Seine erste Erinnerung ist der Geruch. Seine zweite die Begeisterung. Überhaupt, die Atmosphäre auf den Tribünen des Bökelbergs. „Die Emotionen habe ich als kleiner Junge aufgesogen“, erzählt Jos Luhukay von seinen ersten Erinnerungen an die Bundesliga. Es war Mitte der 1970er-Jahre, als Vater Luhukay mit dem kleinen Jos aus dem niederländischen Venlo die 35 Kilometer nach Mönchengladbach fuhr. „Die Stadien heute sind viel komfortabler, aber der Bökelberg früher hatte einen ganz eigenen Geruch“, entsinnt sich Luhukay noch heute.

Rund 40 Jahre ist es her, dass ihn die Bundesliga fesselte. „Was die Leidenschaft angeht, hat sich das bis heute nicht geändert“, sagt Luhukay. Wenn Hertha BSC heute gegen den Hamburger SV antritt (15.30 Uhr, Olympiastadion/im Liveticker bei immerhertha.de), bestreitet Luhukay sein 100. Spiel als Bundesliga-Trainer.

Der Niederländer hat den deutschen Fußball früh in sein Herz geschlossen. Der deutsche Fußball jedoch hat sich Zeit gelassen mit dem Niederländer. 100 Bundesliga-Spiele entsprechen drei Saisons, für einen 51-Jährigen kommt dieses Jubiläum also relativ spät.

Lob von Huub Stevens

Luhukay hatte keinen Namen als Bundesliga-Spieler, keine Lobby. Es brauchte Geduld und Beharrlichkeit. Als seine wichtigste Lehrzeit beschreibt er die drei Jahre von 2002 bis 2005 als Co-Trainer beim 1. FC Köln. Mit Friedhelm Funkel, Marcel Koller und Huub Stevens hatte Luhukay drei sehr verschiedene Vorgesetzte.

Es war eine rasante Achterbahn. Köln stieg in jenen Jahren zwei Mal auf und einmal ab. Luhukay war mittendrin, aber nicht in der ersten Reihe. Er registrierte die Wechselwirkungen zwischen den Resultaten, der Stimmung im Stadion, in den Medien, die dann wieder in den Verein zurückschwappte. „Da habe ich viel gelernt für den Weg als Trainer.“ Stevens sagt über seinen ehemaligen Assistenten Luhukay in Köln: „Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass Jos das Zeug dazu hat, ein richtig guter Cheftrainer zu werden.“

Eine erste Lektion gab es gleich im ersten Spiel als Chef: Fußball ist nicht immer gerecht. Am 1. November 2003, Funkel war gerade entlassen, durfte Luhukay ran. „Die Kritiken hinterher waren gut, wir haben mit Schwung und Power gespielt“, sagt Luhukay. Aber der FC verlor gegen Hannover 1:2.

Erste Krise in Berlin

Man darf davon ausgehen, dass Luhukay die Kritik wegen des mäßigen Saisonstartes mit Hertha in dieser Saison für übertrieben hielt. Nachdem er zweimal sicher sein Saisonziel in Berlin erreicht hatte – 2012/13 den Bundesliga-Aufstieg, 2013/14 den Klassenerhalt –, rumpelte es erstmals in seiner Zeit als Berliner Cheftrainer heftig.

Luhukay bekennt mit Blick auf Herthas acht Punkte nach acht Runden: „Ich kann jetzt nicht zufrieden sein. Weil ich persönlich höhere Erwartungen habe als da, wo wir jetzt stehen.“ Dieses Spieljahr ist eine neue Herausforderung. Bisher war es so: Luhukay übernahm einen in die Zweite Liga verunfallten Klub, führte ihn zum Aufstieg, um dann die erste Liga zu halten. So war es 2008 mit Mönchengladbach, 2010 mit Augsburg und 2013 mit Hertha.

Der erste Anlauf ging schief. Der Aufsteiger Gladbach tat sich damals schwer im Oberhaus, nach sieben Spieltagen wurde Luhukay das erste und bisher einzige Mal in seiner Trainer-Karriere beurlaubt.

