Fußball

Die wichtigsten Gründe für Herthas Schlinger-Kurs

Hertha steht trotz namhafter Verpflichtungen in der Bundesliga nur auf dem 13. Tabellenplatz. Wir nennen die Gründe für die mangelnde Stabilität, mit der das Team momentan noch zu kämpfen hat.

Foto: Marius Becker / dpa/Becker

Ein WM-Finalteilnehmer für Hertha. Ein Champions-League-Sieger für Hertha. Dazu ein Königstransfer vom FC Basel. So recht zugeben mochte es niemand, aber mit den Verpflichtungen von John Heitinga, Salomon Kalou oder Valentin Stocker waren im Umfeld von Hertha BSC die Erwartungen gestiegen.

Die sportliche Leitung, Manager Michael Preetz und Trainer Jos Luhukay, betonte, dass es darum gehe, dem Kader in der Breite mehr Qualität zu geben. Um auf Verletzungen, Formschwankungen besser reagieren zu können. Stabilität ist die Voraussetzung dafür, dass Hertha das zweite Bundesliga-Jahr erfolgreich bestehen kann. Doch beim 0:2 auf Schalke zeigte sich: Auch nach acht Runden ist der Hauptstadt-Klub noch auf der Suche.

Acht Punkte, Rang 13 – in jeder der bisherigen Partien wechselten sich starke und schwache Phasen ab, mal stand die Defensive stabil, mal nicht. Mal stimmte die Balance, mal nicht. Herthas Schlinger-Kurs durch die Liga hat Gründe. Die Berliner Morgenpost benennt die Zusammenhänge – und die Perspektiven.

Das Problem mit dem Umbruch

Neun Zugänge hat Hertha verpflichtet. Das ist erheblich, wenn ein Drittel der Spieler neu im Kader ist. Einige der Neuen wie Roy Beerens, Genki Haraguchi, Julian Schieber oder Per Skjelbred fanden sich auf Anhieb zurecht. Valentin Stocker hat einige Zeit Anlauf benötigt. Aber spätestens mit seiner Vorstellung gegen den VfB Stuttgart (3:2) hat der Schweizer gezeigt, dass er auf Sicht gesehen Hertha verstärken wird. Überraschend ist, das Heitinga trotz seiner Erfahrung immer mal wieder wackelt im Bundesliga-Alltag. Der 89malige niederländische Nationalspieler ist bisher nicht der unumstrittene Abwehrstabilisator, den sich Hertha erhofft hat.

Schwer zu verstehen ist das Ausbleiben jeglicher Entwicklung bei Jens Hegeler. Er ist 26 Jahre, hat die Erfahrung von 119 Bundesliga-Spielen, aber auch nach drei Monaten Hertha-Training geht dem Mittelfeldspieler jegliche Dynamik ab. Das ist bitter für Hertha, weil Hegeler eigentlich auf der Achter-Position gebraucht wird.

Die Probleme von Stammkräften

Fabian Lustenberger ist der Schlüsselspieler von Trainer Luhukay. Dass nach siebenmonatiger Verletzungspause bei dem Innenverteidiger die Form etwas hoch und runter geht, war intern erwartet worden. Genau so kommt es jetzt. Dass es Lustenberger an der letzten Spritzigkeit fehlt, war beim Tor von Julian Draxler auf Schalke zu sehen. Das wurmt zwar, aber Lustenberger braucht einen Spielrhythmus, um in Form zu kommen. Da heißt es jetzt Durchhalten. Die Stärken von Hajime Hosogai sind bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison ein wenig verpufft. Um seine Qualitäten einzusetzen, braucht er einen laufstarken Kollegen auf der Doppel-Sechs wie Tolga Cigerci. Wenn der fehlt, hat Hosogai zu große Räume abzulaufen. Dann verpufft seine Zweikampfstärke.

