Bundesliga

Hertha-Trainer Jos Luhukay träumt von der Europa League

Jos Luhukay, Trainer von Aufsteiger Hertha BSC, bekennt, dass er schon in dieser Saison einen Platz im internationalen Fußball anstrebt. Auch im Privatleben will er von den Erfolgen profitieren.

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In den vergangenen Tagen schlief Jos Luhukay, 50, traumlos. „Ich bin wohl am Abend immer viel zu kaputt“, sagt Herthas Cheftrainer. In der Türkei bereitet der Niederländer sein Team auf die in zehn Tagen beginnende Bundesliga-Rückrunde vor. Die Hinserie beendete der Aufsteiger überraschend erfolgreich auf Platz sechs. Das hat bei vielen Fans die Sehnsucht nach dem Europapokal geweckt. Mit Jörn Meyn sprach Luhukay über veränderte Saisonziele, die Angst vor einem Abgang Adrian Ramos’ und die Träume seiner Kindheit.

Berliner Morgenpost: Herr Luhukay, sind Sie ein Träumer?

Jos Luhukay: Nein, überhaupt nicht. Ich versuche, immer nüchtern zu sein und auf dem Boden zu bleiben.

Hätte Sie sich eine so erfolgreiche Hinserie mit Ihrer Mannschaft träumen lassen?

Absolut nicht. Es ist nicht normal für einen Aufsteiger, so stabil und sicher durch die Hinrunde zu gehen.

Wovon haben Sie als Kind geträumt?

Als Kind habe ich nur von einer Sache geträumt: Ich wollte Profifußballer werden. Schon mit vier Jahren lief ich zu Hause im Ajax-Trikot durch das Wohnzimmer meiner Eltern. Ich war Ajax-Fan und wollte später gern dort spielen.

Ajax Amsterdam hat hier bei Ihnen im Teamhotel gastiert. Haben Sie sich da ein neues Trikot geholt?

Nein, das habe ich nicht (lacht). Das ist lange her.

Ist Träumen im Fußball erlaubt?

Ja, auf jeden Fall. Man soll Träume nicht verbieten. Die motivieren auch zu Höchstleistungen.

Viele Fans in Berlin träumen nach der guten Hinrunde vom Europapokal. Sie auch?

Unsere Fans haben auch nicht mit einer so erfolgreichen Hinserie gerechnet. Dass dann Träume von der Europa League aufkommen, ist normal. Wir stehen in der Winterpause auf Platz sechs. Unsere Fans dürfen ruhig träumen, wir aber nicht. Wir verlieren die Realität nicht aus den Augen und korrigieren unser Saisonziel nicht nach oben. Wir wollen in diesem Jahr so gut es geht abschneiden. Intern, das können Sie mir glauben, haben wir nie über einen Europa-League-Platz gesprochen. Die Bundesliga ist knallhart. Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, dann haben wir unser Ziel im ersten Jahr erreicht.

Man sagt, Aufsteiger, die eine erfolgreiche Hinrunde gespielt haben, haben es in der Rückrunde schwerer, weil sie von den anderen Teams nicht mehr unterschätzt werden. Glauben Sie das auch?

Meine persönliche Meinung ist, dass man uns schon nach dem vierten, fünften Spieltag nicht mehr unterschätzt hat. Gerade bei unseren Heimspielen haben die Mannschaften ziemlich tief gestanden. Da sah das schon fast aus wie im vergangenen Zweitligajahr, als sich unsere Gegner im Olympiastadion oft hinten reingestellt haben. Jeder Erstligist, der nach Berlin gekommen ist, hat Respekt vor uns gehabt. Deswegen glaube ich, dass es nicht viel anders sein wird in der Rückrunde.

Ein weiterer Traum vieler Anhänger ist es, dass Pierre-Michel Lasogga ab dem Sommer wieder für Hertha spielen wird.

Pierre ist ein Spieler, der in der Vergangenheit für Hertha viele Tore geschossen hat, und ich glaube, dass er auch in Zukunft wieder ein sehr wertvoller Spieler für Hertha werden kann. Für mich als Trainer wäre es ein Genuss, wenn wir, stand heute, ab Sommer mit Pierre und Adrian Ramos zwei so hervorragende Stürmer gemeinsam in einem Team hätten. Wir hoffen für die Zukunft, dass wir Pierre und Adrian gemeinsam bei Hertha sehen werden, wenn es möglich ist.

Ramos hat, um im Bild zu bleiben, eine traumhafte Hinrunde gespielt. Fürchten Sie seinen Abgang, wenn er so weiterspielt?

Wenn wir ganz nüchtern sind, können wir sagen: Er hat noch einen Vertrag bis 2015 bei uns. Da haben wir keinen Druck. Was in der Rückrunde kommt, müssen wir abwarten. Ich hoffe, dass Adrian über den Sommer hinaus bei uns bleiben wird. Er spielt jetzt in der Bundesliga auf Topniveau und trägt dazu bei, dass wir vorn so gefährlich sind.

Für John Brooks begann diese Saison wie ein Traum: Erstes Bundesligaspiel, erstes Tor. Dann die Berufung zum US-Nationalteam. Danach verletzte er sich zweimal und verlor den Stammplatz. Was raten Sie ihm? Wenn sein WM-Traum im Sommer in Erfüllung gehen soll, muss er spielen.

