Die möglichen Folgeerscheinungen dieser handballerischen Wurfgewalt waren besorgniserregend. Miro Schluroff war gerade drei Minuten ein echter EM-Teilnehmer, da stieg der knapp zwei Meter große Rückraumspieler hoch. Der 25-Jährige schien die Schwerkraft auszutricksen, flog und feuerte eine rechte Klebe aus dem Arm ab, dass einem angst und bange wurde um Constantin Möstl. Österreichs Torhüter bekam noch die Hände nach oben, doch seine Finger knickten furchteinflößend nach hinten. Keine Chance, das Geschoss am Einschlag hinter sich im Tornetz zu hindern. „Das hat mir gut gefallen“, sagte Schluroff danach. Natürlich nicht, dem Gegenüber wehzutun. Er meinte damit sein Turnierdebüt für die deutsche Nationalmannschaft: „Ich bin hier, weil ich aus dem Rückraum gut werfen kann. Das hat heute geklappt – also mache ich so weiter.“
Handball-EM: Wolff nimmt Mund voll und zeigt dann Leistung
Bundestrainer Alfred Gislason sah beim 30:27 (12:8) über den Alpennachbarn viel Steigerungspotenzial in der Offensive, deren Leistung Juri Knorr präzise als „konstant so lala“ brandmarkte. Die vor allem in der ersten Halbzeit starke Abwehr war der Schlüssel zum Sieg, weil auch Torhüter Andreas Wolff hinter einer großen Klappe richtig viel zu bieten hat. Die Quittung für seine Anti-Handball-Tirade bekam der Zwölf-Paraden-Mann durch Sebastian Frimmels – gleichwohl: unbeabsichtigten – Gesichtstreffer in der 41. Minute. Sein linkes Auge war mit Blut vollgelaufen, der 34-Jährige konnte nach kurzer Auszeit nur noch blinzeln. „Andi hat ein überragendes Spiel gemacht“, lobte Gislason aber seine Nummer eins. „Nach so einer Aussage muss man liefern – das hat er gemacht.“

Für einen entspannteren Samstagabend, an dem die deutsche Mannschaft im zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien (20.30 Uhr/ARD), das zum Auftakt Spanien 27:29 unterlag, bereits den Einzug in die Hauptrunde klarmachen kann, soll unter anderem Miro Schluroff sorgen. Der Bundestrainer sah seine Erwartungen an den Spätzünder in der Nationalmannschaft voll erfüllt: „Er stand gut in der Abwehr und hat uns sehr geholfen mit dem Druck aus neun Metern“, sagte der 66 Jahre alte Isländer. Der Name Schluroff ist durchschnittlich Handballinteressierten noch nicht so geläufig, der Gummersbacher gab erst im März seinen Einstand in der DHB-Auswahl, war 2018 U18-Europameister – aber im Sand, nicht in der Halle.
Ich kenne keinen anderen Spieler in der Bundesliga, der so leicht Tore werfen kann wie Miro.“
Juri Knorr,, Handball-Nationalspieler, schätzt die Explosivität des Teamkollegen
Debütant Miro Schluroff: Erst Europameister im Sand, jetzt in der Halle?
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Es benötigte einen längeren Anlauf, um aus dem Wurftalent einen Nationalspieler auf Halblinks zu formen. „Es gibt Jungs wie David Späth oder Juri Knorr, die schon seit dem 18. Lebensjahr auf dem Radar sind, sich unfassbar früh entwickelt haben“, sagte Schluroff. „Ich habe immer ein bisschen meine Zeit gebraucht, bin aber drangeblieben.“ Als er 2019 in die zweite Mannschaft der Füchse Berlin wechselte, musste er zunächst einmal die Selbstversorger-Prüfung bestehen. „Aufräumen, Wäsche waschen, kochen – das war eine Riesenumstellung.“ Schluroff meisterte sie, nach den Stationen in Wilhelmshaven und Minden fühlt er sich handballerisch im Bergischen Land heimelig. In der 51.000-Einwohner-Stadt Gummersbach sind alle dem VfL und seinen Topspielern (neben Schluroff hat Gislason noch Julian Köster, Tom Kiesler und Mathis Häseler nominiert) verfallen.

„Ich kenne keinen anderen Spieler in der Bundesliga, der so leicht Tore werfen kann wie Miro“, heißt es adelnd aus Juri Knorrs Mund, „er hat eine unglaubliche Explosivität.“ Und dazu „ein richtiges Fass im Arm“. Das fällt Gislasons Assistenten Erik Wudtke nämlich ein, wenn er auf Schluroffs rechten Oberarm schaut. Den plant er gar nicht „so aufzupumpen, dass er platzt“, ausschlaggebend für seine Erfolgsquote – gegen Österreich vier von vier – sei eher die Armlänge. „Ohne dass ich eine Bachelor-Arbeit darüber geschrieben hätte, würde ich sagen, dass sie und meine Technik mein großes Plus sind.“
Nationalspieler Schluroff hätte auch für Österreich auflaufen können
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Alfred Gislason hat die Verwechslungsgefahr nach Optik, Position und Vereinsherkunft mit Julian Köster inzwischen abgeschüttelt. Der Bundestrainer schätzt sich glücklich, mit einem unverbrauchten Trumpf in die EM zu gehen, nachdem seine Mannschaft bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr noch im Positionsangriff arge Ladehemmung gezeigt hatte. Denkbar wäre nämlich auch gewesen, dass Miro Schluroff am Donnerstagabend fürs Team Austria aufgelaufen wäre. Er erblickte am österreichischen Teil des Bodensees das Licht der Welt, als sein Vater, der ehemalige Fußballprofi Lars Unger (Anfang der Neunziger Jahre mit Werder Bremen Meister, DFB-Pokal-Champion und Europapokalsieger der Pokalsieger), zu der Zeit bei Schwarz-Weiß Bregenz unter Vertrag stand.

Später dann, als sich bei dem Sprössling das Handball-Talent bemerkbar machte, klingelte der ehemalige ÖHB-Trainer Ales Pajovic eines Morgens Miro Schluroff aus dem Bett, um das Interesse abzufragen, für sein zweites Heimatland zu spielen: „Ich musste erstmal klarkommen, Rollladen hoch machen. Weil wir aber schnell danach weggezogen sind und ich kaum Erinnerungen an Österreich habe, fühle ich mich deutsch. In Deutschland wird der größere Handball gespielt, ich bin froh, dass ich es jetzt bis hierhin geschafft habe.“
Und so kann er am Samstag wieder sein Fass im Arm präsentieren. Das Bundesliga-Radargerät löste bei seinem härtesten Wurf bei 130,79 km/h aus, gegen Österreich pfiffen Möstl die Bälle mit bis zu 130,14 km/h um die Ohren. Serbien habe zwar mit Dejan Milosavljev und Vladimir Cupara „Torhüter aus dem höchsten Regal“ sowie mit Mijajlo Marsenic und Dragan Pechmalbec „einen unfassbar starken, körperbetonten Innenblock“. Angst hat Miro Schluroff davor aber keine: „Ich habe ja noch einiges im Arm.“







