„Ihr Cholesterinspiegel ist viel zu hoch!“ Dieser Satz des Arztes löst bei vielen schlagartig ein schlechtes Gewissen aus, weiß Kardiologin Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher aus Erfahrung. Mit Blick auf die Laborwerte beginnt im Kopf die Rechnung: zu viel Butter, zu viel Käse, das Ei zum Frühstück. Viele Menschen verlassen die Praxis mit dem Gefühl, selbst schuld zu sein. Gleichzeitig kursieren Bücher und Videos, die das Gegenteil behaupten: Cholesterin sei gar nicht gefährlich und die Aufregung um zu hohe Werte nur ein Geschäftsmodell.

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Prof. Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Chefärztin am Marien-Hospital in Wesel, kennt beide Lager. „Das Thema Cholesterin ist ein emotionales Thema“, sagt sie. „Bücher, wie ‚Die Cholesterinlüge‘, verunsichern zusätzlich.“ Bei einer der bekanntesten Ernährungsregeln gibt Tiefenbacher den Zweiflern in diesem Teil der Serie „Herz-Doc“ recht. Gleichzeitig gibt sie bei bestimmten Laborwerten und damit verbundenen Mythen keine Entwarnung.

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LDL-Cholesterin erhöht Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

„Auf jeden Fall sind erhöhte Cholesterinwerte einer der Hauptrisikofaktoren für Herzinfarkte, Schlaganfälle et cetera“, daran lässt Tiefenbacher keinen Zweifel. Entscheidend sei dabei vor allem ein bestimmter Wert: das LDL-Cholesterin, ausgeschrieben Low Density Lipoprotein. „Das ist der Killer der Gefäße“, sagt die Kardiologin.

Den Vorwurf, Kardiologinnen, Kardiologen und Hausärzte verträten diese Position aus wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie, kennt Tiefenbacher. „Natürlich ist es für die Pharmaindustrie auch ein sehr lukratives Geschäft. Aber es gibt kein Thema, das in der Medizin annähernd so gut untersucht worden ist, wie der Zusammenhang zwischen einem erhöhten Cholesterinspiegel und Gefäßproblemen.“ Sie sei selbst Schulmedizinerin und sage klar: „Mich überzeugen die Daten der weltweiten Studien, die das ganz klar zeigen.“

Unabhängig vom erhöhten Gesundheitsrisiko möchte sie Betroffene jedoch auch mit Blick auf das schlechte Gewissen erleichtern: „Der Cholesterinspiegel wird im Wesentlichen genetisch determiniert“, erklärt Tiefenbacher. „Das ist auch in meiner Sprechstunde immer recht tröstlich für die Patientinnen und Patienten. Wenn ich ihnen sage, dass ihr Cholesterinspiegel viel zu hoch ist, dann sage ich ihnen direkt: ‚Aber da können Sie nicht so viel dafür, sondern eher Ihre Eltern oder Großeltern. Die haben Ihnen nämlich diese Gene mitgegeben.‘“

Fragen an „Herz-Doc“

Sie haben eine allgemeine Frage zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Gerne gibt unser Herz-Doc Antwort! Senden Sie uns einfach Ihre Frage per Mail an herzdocs(at)funkemedien.de. Die Einsendungen werden zunächst gesichtet, sortiert und gegebenenfalls an Herz-Spezialistin Prof. Dr. med. Christiane Tiefenbacher weitergeleitet und anonymisiert veröffentlicht.

Cholesterin: Dieses Lebensmittel ist doch nicht so schädlich wie gedacht

Damit fällt laut Tiefenbacher auch eine der hartnäckigsten Ernährungsregeln: „Die Empfehlung, dass man bei einem erhöhten Cholesterinspiegel keine Eier mehr essen darf, gilt mittlerweile nicht mehr.“ Natürlich sei das „kein Freifahrtschein, jeden Tag zehn Eier zu essen“. Aber ein Ei schade in der Regel nicht.

