Morgenpost-Check

Herthas erstes Saison-Viertel – Für den Anfang ganz gut

Hertha BSC steht nach acht Spielen besser da als erwartet: Viele Tore, starker Teamgeist, aber kein Star. Doch die schweren Bundesliga-Gegner warten erst in den kommenden Wochen auf den Aufsteiger.

Foto: Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Hertha BSC bei Hannover 96, das war die Partie des Bundesliga-Fünften beim Vierten. Hertha gegen Mönchengladbach, die Ansetzung des nächsten Spieltages am 19. Oktober, ist das Treffen des Sechsten gegen den Vierten. Da darf man einen Moment innehalten: Ist die Rede von den Topspielen der Liga, ist auch die Rede vom Aufsteiger. Hertha spielt in Schlagdistanz zu den europäischen Plätzen. Rang vier, der am Saisonende zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigt, ist lediglich einen Zähler entfernt.

Ehe nun über den Berliner Größenwahn geunkt wird: Es geht nicht um die Änderung des Saisonziels. Das lautet nach wie vor Klassenerhalt. Aber nach acht Runden, dem ersten Saison-Viertel, lohnt ein Check: Wie ist der Neuling in der Bundesliga angekommen? Wie sind die zwölf Punkte (drei Siege, drei Remis, zwei Niederlagen) einzuschätzen?

Hertha in jedem Spiel konkurrenzfähig

So angenehm die Gegenwart ist, der Blick in die Historie belegt, dass das Abschneiden von Hertha nichts Besonderes ist. In 50 Jahren Bundesliga haben nach acht Spieltagen 22 (!) Aufsteiger besser gepunktet als Hertha.

Dennoch ist die Zwischenbilanz erfreulich. Kapitän Fabian Lustenberger beschreibt das Selbstbewusstsein der Mannschaft: „Wir waren in jedem Spiel konkurrenzfähig.“ In Hannover sagte Trainer Jos Luhukay seiner Mannschaft zur Pause, es stand 0:1: „Jungs, ruhig bleiben. Wir sind in dieser Saison schon drei Mal trotz eines Rückstandes zurückgekommen.“ So auch in Hannover: Ronnys fulminantes Freistoßtor sicherte Hertha ein verdientes 1:1.

Berlin mag es offensiv und aggressiv

Auf die Frage, wo Hertha den Mut hernimmt, als Aufsteiger die heimstarken 96-iger im eigenen Stadion in der zweiten Hälfte an die Wand zu spielen, sagte Sandro Wagner: „Das ist unsere Mentalität. Wir spielen offensiv und aggressiv.“

14 Tore bei acht Auftritten sprechen für sich. Beflügelt vom 6:1 zum Start gegen Frankfurt, glaubt das Team an seine Stärken. Entsprechend dem Credo von Trainer Jos Luhukay, es gehe um die Mannschaft und nicht um den Einzelnen, gibt es nicht den einen Schlüsselspieler. Sami Allagui hat fünf Tore erzielt, Adrian Ramos und Ronny jeweils drei. Auch Änis Ben-Hatira, John Brooks und Per Skjelbred (alle ein Tor) waren bereits erfolgreich.

Das Berliner Olympiastadion als Festung

Damit löst die sportliche Leitung ein Versprechen ein, dass Manager Michael Preetz mit der Verpflichtung von Trainer Luhukay im Sommer 2012 abgegeben hatte. „Wir wollen unseren Zuschauern attraktive, offensive Heimspiele bieten.“ Wie schon in Liga zwei legt Hertha auch im Oberhaus die Basis im Olympiastadion. Von vier Heimspielen hat Hertha drei gewonnen.

Mitverantwortlich für den erfreulichen Start waren die Neuen Hajime Hosogai und Alexander Baumjohann, die Hertha auf eine neue Qualitätsstufe gehoben haben, durch ihre Schnelligkeit, Zweikampfstärke und Passschärfe.

