpftes Match, Raffael erzielte das erlösende dritte Tor in der Nachspielzeit mit einem Schuss von der Mittellinie ins leere Tor, von 52.000 Fans im Olympiastadion euphorisch gefeiert.

In der Rückschau auf die aktuelle Saison wird für Jos Luhukay Hoffenheim ein Albtraum bleiben. Die Stimmung war schon vor dem letzten Spiel vor Weihnachten im Keller, nachdem Hertha unter der Woche in Frankfurt als erstes Team der Bundesliga-Historie in der Nachspielzeit einen Zwei-Tore-Vorsprung verspielt hatte (von 4:2 auf 4:4). Gegen die TSG kam Hertha nach einem rabenschwarzen Tag von Innenverteidiger Brooks (ein Eigentor, einen Foulelfmeter verursacht) mit 0:5 unter die Räder. Ein Tiefschlag, von dem sich das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Luhukay und der Mannschaft nicht mehr erholen sollte. Nach zwei Niederlagen zu Beginn der Rückserie wurde Luhukay entlassen und am 5. Februar durch Pal Dardai ersetzt.

Hertha setzt auf Ruhe statt Kurztrainingslager

Dem neuen Trainer ist gelungen, was dem Vorgänger über Monate versagt blieb: die Defensive zu stabilisieren. Doch Dardai hadert vor dem Saisonfinale mit dem Problem, das Hertha seit seinem Amtsantritt begleitet: Es werden kaum Chancen herausgespielt und zu wenig Tore erzielt. Und was sah der Trainingsspion aus Hoffenheim am gestrigen Mittwoch bei der letzten öffentlichen Übungseinheit von Hertha? In allen Dritteln lautete das Resultat trotz wechselnder Besetzungen – 0:0.

Da mag die Konkurrenz im Überlebenskampf ins Kurztrainingslager nach Klosterpforte (Hannover 96) oder Malente (Hamburger SV) fahren, der Hertha-Trainer bleibt auch im Endspurt bei seiner seit Wochen durchgehaltenen Linie: Keinen zusätzlichen Druck aufbauen. Die Spieler wissen eh, worum es geht.

Kein zusätzlicher Druck

Weshalb Dardai die Nullnummer im Training lakonisch kommentierte: „Was soll ich sagen? So ist es seit Monaten. Die gute Nachricht ist: Ein 0:0 in Hoffenheim reicht uns.“