Tom Kiesler kennt das ja. Handball ist ein Sport, in dem Tore gezählt werden, die geworfen wurden. Nicht die, die verhindert wurden. Außer beim Torwart. Also stehen die im Rampenlicht, die dem Gegner am häufigsten eingeschenkt haben; weniger die, wegen derer die eigene Mannschaft am Ende weniger Treffer kassiert als erzielt hat. Deshalb zeigt sich Andreas Wolff auch begeistert von Miro Schluroffs sieben Toren gegen Portugal: „Wie er die da reingeschrotet hat“, sind die außergewöhnlichen Worte des 13-Paraden-Torhüters über Deutschlands besten Schützen. Schluroff, dessen Geschosse in diesem EM-Turnier schon in Überschallgeschwindigkeit von 134 km/h eingeschlagen sind, „muss mit seinem Wurf ja nicht mal bei neun Metern hochgehen“, sagt Bundestrainer Alfred Gislason nach dem 32:30 über Portugal. „Der Torwart hat ja nie gesehen, wo der Ball herkam.“ Letztlich macht Tom Kiesler selbst mit bei der Lobhudelei über seinen Vereinskollegen vom VfL Gummersbach: „Miro hat alles in den Knick getroffen. Besser geht es nicht.“

Tom Kiesler – Deutschlands unbesungener Held bei der Handball-EM

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Der 1,93 Meter große Abwehrspezialist gehört bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft zu den unbesungenen Helden. Seine Vielseitigkeit macht ihn für Gislason unverzichtbar. Eine Verletzung hinderte den Bundestrainer daran, Kiesler im vergangenen Jahr für die WM zu nominieren. Weil er erst im Oktober gegen Island sein Debüt für Deutschland gefeiert hatte, kam er mit gerade mal einer Handvoll Länderspielen zur EM. Nun ist er aber nicht mehr aus dem Team wegzudenken. Dass eher andere im Mittelpunkt des Interesses stehen, „juckt mich nicht“, erklärt Kiesler. „Meine Teamkollegen loben mich – das ist im Endeffekt das, was zählt.“

Deutschland - Österreich
Neue Säule im DHB-Team: Bundestrainer Gislason (links) mit Tom Kiesler.© dpa | Schuldt

Es ist stark davon auszugehen, dass dieser Zuspruch nicht abebben wird nach der zweiten Hauptrundenprüfung, für die sich die Norweger an diesem Samstag (20.30 Uhr/ZDF) Tabellenführer Deutschland (Dänemark besiegte Frankreich 32:29) gegenüberstellen werden. Die Skandinavier wirken in diesem Jahr gefestigter, was das 35:34 gegen Spanien bewies. Sander Sagosen ist wieder ein Mittelmann für die höchsten Ansprüche, mit Robin Haug und Thorbjörn Bergerud haben sie beste Voraussetzungen, um eine neuerliche Schluroff-Gala zu unterbinden. Kein Problem für Tom Kiesler: „Wir gehen da mit breiter Brust rein.“

Um Tom Kiesler bei der EM zu haben, schmeißt Bundestrainer Gislason Prinzipien über Bord

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Um den 24-Jährigen dabei zu haben, ist Alfred Gislason von seinen Prinzipien abgewichen. Der 66 Jahre alte Isländer mag es nicht, Defensivkünstler nach Ballgewinnen auswechseln zu müssen; das verschleppt das Tempo. Nun ist es aber wichtiger, den eigenen Kreis abzuriegeln, statt mit nach vorne zu hetzen. Tom Kiesler hat noch nicht einen Wurf bei der EM abgegeben; unbestätigt ist, ob er je die Mittellinie überquert hat. Da die europäische Elite gleichzeitig das Weltbeste im Handball ist, rechnet der Bundestrainer nicht damit, viele andere Spieler zu sehen, „die so flexibel und überall einsetzbar sind“ auf den vier Positionen im Innenblock. Kiesler, einer von vier Gummersbachern bei der EM, geht keinem Zweikampf aus dem Weg. Wenn er nicht blockt, versucht er, nicht zu hart, aber doch bestimmt Angriffe zu unterbinden. Er zupft, er zerrt, er kämpft, er klotzt sich fürs Team rein.

Er klaut auch unheimlich viele Bälle und verfügt über eine gute Antizipation.

Miro Schluroff, , Scharfschütze der DHB-Handballer, will Tom Kiesler nicht nur aufs körperliche Spiel reduzieren

Da erscheint es beinahe unwirklich, dass Tom Kiesler auch eine ganz andere Seite hat. Seit ein paar Jahren hat er einen Jagdschein. „Das ist ein ganz anderer Teil von mir. Ich genieße es, draußen in der Natur und mal alleine zu sein.“ Diese Abgeschiedenheit steht konträr zum Spiel auf der Handballplatte, wo der gebürtige Hesse Jäger und Rempler ist. Seit der A-Jugend spezialisierte er sich auf die Abwehrarbeit, weil er da herauskam, dass er wegen einer Schulterverletzung nicht so hart werfen konnte wie die Mitspieler. „Meine Qualität im Angriff ist nicht so gegeben“, sagt Tom Kiesler und lächelt verschmitzt. „Aber ich habe mich auch so durchgebissen – in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft.“

Deutschlands EM-Abwehrblock: „Wir wollen die Gegner quälen“

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So sehr, dass es mitunter schwierig erscheint, von dem Abwehrchef in der DHB-Auswahl zu sprechen. Natürlich, da ist Kapitän Johannes Golla. Da sind aber auch Julian Köster, Matthes Langhoff und Justus Fischer. „Unsere Energien im Innenblock matchen einfach, wir haben alle Bock darauf“, fasst Kiesler das bei dieser EM so zuverlässige Zusammenspiel zusammen. Bei den Trainern der Kontrahenten glaubt er deshalb schon, sich einen Namen gemacht zu haben. „Wir wollen die Gegner quälen, dass es für sie so schwierig wie möglich wird, ein Tor zu schießen.“

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Die Möglichkeit, Johannes Golla und Julian Köster auch mal Verschnaufpausen zu geben während der 60 Minuten, soll Deutschland bei diesem Turnier in Dänemark noch weit tragen. Für den 28 Jahre alten Kreisläufer Golla ist es „ein Luxus, die Spielzeit zu verteilen und Kräfte zu schonen. Bei unserem Programm ist es nahezu unmöglich, dass man das ganze Turnier durchspielt.“ Tom Kiesler sei eine Bereicherung für die Nationalmannschaft, lobt der Flensburger, „er lebt die Abwehrarbeit wie kaum ein anderer.“

Vergleiche mit Weltmeister Oliver Roggisch? Kiesler ist mehr als das, sagt Schluroff

So eine Persönlichkeit hatte die DHB-Auswahl schon mal vor nicht allzu langer Zeit: Oliver Roggisch, von 2002 bis 2014 Nationalspieler. Tom Kiesler fühlt sich bei Vergleichen geehrt, der Abwehrchef der 2007er-Weltmeister verstand es zu der Zeit wie kein anderer, am Kreis richtig zuzupacken. Miro Schluroff will seinen Mitspieler darauf aber nicht reduzieren: „Er klaut auch unheimlich viele Bälle und verfügt über eine gute Antizipation.“ Mit jedem weiteren Einsatz sollten Fans wie Gegenspieler Tom Kiesler immer mehr auf dem Radar haben.

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