Das Problem nach der Baumjohann-Verletzung

Es ist kein Zufall, dass die kleine Durststrecke, die Hertha hatte mit zwei Niederlagen in der Liga plus dem Aus im DFB-Pokal in Kaiserslautern (1:3), sich an den Verletzungsausfall von Baumjohann anschloss. Trainer und Mannschaft brauchten etwas Zeit, um dieses Manko zu kompensieren. Ronny kam bei seinen Startelf-Einsätzen nicht zurecht, gegen Mainz und in Hannover war mit Änis Ben-Hatira bereits der dritte Spielmacher der noch jungen Saison in Aktion.

Eine weitere Erkenntnis dieses Jahrganges: Hertha hat immer weniger Spezialisten im Kader. Pierre-Michel Lasogga, ein reiner Stoßstürmer, wurde Ende August an den HSV verliehen. Stattdessen kamen mit Tolga Cigerci (aus Wolfsburg) und Skjelbred (vom HSV) Offensivakteure, die drei, vier Positionen besetzen können. Manager Michael Preetz sagt zur Kaderzusammenstellung: „Wir haben die Qualität an der einen oder anderen Stelle erhöht und ihn insgesamt breiter besetzt.“ Skeptiker fürchten, dass Hertha durch den Abgang von Lasogga mit Ramos nur noch einen echten Stürmer habe.

Kein Platz für Spezialist Lasogga

Ungeachtet des Hattricks von Lasogga in Nürnberg lautet die interne Rechnung bei Hertha anders. Preetz: „Wir sind im Sturm mit Adrian, Sandro Wagner und Sami Allagui gut besetzt.“

Mit den letzten Verpflichtungen steigt auch die interne Spannung, weil einige Spieler nur wenig Perspektiven auf Einsätze haben (etwa Maik Franz, Christoph Janker, Fabian Holland oder Ben Sahar). Bei Hertha ist der Teamgeist dennoch ein Trumpf. Was sich an Kleinigkeiten zeigt wie etwa dem Torjubel von Ronny in Hannover, der schnurstracks zu den unmittelbar zuvor ausgewechselten Ramos und Allagui lief und sie umarmte. „Zusammenhalt kann man nicht herbeireden, der muss wachsen“, sagte Lustenberger. „Bei uns funktioniert das ganz gut.“

Geändert haben sich für den Hauptstadt-Klub die Anforderungen in der Defensive. Im Unterhaus hatte Hertha die beste Abwehr gestellt. In der Bundesliga gab es acht Gegentore. Immer noch die drittbeste Hintermannschaft der Liga, doch nur einmal stand bei Zu-Null-Fan Luhukay tatsächlich die Null (1:0 gegen den HSV). „Die Qualität der gegnerischen Stürmer ist höher“, sagte Lustenberger.

Bewährungsprobe für Herthas Teamgeist steht noch aus

Zudem hat Hertha die Gunst der Spielplan-Ansetzungen genutzt. Hannover und Wolfsburg waren bisher die einzigen Gegner, die zum Saisonende klar vor den Blau-Weißen erwartet werden. In den nächsten Wochen geht es gegen Gladbach, Bayern, Schalke, Hoffenheim und Leverkusen.

Im Erfolgsfall, etwa in den zurückliegenden 15 Monaten, ist es für den Trainer einfacher, den Kader zu moderieren. Was der gelobte Teamgeist wert ist, wird sich im Fall einer Durststrecke erweisen müssen.

Selbst, wenn die bisher erreichten zwölf Punkte den besten Saisonstart für Hertha als Aufsteiger bedeuten: Die Hertha-Saison 2010/11 unter dem damaligen Trainer Markus Babbel ließ sich nach den ersten acht Spieltagen genau so gut an. Das unrühmliche Ende samt Abstieg ist bekannt. Es besteht aktuell also kein Grund zum Übermut.