Die WM-Arena hatte sich weitgehend geleert, die Fans diskutierten mittlerweile auf dem Heimweg, aber der Stadionsprecher von Hannover 96 stand immer noch unter dem Eindruck jener 81. Minute. „Ja, und dann hat Jos Luhukay den Sieg eingewechselt“, kommentierte der Stadionsprecher den spektakulären Freistoß von Ronny. Es war die erste Ballberührung des just zuvor mit Sandro Wagner gekommenen Brasilianers. Wagner, der zuvor gefoult worden war, hat die Situation so erlebt: „Ich habe in der Mauer etwas aufgeräumt.“ Der Stürmer hatte mit seinen 92 Kilo eine Lücke in die 96-Abwehr gestemmt. Exakt dort hindurch jagte der Ball mit 119 km/h hoch in den linken Winkel.

Lob von 96-Trainer Slomka

Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger, der ebenfalls mit in der Mauer stand, kennt das Tor nur aus dem Fernsehen. „Ich stand dort, um dem Torwart etwas die Sicht zu nehmen. Als ich mich umgedreht habe, sprang der Ball schon wieder aus dem Netz.“

Nach der formidablen zweiten Hälfte von Hertha BSC in Hannover fühlte sich dieses Tor wie ein Sieg an. Der Vollständigkeit halber sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Partie 1:1 (0:1) endete. Ronny hatte die technisch schwierigste Ausführung gewählt. Mit dem Außenspann und dann mit viel Tempo ist es schwierig, den Ball exakt zu schießen. Doch mit der Präzision eines Videospiels schlug der Ball im Winkel ein. „Das ist nicht zu verteidigen“, räumte 96-Trainer Mirko Slomka ein.

Ronny erlöst die Mannschaft

Und Ronny gab das nächste Rätsel auf, das seine Person umgibt. Dreimal in Folge hatte er in der Startelf gestanden. „Da hat er nicht ganz glücklich gewirkt“, sagte Hertha-Trainer Luhukay. In der Bundesliga war bisher nichts zu sehen von der Unbeschwertheit, mit der der Spielmacher in der vorangegangenen Saison Topscorer der Zweiten Liga geworden war (18 Tore, 14 Vorlagen). In der Vorwoche beim 3:1 gegen Mainz hatte Ronny nach der Auswechslung auf der Bank noch geschmollt. Im Internet herrschte in den Fan-Foren die Meinung vor, Ronny tauge nicht für die erste Liga. Sechs Tage später, in Hannover, erlöste Ronny mit seinem Ballgefühl und dem Ausgleich die gesamte Mannschaft.

Der Trainer schmunzelte. Luhukay hatte Ronny zunächst 79 Minuten auf der Bank gelassen. „Dann muss ich ihn häufiger kitzeln, wenn es dann zu solch einer Entladung führt. Die Gewalt, die Ronny dem Schuss mitgibt, ist einzigartig.“ Luhukay erzählte, dass er zunächst lange nicht gewechselt habe, weil ihm das Spiel von Hertha sehr gut gefallen habe. „Das einzige, was fehlte, war ein Tor.“ Aber irgendwann habe er sich gesagt: Aus dem Spiel heraus wird das nichts mehr, jetzt geht es nur noch über einen Standard. Entsprechend wechselte er Ronny und Wagner ein. Als wenig später der Ausgleich fiel, wirkte der Trainer in sich gekehrt. Er war mit den Gedanken gerade woanders. „Als der Treffer fällt, dachte ich: Fußballgott, wie ist so etwas möglich?“

Ronny Vertrag bei Hertha BSC läuft bis 2017

Ronny staunte über Frage, ob er seinen ganzen Frust über den für ihn schwierigen Saisonverlauf in jenen Freistoß gelegt habe. „Nein, das ist eine Frage der Technik. Ich habe mich konzentriert, das ist meine Art zu schießen.“ Er hat schon einige sehenswerte Treffer erzielt. „Im Moment war das mein schönstes Tor. Nicht nur, weil der Ball dorthin geht, wo ich möchte, sondern weil wir auch einen Rückstand umgebogen haben.“ Ronny genoss die Aufmerksamkeit der Fans ebenso wie die der Medien. Aber natürlich will er regelmäßig in der Startelf stehen. „Ich muss akzeptieren, was der Trainer entscheidet, er ist der Chef.“ Seine Bundesliga-Bilanz steht bei drei Toren, alle als Einwechselspieler erzielt. „Warum das so ist, kann ich nicht erklären“, sagte Ronny. Sein Trainer sagte: „Für Ronny ist das Erfolgserlebnis wichtig. Ich wünsche mir, dass dem noch mehrere folgen. Wir und auch Ronny mussten uns dieses Glück erzwingen.“

Seit 2010 ist Ronny in Berlin, der Verein hat seinen Vertrag erst im Frühjahr bis 2017 verlängert. Im Sommer kam Ronny nicht in Form, im Herbst vermochte er nicht zu überzeugen. Nun zauberte er einen jener magischen Momente auf den Platz, der sich in das kollektive Gedächtnis der Hertha-Fans einbrennen wird.

Ronny tickt anders

Der Trainer liebt es, wenn seine Mannschaft funktioniert wie ein Uhrwerk. Zugleich weiß er, dass Ronny anders tickt. Nicht alle Profis sind Lauf- und Dynamik-Wunder. Bei Ronny fragt man sich manchmal, ob seine Art zu spielen noch in die Zeit passt. Aber in Hannover hat Hertha einmal mehr davon profitiert, nach arbeitsintensiven 80 Minuten eine andere Qualität in die Waagschale werfen zu können. Luhukay sagte: „Über Ronny kann man sich immer Gedanken machen. Er hat etwas Spezielles.“