Das Problem der Verletzungen

Jeder Trainer möchte eine funktionierende Achse mit einem Torwart, ein, zwei Innenverteidigern, einem defensiven und einem offensivem Mittelfeldspieler sowie einem Stürmer haben. Da traf es sich schlecht, dass Anfang September ausgerechnet Herthas Mr. Zuverlässig, Manndecker Sebastian Langkamp, mit einer komplizierten Fersen- und Bänderverletzung für Monate ausfällt. Gemeinsam mit Cigerci, der nach seiner Fuß-Operation im Juli in diesem Jahr mutmaßlich nicht mehr spielen wird, fehlt auch Alexander Baumjohann nach seinem zweiten Kreuzbandriss bis ins nächste Jahr hinein. Alle drei Spieler waren für die Achse vorgesehen. Und so problemlos wie vorgestellt, waren vor allem Langkamp und Cigerci nicht zu ersetzen.

Das Problem mit dem Rhythmus

Nach zwei Bundesliga-Spieltagen gab es Anfang September die erste 14tägige Länderspiel-Pause. Anfang Oktober waren die Nationalspieler erneut auf Reisen. Der Verein freut sich über jede internationale Nominierung von Hertha-Profis, einerseits. Aber Luhukay hadert auch, weil durch die dazwischenliegenden englischen Wochen dem Heimtrainer kaum Zeit bleibt, um die Mannschaft einzuspielen. Das ist verständlich. Zählt aber als Argument nicht richtig, weil es den anderen Vereinen genauso geht.

Das Problem Durchschlagskraft

Auf Schalke war auffällig, dass Hertha in der zentralen Zone vor dem gegnerischen Tor ohne Wirkung blieb. Dieses Phänomen begleitet die Berliner seit Beginn dieses Jahres. Die Verantwortlichen haben mit der Zusammenstellung des Kaders darauf reagiert. Mit Stocker, Haraguchi und Beerens gibt es Power über die Außenpositionen. Auch wenn die Balance nicht immer gestimmt hat: Da Hertha bisher elf Tore (nach acht Spielen) erzielt hat, wird der Schnitt in dieser Hinrunde in jedem Fall besser ausfallen als in der vergangenen Rückserie (13 Tore in 17 Partien).

Die Perspektiven

In Sachen Spielplan heißt es für die Verantwortlichen: Tapfer durchlächeln, es bleibt schwierig. Hertha steht vor einer englischen Woche mit den Partien gegen den HSV (25. Oktober), Arminia Bielfeld (DFB-Pokal/28.) und dem SC Paderborn (2. November). Mitte November folgt die dritte Länderspiel-Pause. Das Jahr endet für Hertha mit einer weiteren englischen Woche (BVB/13. Dezember), Frankfurt (17.) und Hoffenheim (21.). Damit nicht genug. Salomon Kalou, als Torjäger potenziell der wichtigste Hertha-Spieler, wird die Vorbereitung auf die Rückrunde verpassen. Vorausgesetzt, die Elfenbeinküste qualifiziert sich für den Afrika-Cup, wird der vom 17. Januar bis 8. Februar in Marokko ausgetragen.

Die Abwesenheit wichtiger Spieler eröffnet indessen Chancen. Etwa für John Brooks. Langkamp verletzt, Lustenberger und Heitinga wackeln – der US-Nationalspieler muss einfach in dieser Woche konzentriert trainieren. Und schon dürfte Brooks ein Platz in der Startelf gegen den HSV sicher sein. Und mit jeder Trainingseinheit mehr, sollten die Details, die aktuell manchmal verhindern, dass die Balance stimmt, besser sitzen. So harmoniert Hosogai auf der Doppel-Sechs besser mit Skjelbred. Auf der rechten Seite finden sich Pekarik und Beerens immer besser. Auch für Schieber gibt es keinen Grund, sich hängen zu lassen. Spätestens zu Jahresbeginn, wenn der Afrika-Cup gespielt wird, ist er ein Schlüsselspieler von Hertha.