Freundlich, aber ein auch eisern

Den Ruf, trotz überschaubarer finanzieller Mittel eine konkurrenzfähige Mannschaft formen zu können, erwarb sich Luhukay erst danach in Augsburg. Dort blieb der FCA 2011/12 die ersten sieben Bundesliga-Partien ohne Sieg. Im achten, einem Heimspiel gegen Borussia Dortmund, setzte es ein 0:4.

Job-Angst? Luhukay sagt dazu: „Nein. Ich hatte immer den Respekt und die Anerkennung im Verein. Wir wussten, wo wir standen.“ Der FC Augsburg wurde für sein Vertrauen belohnt. Luhukay erreichte mit dem Team vorzeitig den Klassenerhalt. In Berlin wiederholte sich das Szenario. Hertha gewann die Zweite Liga mit Rekordpunktzahl und schwebte, beflügelt von einem 6:1-Auftaktsieg gegen Frankfurt durch die Bundesliga-Hinserie. Bereits Ende Februar stellte der Aufsteiger mit einem 3:0 beim damals akut abstiegsgefährdeten HSV die Weichen früh auf Klassenerhalt.

Was Außenstehenden nicht immer sofort auffällt: So höflich und freundlich Luhukay meistens auftritt, er kann aber auch knallhart sein. Der 51-Jährige hat etwas Eisernes. Wenn er Veränderungen will, setzt er sie durch. Christian Fiedler, der ehemalige Torwarttrainer, oder die Spieler Maik Franz, Peer Kluge und Felix Bastians – alle mit hohen sechsstelligen Summen von Hertha abgefunden – wissen, was gemeint ist.

Natürlich weiß Luhukay, was die Vorgänge für die Betroffenen bedeuten: „Das sind menschlich schwierige Situationen. Auch nach vielen Jahren im Job fällt es mir nicht leicht, diese Entscheidungen zu treffen. Aber ein Trainer hat die Verantwortung, zum Wohl des Verein zu handeln.“

Neue Zielsetzungen

Seit dem Einstieg von Investor KKR im Februar dieses Jahres steht das Wort Abstieg auf der Tabu-Liste von Hertha. Neun Neue kamen, darunter Hochkaräter wie Salomon Kalou, John Heitinga oder Valentin Stocker. Damit aber haben sich auch die Erwartungen an Luhukay verändert. Erstmals betreut er eine Mannschaft im zweiten Jahr in der Bundesliga.

Auch, wenn das Mantra der Verantwortlichen lautet: Es gehe nicht um eine bestimmte Platzierung, sondern „um die dauerhafte Etablierung von Hertha in der Bundesliga“ (Manager Michael Preetz), gibt es im Umfeld klare Erwartungen: Dass Hertha in dieser Saison nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben und im DFB-Pokal für Furore sorgen möge.

Dass der Hauptstadt-Klub zum Ende des ersten Saison-Viertels jedoch in den Regionen der Ränge 13 und 14 steckt und nach wie vor auf der Suche nach Stabilität ist, besorgt die Anhänger, welche die Abstiege von 2010 und 2012 schmerzhaft in Erinnerung haben. Luhukay sagt: „Wir haben die Konstanz noch nicht. Das hat Ursachen. Es ist wichtig, nicht die Geduld zu verlieren. Wir arbeiten hart. Es geht manchmal mit Fallen und Aufstehen. Aber das Team ist immer noch aufgestanden.“

Der Traum vom Europapokal

Die Bundesliga ist ein schnelllebiges Geschäft. Der Abstiegsaspirant von heute ist der Europacup-Anwärter von morgen – und umgekehrt. Luhukay will seine Mannschaft weiter entwickeln.

Und er weiß, dass er sich selbst mitentwickeln muss. Die Erwartungen werden größer und die Charaktere der Spieler, die für die besondere Momente sorgen, erfordern vom Trainer ein besonderes Händchen im Umgang. Persönlich träumt Luhukay davon, das internationale Geschäft zu erreichen: „Ich habe noch ganz viel Antrieb.“

Weil die Profibranche eine ungeduldige ist: Um zu beweisen, dass er auch für höhere Aufgaben geeignet ist, wird Luhukay nicht wieder 100 Bundesliga-Spiele Zeit bekommen. Das muss schneller gehen.