Egal sei die eigene Ernährung aber dennoch nicht. „Natürlich sollte sich jeder generell und mit Blick auf die Gefäße gesund ernähren und eben nicht Unmengen an Butter oder anderen tierischen Fetten essen.“ Aber niemand sollte erwarten, einen deutlich erhöhten Cholesterinwert allein durch die Ernährung in den Griff zu bekommen. Selbst durch eine cholesterinfreie Ernährung lasse sich der Spiegel „maximal um etwa zehn Prozent“ senken. „Mehr geht nicht“, betont die Kardiologin.

LDL-Cholesterin: So unterscheiden sich optimale Werte je nach Risiko

Was ein „guter“ LDL-Wert ist, hängt stark vom persönlichen Risiko ab. „Das lässt sich nicht an einer einzigen Zahl festmachen“, so Tiefenbacher. Entscheidend ist das persönliche Herz-Kreislauf-Risiko. Bei gesunden Menschen ohne zusätzliche Risikofaktoren seien auch „Werte von 120 bis 130 mg/dl akzeptabel“. Kommen mehrere Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen zusammen, nennt sie einen Zielwert von etwa 70 mg/dl. Wer bereits einen Herzinfarkt hatte, müsse deutlich tiefer: „Dann sollte das LDL-Cholesterin auf 55 mg/dl runter.“

Lesen Sie hier alle Teile unserer Herz-Doc Serie

Die Werte dienen der vereinfachten Orientierung. Der individuelle LDL-Zielwert richtet sich nach dem gesamten Herz-Kreislauf-Risiko und sollte ärztlich festgelegt werden. Wichtig ist Tiefenbacher zudem, dass die eigenen Werte wirklich regelmäßig kontrolliert werden – vom Hausarzt und bei Risikopatienten auch vom Kardiologen.

Und was ist mit dem vermeintlich „guten“ HDL-Cholesterin? Ganz so eindeutig sei die Aufteilung nicht mehr, auch wenn „das HDL auf jeden Fall günstiger ist als das LDL“, sagt Tiefenbacher. Studien, in denen man das HDL-Cholesterin medikamentös gesteigert habe, hätten aber nichts gebracht. Der früher übliche Quotient aus beiden Werten werde heute nicht mehr berücksichtigt. „Ein hoher HDL-Wert gleicht einen hohen LDL-Wert nicht aus“, betont sie.

Cholesterin mit Statinen senken? Kardiologin räumt mit Mythos auf

Bedenkt man, dass auch der Einfluss der Ernährung begrenzt ist, führt bei behandlungsbedürftigen Cholesterinwerten laut Tiefenbacher meist kein Weg an Medikamenten vorbei. Inzwischen gebe es „eine breite Palette an cholesterinsenkenden Medikamenten“ – und eine feste Reihenfolge, in der sie eingesetzt werden.

Behandlung von Cholesterin

Am Anfang stehen die Statine, die laut Tiefenbacher „eigentlich sehr effektiv sind“. Ihr größter Kritikpunkt in der Öffentlichkeit: Muskelschmerzen. Doch die Kardiologin widerspricht: „Dieser Muskelschmerz ist ebenfalls ein Mythos.“ In Placebovergleichen hätten Teilnehmende ohne Statin ähnlich häufig über Muskelschmerzen berichtet wie Teilnehmende mit Statin. „Dennoch berichten Patientinnen und Patienten immer wieder über Muskelschmerzen – und wenn das der Fall ist, lässt sich das Statin nicht in der nötigen Dosis einsetzen“, sagt sie.

Dann kommen andere Medikamente ins Spiel, die sich gegebenenfalls auch kombinieren lassen. Zu den neueren Möglichkeiten zählen PCSK9-Hemmer, die je nach Wirkstoff als Tablette oder die in größeren Abständen als Spritze verabreicht werden können. „Gerade Letztere sind sehr wirksam, aber auch sehr teuer.“ Sie müssen je nach Präparat monatlich oder sogar nur zweimal im Jahr gespritzt werden, verursachen laut Tiefenbacher aber „Therapiekosten von etwa 1000 Euro pro Monat“. Deshalb sei politisch vorgeschrieben, erst mit den günstigeren Medikamenten zu beginnen: „Nur wenn das alles nicht klappt, dann stellt man auf diese Spritzen um.“