Vermutlich fällt es Mathias Gidsel leichter, am Kreis ein Solo zu starten, alle sechs Gegenspieler zu vernatzen und den Ball im Tor unterzubringen, als den Interviewbereich der Jyske Bank Boxen zu durchschreiten. Sobald der 26-Jährige dort auftaucht, herrscht Alarmbereitschaft unter den dänischen Journalisten. Kein Wort des Welthandballers bleibt ungehört und unbewertet. Seine Einlassungen nach Spielen des Weltmeisters und Olympiasiegers in Herning haben den Status einer Rede zur Lage der Nation. Vielleicht sind das die Momente, in denen Gidsel daran denkt, was der Hobby-Handwerker als nächstes an seinem Strandhaus herrichten möchte. Oder welches Café er mit seiner Freundin Katrine und Hündchen Hermann im Prenzlauer Berg, wo der Rückraum-Star der Füchse Berlin ja gerne lebt, ausprobieren möchte. Denn es tut Mathias Gidsel gut, nicht viel an Handball denken zu müssen. „Je glücklicher ich abseits des Feldes bin“, sagt er, „desto öfter landet der Ball oben im Winkel.“
Handball-EM: Deutschland spielt nach Schema D: schlecht starten, dann auf Wolff hoffen
Nicht alle seiner 39 erfolgreichen Abschlüsse bei dieser Europameisterschaft landeten im oberen Toreck, aber da sind die Dänen sehr nachsichtig. Überhaupt herrscht ja nach dem Vorrunden-Ausrutscher gegen Portugal, der ersten Heimniederlage seit 14 Jahren, wieder allgemeine Hygge. Also die wohlige Atmosphäre, in der sich die Skandinavier durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Auch nicht von der drohenden Aussicht, bei einer Niederlage an diesem Montag (20.30 Uhr/ARD) gegen Deutschland das EM-Halbfinale zu verpassen, sollte das Team von Alfred Gislason zum Ende der Hauptrunde nicht auch noch Frankreich besiegen. „Ein kleines Finale gegen unsere Freunde“, sagt Gidsel erwartungsfroh.

Wie er ist ein Großteil seiner Kollegen in der Bundesliga beschäftigt. „Aber es kann gerne so laufen wie beim letzten und vorletzten Mal“, ergänzt er mit spitzem Akzent und grinst. Bei der WM im vergangenen Jahr rollten die Super-Dänen auf dem Weg zu ihrem vierten Titel in Serie mit einem 40:30 über die DHB-Auswahl hinweg, im Finale der Olympischen Spiele 2024 zerlegten sie sie mit 39:26. Aber das Gislason-Team hat sich in einem Schema D die Chance erspielt, als erstes Team das Halbfinalticket lösen zu können. Beim 30:28 (15:17) über Norwegen am Samstagabend missriet wie schon gegen Portugal (32:30) die erste Halbzeit. Abermals musste eine Weltklasseleistung von Andreas Wolff zwischen den Pfosten her, dessen 22 Paraden „nicht von dieser Welt waren“, schwärmte Abwehrrecke Tom Kiesler. Erneut musste offensiv nach der Pause ein Spieler die Kohlen aus dem Feuer holen, von dem man es nicht erwarten konnte. Marko Grgic, bislang gar nicht im Turnier, traf siebenmal in nur 14 Minuten. „Wenn er nach so einer Leistung kein Selbstvertrauen hat, dann weiß ich es nicht“, sagte der Bundestrainer.
Welthandballer Gidsel zeigt bei der EM Dinge, die nur er kann
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Mathias Gidsel kann allzu gut einschätzen, wie wichtig der Kopf für den Erfolg, für die eigene Leistung ist. Dabei lässt er Handball auf der Platte auch dieser Tage so spielerisch leicht aussehen. Als könne er schweben, steigt er in die Höhe oder wirft sich in die Waagerechte, um den Abschluss um den Gegner herum zu suchen. Er spielt Zauberpässe, ist sich aber nicht zu schade, in der Abwehr zuzulangen. Gidsel ist rasant, sprüht vor Einfallsreichtum, überrascht damit manchmal sich selbst. Eigentlich ein Paradoxon, denn bei ihm geht vollständige Verausgabung nicht auf Kosten der konzentrierten Kreativität. Und fast nebenher macht er auch noch alle Mitspieler um sich herum besser.
Sie spielen in der Abwehr sehr hart, das ist schon eine Chance gegen uns.“
Mathias Gidsel , über Deutschlands Aussichten am Montag gegen Dänemark
Ganz und gar keine Selbstverständlichkeit ist dabei, mit dem Ruhm und der Zuneigung in einer Handballnation zurechtzukommen. Seit seiner WM-Premiere 2021 und zehn Toren gegen Bahrain in seinem erst vierten Länderspiel liegen die Dänen Mathias Gidsel zu Füßen. Der Beginn eines Höhenflugs. Damals wie heute geht es dem 1,90 Meter großen Halbrechten eigentlich nur darum, „auf dem Feld Spaß zu haben“. Doch dabei bleibt es nicht, wenn man einmal Medienstar und Nationalheld ist. Immense Erwartungen sind die erste Begleiterscheinung. Entweder muss er im nächsten Spiel auch zehn Tore werfen oder aber im Supermarkt an der Kühltheke mindestens zehn Autogramme geben. Weshalb er es ja so mag, in Berlins Hektik und Wuseligkeit recht unerkannt leben zu können.
Mathias Gidsels Aufstieg zum Welthandballer: Auf die harte Tour gelernt

„Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in dieser Welt eigentlich selbst schütze“, sagt Gidsel und schämt sich nicht vieler vergossener Tränen zu Beginn seiner Nationalmannschaftskarriere. Dabei wurde ihm schon vorher auf die harte Tour beigebracht, sich durchzusetzen. Als er mit 15 an die Efterskolen von Oure wechselte, ein Handballinternat und berühmte Kaderschmiede Dänemarks auf Fünen, war er noch schmächtig und plötzlich nicht mehr der Beste wie vorher in Skjern. Er hatte Heimweh und wollte nach Hause, doch die Mutter sagte am Telefon: „In der Familie Gidsel gibt man nicht auf, man gibt den Dingen erst eine Chance.“

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Er hat sie in Oure genutzt und auch später in der Nationalmannschaft – auch wenn das viel Einsatz erfordert, die Familie, Freunde und ein Mentaltrainer dazu beitragen. „Ich arbeite hinter den Kulissen sehr viel an mir selbst, um eine starke mentale Gesundheit aufzubauen und den damit verbundenen Druck bewältigen zu können.“ Seine Gelassenheit treibt ihn sogar so weit, Deutschland Tipps zu geben. „Sie spielen in der Abwehr sehr hart, das ist schon eine Chance gegen uns.“ Am einfachsten könnte es aber sein, wenn Andreas Wolff es am Montag schafft, dass Mathias Gidsel sich gedanklich ausnahmsweise ganz viel mit Handball beschäftigen muss.





