Kommentar

Wie sich der Trainer im Abstiegskampf zum Hampelmann macht

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Jörn Meyn

Foto: Maja Hitij / dpa

Im Abstiegskampf setzt der Coach auf Hokuspokus: Das hat nicht nur bei Pal Dardai Methode, auch Kollegen packen tief in die Trickkiste. Am Ende kann ihnen nur der Erfolg recht geben, meint Jörn Meyn.

Sie denken bestimmt, Sie hätten im Fußball schon alles gesehen. Vor allem kurz vor Ende einer Spielzeit im Abstiegskampf, wenn normalerweise der Augenblick des Irrsinns gekommen ist. Es sind oft die Trainer der bedrohten Klubs, die dann sonderbar werden. Aber Sie kennen den Eiertanz, den Übungsleiter aufführen, wenn ihnen der Dreck bis zum Hals steht, dass sie besser nicht den Kopf hängen lassen.

Tja. Ich muss Sie enttäuschen. Es gibt sie doch noch, die bisher unbekannten Dimensionen des Bekloppten. Ein Beispiel gefällig? Beim abstiegsbedrohten Zweitligaklub FSV Frankfurt wechselten sie einen Spieltag vor Schluss den Trainer. Der Neue, Tomas Oral, hatte sich für seine erste Einheit etwas ausgedacht: Er ließ seine Spieler durch die laufende Waschanlage der benachbarten Tankstelle joggen, um sie „reinzuwaschen“ von den dunklen Monaten zuvor. Katharsis an der Tanke. Wahnsinn.

Das führt uns zur Frage: Welche Rolle spielen Trainer im Abstiegskampf? Werden sie unweigerlich zu Hampelmännern, die Hokuspokus aufführen, um doch noch die Wende zu schaffen? Die Conclusio vorweg: ja.

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Kaffeeklatsch statt Nachmittagstraining

Pal Dardai hat seine Spieler zwar nicht durch den Waschgang gejagt, als er das Team von Hertha BSC im Februar auf Platz 17 übernahm. Aber auch der Ungar ist ein Freund des Reinigungsprozesses. Als Profi war Dardai einst ein Aufräumer im Hertha-Mittelfeld. Nun, zum Trainer befördert, schlüpfte er erneut in diese Rolle. Dardai räumte mit allen Zweifeln auf – am Team und am Erreichen des Klassenerhalts. Er tat das, indem er das Brachiale seines Spiels von früher in das Spiel des Trainerseins übertrug: das Reden.

Hier ein Auszug aus den bildlichsten aller Dardai-Sprüche: „Ich arbeite bis zum Tod.“ Oder: „Ich erwarte Eier von meiner Mannschaft.“ Und gemeint waren keine gebratenen. Zuletzt wurde es besonders martialisch: „Mit Schwitzerei und Blut“ habe sich sein Team die Punkte verdient. Und: „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Nun sind die Krokodile immer noch da. Aber ich nehme Messer mit.“

Doch Dardai hat nicht nur verbal aufgeräumt. Auch mit eigenwilligen Methoden wollte er die Köpfe seiner Profis durchspülen. Statt der Nachmittagseinheit lud er sein Team neulich zum Kaffeeklatsch ein. Ein kleiner Wachmacher gegen die „mentale Müdigkeit“ seiner Truppe. Ah ja.

„Mad-Men“-Doktrin in der Bundesliga

Auch Dardais betroffene Trainerkollegen greifen zu eigentümlichen Maßnahmen: In Stuttgart beschimpfte Huub Stevens seine Spieler als „Affen“. Das fanden die gut. Sie gewannen gegen den HSV, führten einen Affentanz auf und haben nun wieder eine reelle Chance, drin zu bleiben. Bei Hannover 96 verschanzte sich Michael Frontzeck mit seinem Team in der Klosterpforte von Harsewinkel. Auch hier alles Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Beim HSV beschwor Bruno Labbadia im Kurztrainingslager die alten Geister von Malente. Genau. Das Malente. Wo sich einst die deutsche Nationalelf auf die WM-Titel 1974 und 1990 einschwor. Die sind echt verzweifelt. Einen Eiertanz führte auch Freiburgs Christian Streich auf – wenn auch unfreiwillig: Nach dem Siegtor gegen den FC Bayern rannte er wie im Wahn Richtung Kabine und landete auf dem Gesicht.

Nun könnte man sagen: Der Druck im Abstiegskampf führt dazu, dass Trainer irre werden. Oder man sagt: Als Ultima Ratio greifen sie zu bekloppten Methoden, um ihren Spielern noch ein letztes Mal den Kopf zu waschen.