Interview

Herthas Valentin Stocker – „Ich muss gefühlskalt sein“

Nach dem Wechsel zu Hertha durchlief Valentin Stocker eine harte Zeit. Vor dem Spiel auf Schalke spricht er über Zweifel in einer Branche, die keine Schwächen duldet, und seine Liebe zum Boot fahren.

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Wir treffen Valentin Stocker um 8.30 Uhr in der Früh zum Interview. Der 25 Jahre alte Schweizer hat schwierige Wochen hinter sich, seit er im Sommer für 3,12 Millionen Euro aus Basel zu Hertha BSC gewechselt ist. Es war eine Zeit, in der Stocker an sich selbst und die Öffentlichkeit am teuersten Einkauf zu zweifeln begannen. Erst am letzten Spieltag gegen Stuttgart (3:2) gelang ihm die „Befreiung“, wie er sagte, als der Offensivspieler an allen drei Berliner Treffern beteiligt war. Im Gespräch vor dem Auswärtsspiel gegen Schalke 04 am Sonnabend (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) zeigt sich Valentin Stocker als ein ungewöhnlicher Fußballer.

Berliner Morgenpost: Herr Stocker, ziemlich unchristliche Zeit für ein Interview.

Valentin Stocker: Finde ich nicht. Als ich in Basel gespielt habe, wohnte ich nach einer Zeit wieder in Luzern, was fast eine Stunde entfernt liegt. Da musste ich morgens immer ein bisschen früher raus.

Warum sind Sie damals in Ihrer Heimatregion wohnen geblieben und nicht in Basel?

Mit 15 bin ich nach Basel gegangen und hatte mit 18 eine eigene Wohnung. Aber mich hat es immer wieder nach Luzern gezogen, wo meine Freundin und meine Familie lebten. Es war wichtig für den Kopf, einen Abstand zwischen Beruf und Privatleben zu bekommen – auch räumlich. Dort konnte ich dem großen Druck in Basel ein bisschen entfliehen. Als Fußballer ist man ohnehin fast nie zu Hause.

Was bedeutet Ihnen das eigene Zuhause?

Es ist mir unglaublich wichtig, weil ich einen Rückzugsort brauche. In meinem Beruf steht man täglich vor Prüfungen – als würde man jeden Tag eine Klassenarbeit schreiben. Man wird permanent beobachtet und beurteilt – von den Mitspielern, den Trainern und Zuschauern. Deshalb ist mir mein Zuhause wichtig, um mich einmal nicht beobachtet zu fühlen.

Wären Sie gern jemand, der nicht so sehr in der Öffentlichkeit steht?

Nein, das nicht. Es ist gut so, wie es ist. Das gehört dazu. Aber ich denke nicht, dass ich nach meiner Karriere noch viel mit den Medien zu tun haben möchte.

Wie unterscheidet sich der Fußballer Valentin Stocker vom Privatmenschen?

Nicht so sehr. Im Fußball stehen bestimmte Attribute mehr im Vordergrund. Wenn es um Leistung geht, sind andere Dinge gefragt, als nachdenklich zu sein. Im Fußball muss ich funktionieren. Zu Hause muss ich das nicht. Es ist ein Hervorholen von bestimmten Attributen und ein Zurückstellen anderer.

Es ist also nicht so, dass Sie beim Fußball ein anderer sind als privat?

In der Kabine und beim Training sicher nicht. Bei den Spielen ist das etwas anderes. Da muss man sich diesem Zirkus annehmen und seine Rolle spielen.

In der Schweiz gelten Sie als jemand, der immer sehr mit den Mechanismen der Fußballbranche hadert.

Da ist auch etwas dran. Ich bin gern Fußballer, aber es gibt in der Branche auch Dinge, die ich schwierig finde.

Was mögen Sie am Fußball, und worauf könnten Sie verzichten?

Das Schönste am Fußball sind für mich die Emotionen und die Erinnerungen. Problematisch finde ich dagegen die Geschwindigkeit, mit der sich in der Bewertung ständig alles drehen kann. Ein gutes Beispiel sind für mich meine letzten Wochen hier bei Hertha, in denen viel Schlechtes und auch Falsches über mich geschrieben wurde. Und mit einem Spiel soll sich plötzlich alles verändert haben? Ich denke, vor dem Stuttgart-Spiel war alles halb so wild, wie es gemacht oder aufgeschrieben wurde. Genauso wie jetzt – nach einem Spiel – nicht alles überragend ist, was ich tue. Es gibt immer noch Verbesserungspotenzial in meinem Spiel.

Was machen solche Erfahrungen der Schnelllebigkeit mit Ihnen?

Es distanziert mich eher und macht mich diesbezüglich gefühlskalt. Aber ich glaube, das muss man heutzutage wohl auch ein bisschen sein. Schwächen haben ja wirklich keinen Platz.

