Bundesliga

Hertha nach 0:0 gegen Frankfurt weiter im Abstiegskampf

Hertha geht gegen Eintracht Frankfurt fahrlässig mit den Chancen um. Nach dem 0:0 im Olympiastadion ist der Klassenerhalt noch immer nicht gesichert.

Es war gespenstisch leise. Keiner klatschte. Es schien, als sagte keiner ein Wort in der Ostkurve. Alle starrten irgendwo ins Leere oder auf das Smartphone, um die Ergebnisse auf den anderen Plätzen zu erfahren.

Die Spieler von Hertha BSC waren nach dem Abpfiff zögerlich auf ihrer Ehrenrunde durch das Olympiastadion. Es war ja das letzte Heimspiel der Saison gegen Eintracht Frankfurt. Eigentlich ist das die Zeit, sich von den eigenen Anhängern für die Unterstützung der vergangenen Monate zu bedanken und sich zu verabschieden. „Auf ein Neues in der nächsten Spielzeit!“ Aber weil die Berliner am Sonnabend gegen wenig ambitionierte Gäste nicht über ein 0:0 hinauskamen, ist immer noch nicht endgültig geklärt, ob Hertha seine Fans in der nächsten Saison überhaupt als Bundesligist begrüßen wird.

Nach dem Remis gegen das auswärtsschwächste Team der Liga und den Ergebnissen auf den anderen Plätzen hat Hertha zwar praktisch vermieden, am letzten Spieltag noch auf die beiden direkten Abstiegsplätze abrutschen zu können. Man hat gegenüber dem Vorletzten HSV mit 32 Punkten die deutlich bessere Tordifferenz. Aber gegen die TSG Hoffenheim am kommenden Sonnabend steht den Blau-Weißen dennoch eine Zitterpartie bevor, weil sie nur zwei Punkte von Relegationsplatz 16 trennen. Für den Klassenerhalt wird womöglich noch ein weiterer Zähler benötigt.

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Kalou wird zum Sündenbock

Kapitän Fabian Lustenberger wurde nach dem Spiel die Tabelle gezeigt. Aber der Schweizer war so frustriert, dass er keine Lust hatte hinzuschauen. „Chance wieder nicht genutzt. Wir haben heute zwei Punkte verloren“, sagte Lustenberger. Besonders ärgerte sich der Mittelfeldspieler, weil Hertha ja in den 90 Minuten zuvor zweimal die große Chance zum Siegtreffer hatte. Zweimal vergaben die Berliner kläglich. Einmal durch Genki Haraguchi, der zehn Minuten vor Abpfiff allein vor Frankfurts Torwart Kevin Trapp auftauchte, aber nur das Außennetz traf (80.). Das war noch irgendwie verständlich. Haraguchi ist erst 24 Jahre alt und spielt seine erste Saison in der Bundesliga. Aber schlimmer war die vergebene Gelegenheit von Salomon Kalou. Der Ivorer hatte sich Mitte der zweiten Halbzeit den Ball von Frankfurts Aleksandar Ignjovski gestohlen und war völlig allein auf Trapp zugelaufen. Doch anstatt das Spielgerät am Schlussmann vorbei ins Tor zu schieben, probierte der Afrikaner einen Heber und blieb hängen (54.). Für den Stareinkauf war es ein Sinnbild der gesamten Saison: viel Brimborium, wenig Ertrag.

Kalou zog mit der Aktion den Zorn seiner Mitspieler, seines Trainers und der Vereinsführung auf sich. Lustenberger schimpfte: „Wir müssen unsere Chancen konsequenter zu Ende spielen und den Ball vielleicht mal nicht lupfen wie Salomon, sondern reinmachen.“ Trainer Pal Dardai, der seit der Amtsübernahme von Jos Luhukay keinen seiner Spieler direkt angegriffen hatte, wurde noch deutlicher: „Was Kalou da gemacht hat in unserer Situation, finde ich nicht in Ordnung. Da muss er schon in den Spiegel schauen und sich fragen, ob er die richtige Einschätzung hat.“ Und Manager Michael Preetz, ebenfalls nicht für öffentliche Spielerschelte bekannt, sagte: „So einen Ball kann man machen, wenn man 4:0 führt. Er hat diese Chance leichtfertig vergeben.“

Kalou, der nun seit 828 Spielminuten auf einen eigenen Treffer wartet, hatte von Dardai trotz Formkrise den Vorzug vor Sandro Wagner erhalten. Nach dem Spiel muss sich der Cheftrainer also selbst fragen, ob es auch von ihm die richtige Einschätzung war, den 29-Jährigen erneut von Beginn an zu bringen. An Kalou, der nun so etwas wie der Sündenbock ist, und der vergebenen Torchance zur Erlösung manifestieren sich aber Herthas enorme Offensivprobleme in der Rückrunde insgesamt: Nach zuletzt nur zwei Schüssen aufs Tor in Dortmund (0:2), gelang gegen Frankfurt kein einziger. Hertha hat nun in den vergangenen fünf Spielen nur ein einziges Tor erzielt und ist hinter Paderborn die offensivschwächste Mannschaft der zweiten Saisonhälfte. „Für unsere Verhältnisse hatten wir gegen Frankfurt genügend Torchancen für einen Sieg. Aber wenn man eingeladen wird, muss man auch das Tor machen“, sagte Dardai. Per Skjelbred brachte die Misere in drei Sätzen auf den Punkt: „Das ist schade für uns. Wir machen eine gute Defensivarbeit. Aber vorn treffen wir im Moment einfach nicht.“

Hertha hat seit sechs Spielen nicht mehr gewonnen

Seit sechs Spielen hat Hertha nun nicht mehr gewonnen. Von sieben Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz sind nur noch zwei übrig geblieben. Gegen Hoffenheim, wo Innenverteidiger John Anthony Brooks nach seiner fünften Gelben Karte fehlen wird, wartet deshalb ein Endspiel auf die Berliner. „Wir haben noch eine Woche. Wenn alles gut läuft, können wir danach in den Urlaub fahren. Wenn nicht, müssen wir Relegation spielen“, sagte Dardai. Und die besten Erinnerungen hat man daran nicht in Berlin.