Die Mensch gewordene deutsche Gelassenheit ist 1,91 Meter groß und fläzt sich über ein paar Stühlen seitlich der blauen Spielfläche in der Jyske Bank Boxen. Dabei wirkt es geradezu, als könnte Alfred Gislason mit seinen mächtigen Händen, die links und rechts an ausgestreckten Armen auf Rückenlehnen liegen, die Sitzmöglichkeiten mit Leichtigkeit zerdrücken, wenn er wollte. So viel Energie versprüht der 66 Jahre alte Isländer immer noch. Während die deutschen Handballer beim Abschlusstraining in Herning ihre gute Laune präsentieren, hat der Bundestrainer schon in den Turniermodus geschaltet. Äußerlich lässt sich Alfred Gislason die Angespanntheit nicht anmerken, er verzieht keine Miene, während David Späth und Justus Fischer nebenan auf der Platte herumalbern. Nicht umsonst umschreiben manche Begleiter den Bundestrainer als knurrigen Bären.
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Handball-EM: Es war für Gislason mehr drin als das Olympia-Silber 2024
Es ist davon auszugehen, dass es für Alfred Gislason keinen Unterschied machen würde, ob er an diesem Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) beim EM-Auftakt gegen Österreich in sein erstes oder eben tatsächlich 102. Länderspiel ginge. Diese Tatsache signalisiert ihm lediglich: „Wie schnell die Zeit vergeht.“ Stimmt, im März 2020 übernahm der frühere Meisterspieler von Tusem Essen den Posten des Bundestrainers von Christian Prokop. Die erschwerten Bedingungen fürs Nationalteam angesichts der Corona-Pandemie waren symptomatisch für die knapp sechs Jahre anhaltende Verbindung zwischen Gislason und dem Deutschen Handball-Bund: Richtig einfach war’s nie. Es galt, einen Umbruch zu managen und immer wieder vielen Verletzungen bei den Turnieren zu trotzen. Deshalb war da immer das Gefühl: Es hätte mehr herausspringen müssen als dieses eine Olympia-Silber 2024 in Paris.

Die EM ist nun Alfred Gislasons achtes Turnier – und unter Umständen schon das letzte. Zwar gilt sein Arbeitspapier noch bis zur Heim-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Doch der Mann, der auf Vereinsebene mit dem THW Kiel alles gewonnen hat, steht genau deswegen unter Druck. Wenn sich die Rückraum-Asse Juri Knorr und Renars Uscins so sehr freuen, mit so vielen guten Mitspielern wie noch nie zuvor ein Team zu bilden, und auch der Isländer ausnahmsweise frohlockt, „das ist die beste Nationalmannschaft, die ich trainiert habe“, steigen die Erwartungen. Die Protagonisten haben sich selbst aufs Erreichen des Halbfinals verständigt.
DHB-Präsident bringt mit Trennungsszenario Unruhe ins Handball-Team
Gislason verabschiedete sich dafür sogar von seinem Credo, ausschließlich für Angriffs- und Abwehrspieler Verwendung zu haben: Die EM-Debütanten Tom Kiesler sowie Matthes Langhoff gelten als reine Defensivspezialisten. Zwar beteuert DHB-Sportvorstand Ingo Meckes vor dem EM-Auftakt seine Loyalität: „Alfred hat ambitionierte Ziele formuliert – denen kann ich mich nur anschließen.“ Doch Präsident Andreas Michelmann hielt es im Dezember für angebracht, eine vorzeitige Beendigung des Arbeitsverhältnisses anzudenken, falls es nach den weiteren Gruppenspielen gegen Serbien und Spanien in der Hauptrunde mit den erwarteten Topgegnern Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal ein frühes Aus geben würde. „Wovon ich aber nicht ausgehe“, sagte Michelmann immerhin noch über eine bevorstehende Abschiedstournee.
Das Selbstbewusstsein der deutschen Spieler ist vor dem Nachbarduell mit Österreich sehr stark ausgeprägt. „Das Ziel Halbfinale ist im Hinterkopf“, sagt Kapitän Johannes Golla, „aber bei allen Eventualitäten können wir nicht so weit planen.“ Die Fußblessuren von Renars Uscins (kann gegen Österreich spielen) und Nils Lichtlein (soll im Laufe der Vorrunde wieder zum Team stoßen) gelten als erträglich im Vergleich zur Verletzungshistorie bei vergangenen Turnieren. Die nach Aussagen aller Beteiligten höhere Kaderqualität auf Topniveau soll verhindern, dass das deutsche Team sich wie bei der WM 2025 an Ort und Stelle erneut schwertut gegen vermeintlich leichtere Gegner. Was vielleicht schon dadurch ausgeschlossen wird, dass bis zum Finaltag 1. Februar ausschließlich Großkaliber aufs Gislason-Team warten würden.
Kohlbacher über Gislason: Nichts an „Aura und Respekt“ verloren
Der Bundestrainer lässt dieser Tage keine Gelegenheit aus, seine Verbundenheit zur DHB-Auswahl auszudrücken. Kein Wunder, bis auf die drei 2016er-Europameister Andreas Wolff, Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke sowie Johannes Golla hat Gislason alle 14 weiteren EM-Nominierten im Laufe der Zeit selbst rekrutiert. „Ich bin ein Riesenfan dieser Mannschaft“, sagt er daher. Gislason habe seit dem ersten Lehrgang in Aschersleben nichts an „Aura und Respekt, den wir alle vor ihm haben“, eingebüßt, erinnert sich Kreisläufer Kohlbacher.
Als große Stärke dieser Mannschaft, in der Knorr sich beim dänischen Topteam Aalborg HB durchgesetzt hat, Allzweckwaffe Julian Köster im Sommer den nächsten Karriereschritt zum THW Kiel vollziehen wird und Jungstar Marko Grgic sich eine Führungsrolle bei der SG Flensburg-Handewitt erkämpft hat, gilt der Zusammenhalt. Denn der Bundestrainer hielt auch an Spielern fest, als sie einmal nicht in Topform waren. „Ich bin sehr dankbar, dass er immer auf mich gesetzt hat“, sagt Juri Knorr. Auch wenn der Bundestrainer seltener auf Einzelgespräche setzt, „schenkt er uns Vertrauen, lobt uns nicht in den Himmel, hat aber Respekt vor unseren Leistungen.“
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Schluss 2027? Gislason: Es gibt viele „gute junge deutsche Trainer“
Als Anhänger seiner Nationalspieler würde Gislason deren Weg nur allzu gerne noch über die Heim-WM hinaus begleiten. „Es steht ja keiner von denen vor dem Karriereende. Diese Mannschaft ist schon gut, hat aber die Qualität, eine sehr gute zu werden.“ Sollte es am Ende doch zu keiner Einigung mit dem DHB kommen, könnte sich die Entwicklung unter „einer Reihe richtig guter junger deutscher Trainer“ fortsetzen. Mit dem Österreich-Spiel beginnt für Alfred Gislason die Mission, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.