Wobei Sie doch jemand sind, der offen über die eigenen Schwächen spricht.

Für mich persönlich ist es eine Stärke, über meine Schwächen sprechen zu können. Und es ist naiv, wenn man deshalb von anderen verurteilt wird.

Sie haben recht früh begonnen, mit einem Sportpsychologen zu arbeiten. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich habe mit 20 damit begonnen. Er brachte mir bei, wie ich auch dann leistungsfähig bin, wenn es mal nicht so gut läuft. Heutzutage ist der Kopf der entscheidende Faktor im Fußball.

Welche Erkenntnis hat Ihnen aus der Zusammenarbeit am meisten geholfen?

Dass ich das Spiel als Spiel annehmen muss. Die kindliche Freude daran darf man nie verlieren. Man muss sich vertrauen, dann gibt einem das Spiel am Ende alles zurück.

Bei der WM in Brasilien verging Ihnen der Spaß. Sie spielten nur eine Halbzeit, danach nicht mehr. Was ist da schiefgelaufen?

Das ist ein schwieriges Thema, über das ich besser später mal reden kann. Im ersten Spiel waren wir alle schrecklich nervös, weil es für viele die erste WM war. Ich bin nicht sonderlich positiv oder negativ aufgefallen, aber der Trainer musste etwas verändern. Dass es mich getroffen hat, und ich danach nicht mehr zum Einsatz gekommen bin, war auch Pech.

Stimmt es, dass Sie ein Bootsbesitzer sind?

Ja, aber dazu muss man wissen, dass es nur eine kleine Nussschale ist, die schon fast so alt ist wie ich. Das hat auch etwas mit der Trennung zwischen Fußball und Privatleben zu tun: Auf dem Boot zu sein, hat für mich einen großen Erholungswert – vor allem mental. Für mich ist das auch ein Stück Kindheit. Ich habe mir das Boot von meinen ersten Gehältern mit 18 geleistet. Und ich finde es schön, dass es immer noch am selben Ort steht wie früher.

Ein bisschen wie früher ist es auch bei Hertha. Sie trafen hier Fabian Lustenberger.

Wir kommen beide aus Luzern. Wir haben uns aber erst in den Schweizer U-Mannschaften getroffen und sind später zur selben Schule gegangen. Als er nach Berlin gewechselt ist, hatten wie weiter hin und wieder Kontakt. Der wurde dann wieder intensiver, als ich hörte, dass Hertha an mir interessiert ist. Dass Fabian hier war, hat auch dazu geführt, dass sich meine Entscheidung für Hertha gut angefühlt hat. Er und seine Frau haben mir bei der Eingewöhnung enorm geholfen, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Was hat Fabian Lustenberger Ihnen über die Medienlandschaft in Berlin gesagt? Sie gilt ja als nicht ganz einfach.

Wir haben darüber gesprochen, und er hat gesagt, dass es hier schon härter zugeht, wenn es mal nicht so läuft. Deshalb fahre ich meine Schiene weiter wie bisher und lese einfach keine Zeitungen.

Das sagen Profis immer. Es stimmt aber meistens nicht.

Dann wird es bei mir auch so sein. (lacht)

Sie haben nach Ihrem guten Spiel gegen Stuttgart gesagt, dass es für Sie eine Befreiung gewesen ist. Befreiung wovon – von den langsam aufkommenden Zweifeln in den Medien oder von den eigenen?

Von beiden ein bisschen. Als ich kam, habe ich gemerkt, dass hier in der Bundesliga alles etwas schneller ist. Ich wusste, dass es zum Anfang schwer für mich werden würde. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Bundesliga so ein bisschen wie Champions League ist. Aber ich habe mich nie überfordert gefühlt. Sicher waren auch eigene Zweifel da, aber das hat mich nicht gehemmt.

Sie treffen mit Hertha nun auf Schalke. Es hätte aber auch sein können, dass Sie auf der anderen Seite spielen. Es soll mal ein Schalker Angebot gegeben haben.

Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht genau. Damals 2008, als mehrere Klubs an mir interessiert waren, wollte ich bei Basel bleiben, weil ich das Gefühl hatte, dass es noch nicht an der Zeit war, zu gehen.

Schalke hat einen neuen Trainer: Roberto Di Matteo, ein Schweizer wie Sie. Kennen Sie ihn? Und kann der Trainerwechsel für Hertha von Nachteil sein?

Es ist sicher nicht einfach, weil mit neuen Trainern meistens ja auch erst einmal ein neuer Schwung kommt. Darauf müssen wir eingestellt sein. Di Matteo selbst habe ich bisher nicht kennengelernt. Aber dazu habe ich jetzt ja Gelegenheit.