Bundesliga

Hertha BSC und das große Zittern

Hertha BSC gerät im Abstiegskampf immer stärker unter Druck. Doch Trainer Pal Dardai nimmt sein Team in Schutz und fordert das Publikum. Aber er braucht nun fußballerische Lösungen für seine Elf.

Foto: Hitij / dpa

Erst betrug der Vorsprung sieben Punkte, dann sechs, dann vier. Nun hat Hertha nur noch drei Zähler als Puffer bis zur Abstiegszone der Fußball-Bundesliga. Der scheinbar beruhigende Vorsprung von Mitte April ist nach zuletzt zwei Unentschieden und drei Niederlagen in Folge dermaßen geschrumpft, dass der Klassenerhalt ernsthaft in Gefahr geraten ist. Zudem hinterlässt der Negativlauf Spuren, wie das 0:2 bei Borussia Dortmund belegt. Die Blau-Weißen boten eine extrem uninspirierte Leistung und erarbeiteten sich vor 80.667 Zuschauern keine einzige Torchance.

Fünf Spiele ohne Sieg

Am Tag danach war auf dem Schenckendorff-Platz zu sehen, mit welcher Strategie Hertha die beiden Wochen angeht, die darüber entscheiden, ob im Olympiastadion 2015/16 weiter erstklassiger Fußball gespielt wird.

Der wichtigste Trumpf, den Hertha spielt, ist: Pal Dardai, 39. Auf den Status des Trainers als Identifikationsfigur setzen die Verantwortlichen. Also sprach Dardai: „Natürlich haben wir vor dem Spiel auf die Kopfballstärke der Borussia hingewiesen. Eigentlich haben wir Standardsituationen in jedem Abschlusstraining der vergangenen Wochen trainiert, nur vor dem Dortmund-Spiel nicht. Insofern geht das 0:1 auf meine Kappe.“

Zur lauen Vorstellung in Dortmund sagte Dardai: „Jede Mannschaft hat zwei schlechte Spiele pro Saison. Wir waren in Dortmund schlecht und gegen Freiburg. Wir sollten uns jetzt aber keine Riesenvorwürfe machen.“ Guter Mann, denkt da der geneigte Fan. Der Trainer stellt sich vor seine Mannschaft, auch wenn die mal wieder Fehler macht.

Dardai ruft Berliner Fans zur Unterstützung auf

Der nächste Schachzug ist eine Finte, die in der Politik oder im Fußball eigentlich immer funktioniert: Eröffne einen Nebenkriegsschauplatz, der von den eigentlichen Problemen wegführt! Also sprach Dardai: „Ich erwarte, dass das Olympiastadion gegen Frankfurt voll wird. Die Bundesliga ist wichtig für Berlin. Die Mannschaft braucht jetzt die volle Unterstützung der Fans.“

Das ist kess. Hertha verliert seit Wochen in Folge. In diesem Jahr hat die Mannschaft noch kein restlos überzeugendes Heimspiel gezeigt. Mit anderen Worten: Hertha liefert seit Wochen nicht. Doch Dardai gibt ein feuriges Motto aus, frei nach John F. Kennedy: Frage nicht, was dein Verein für dich tun kann, sondern, was du für deinen Verein tun kannst.

Der Trainer nimmt Berlin in die Pflicht. Und der Präsident lebt vor, dass Hertha zusammenrückt. Werner Gegenbauer schaute beim sonntäglichen Auslaufen vorbei, ein demonstratives Flaggezeigen, dass der Verein hinter der Mannschaft steht.

Präsident Gegenbauer zeigt Flagge

Zweifel, dass die Frusterlebnisse der Spiele gegen den FC Bayern (0:1), Gladbach (1:2) und Dortmund Spuren in der Mannschaft um Kapitän Fabian Lustenberger hinterlassen, wischt der Trainer beiseite. „Die anderen Vereine müssen beten, um in der Liga zu bleiben“, sagte Dardai. „Wir haben es selbst in der Hand. Das ist ein Riesenunterschied.“ Für die Skeptiker unter den Hertha-Fans fügte Volkstribun Dardai mit Blick auf die anstehenden Spiele gegen Frankfurt (Sonnabend, 15.30 Uhr) und Hoffenheim (23. Mai) an: „Wir haben jetzt zwei Matchbälle. Wenn wir die nicht nutzen, sind wir selbst schuld.“

Eigentlich jedoch steht Dardai vor anderen Herausforderungen. Wo ist die mentale Stärke hin, die Hertha im März und April ausgezeichnet hat? Wie kommt die Mannschaft mit dem Druck klar, gegen Frankfurt unbedingt gewinnen zu müssen? An dieser Front will Dardai vor allem eins: Ruhe bewahren: „Ich werde jetzt nicht 120 Mal in dieser Woche sagen, dass das am Sonnabend wichtig ist. Die Spieler sind intelligent, sie wissen selbst, wie die Lage ist.“

Kalou steckt in der Formkrise

Vor allem muss Herthas Rekordspieler mit 286 Bundesliga-Einsätzen seine Fähigkeiten als Trainer beweisen. Es gilt für Dardai (und seinen Co-Trainer Rainer Widmayer), das Feintuning zwischen Defensive und Offensive neu zu justieren. Hertha hat in den letzten fünf Spielen nur zwei Tore geschossen. Das hat Gründe.

Bei Salomon Kalou hatte Hertha nicht nur auf dessen Tore gehofft, sondern auch auf dessen Ausstrahlung als „Mr. Cool“, als Führungsspieler. Doch Kalou wirkt seit Wochen seltsam matt. Der Champions-League-Sieger von 2012 wurde in Dortmund zur Pause ausgewechselt. „Das erste Jahr in einem neuen Land, in einer neuen Liga ist immer schwer“, sagte Dardai über den Ivorer. „Aber Salomon ist torgefährlich, wir brauchen seine Tore.“

Nur tut sich Hertha über die gesamte Saison schon schwer, den Ball in die gefährliche Zone vor dem gegnerischen Tor zu bringen. Ein Punkt, den Angreifer Roy Beerens, der seine Knöchelverletzung weitgehend ausgestanden hat, offen anspricht: „Es ist gut, dass unsere Defensive jetzt besser steht. Aber wir sind in einer Situation, in der wir gewinnen müssen. Dafür müssen wir nach vorne spielen und Chancen kreieren.“ Gefragt ist der Fußball-Experte im Fan-Liebling.