John hat im letzten Jahr einen enormen Sprung in seiner Entwicklung gemacht, und wir haben gehofft, dass er auch in der ersten Liga so stabil spielen kann wie in Liga zwei. Was John in der Hinrunde erlebt hat, was sehr unglücklich. Er hatte zwei schwere Verletzungen. Jetzt fehlt er deshalb wieder in einer sehr wichtigen Phase der Vorbereitung. Er wird Zeit brauchen. Aber John hat noch einen langen, positiven Weg in seiner Karriere vor sich.

Alexander Baumjohann hofft, dass er nach seinem Kreuzbandriss Ende August nun in der Rückrunde wieder spielen kann.

Ich würde es ihm wünschen. Aber wir geben Alex alle Zeit, hundertprozentig fit zu werden und zu uns zurückzukehren. Wenn er es schafft, wäre das schön. Wenn nicht, dann ist das für uns auch kein Beinbruch. Dann werden wir versuchen, ihn für die kommende Saison dahin zu bringen, dass er wieder eine sehr gute Rolle für uns spielen kann.

Für Peer Kluge, Ihrem Vizekapitän, ist die Saison bisher nicht so verlaufen, wie geplant. Woran liegt es, dass er kaum spielt?

Es hat nicht nur Peer Kluge getroffen. Auch zum Beispiel Peter Niemeyer und Ronny, die gemeinsam mit Peer im vergangenen Jahr eine unglaublich gute Mittelfeldachse gebildet haben, spielen weniger. In diesem Jahr hat es durch die Zugänge einfach die Chance auf ein insgesamt flexibleres Spielsystem gegeben. Wir sind schwerer auszurechnen, können variabler reagieren und sind dadurch als gesamte Mannschaft stärker geworden.

Im Sommer haben Sie Ronny kritisiert, weil er nicht fit genug aus der Spielpause kam. Wie erleben Sie ihn hier?

Ronny hat ein halbes Jahr intensiv gearbeitet, um in seine beste Form zu kommen. Auch hier tut er das. Aber bei Ronny lag es nicht nur an ihm selbst, dass er weniger gespielt hat. Im vergangenen Jahr haben wir mit einer klassischen Zehn gespielt. Dort war er sehr wertvoll für uns. In dieser Saison spielen wir viel flexibler – im System und auch personell. Das hat uns unberechenbarer gemacht. Zu dieser Unberechenbarkeit gehört auch Ronny dazu.

Was glauben Sie, wird für Ihr Team in der Rückrunde möglich sein?

Das ist schwer zu sagen. Wir konnten mit einem sehr guten Gewissen in die Winterpause gehen und können mit einem sehr guten Gewissen in der kommenden Woche in die Rückrunde starten. Wir haben keinen negativen Druck. Wir haben einen positiven Druck. Wir hoffen, dass wir mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben werden.

Was wäre denn Ihre Traum-Platzierung?

Da rede ich nicht drum herum: Mein Traum wäre, wenn wir am Ende noch auf Platz sechs stehen und Europa League spielen würden. Das wäre sensationell. Das Maximum, was in dieser Saison möglich ist. Aber das wird sehr schwer.

Lassen Sie uns auf Ihre Person zurückkommen: Gab es zu Beginn Ihrer Trainerkarriere einen Traumverein, für den Sie gern einmal arbeiten würden?

Als kleiner Junge und später als Spieler habe ich von großen Klubs geträumt. Aber als ich dann Trainer wurde, habe ich nie davon geträumt, einmal Bundesligatrainer zu werden, oder mit einem Champions-League-Team zu arbeiten. Dafür bin ich viel zu nüchtern. Ich bin einen langen Weg gegangen – vom Jugendtrainer, über den Amateurtrainer, bis zum Assistenztrainer und schließlich zum Cheftrainer. Ich habe mir nie gesagt: „Du musst irgendwann Bundesligatrainer werden.“ Es ist so gekommen, und ich denke, ich habe mir das hart erarbeitet. So wie ein Spieler sich entwickelt, entwickelt sich auch ein Trainer. Schritt für Schritt. Aber ich war immer ein zufriedener Mensch.

Träumt Ihre Frau davon, dass Sie beide mal gemeinsam in einer Stadt leben? Sie wohnt ja immer noch in Venlo.

Ja, das schon. Wir haben das nun seit einigen Jahren so gemacht, dass sie nicht mit mir dorthin gezogen ist, wo ich arbeite. Wir kommen damit gut zurecht, aber ideal ist es nicht. Wenn ich länger bei Hertha bleiben kann, könnte es gut sein, dass sie nach Berlin zieht. Darüber sprechen wir.

Wünschen Sie sich denn, noch lange in Berlin zu bleiben?

Ja. Ich bin nicht gekommen, um nur mit Hertha aufzusteigen. Ich will dabei helfen, den Verein weiterzuentwickeln, um den nächsten Schritt zu gehen. Das geht nicht in ein, zwei Jahren. Das braucht Zeit. Ich möchte noch lange bei Hertha bleiben. Ich bin ein glücklicher Mensch und froh, Trainer dieser Mannschaft zu sein.