Millionen Menschen schlucken sie täglich, viele seit Jahrzehnten: Statine senken das Cholesterin und sollen Herzinfarkt und Schlaganfall verhindern. Doch was passiert, wenn ältere Menschen die Tablette weglassen? Eine französische Studie liefert laut Deutschem Ärzteblatt Antworten.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Forschende des Universitätsklinikums Bordeaux begleiteten Patientinnen und Patienten aus französischen Hausarztpraxen. Alle waren mindestens 75 Jahre alt und nahmen seit mindestens einem Jahr ein Statin – allein zur Vorbeugung. Eine Gefäßerkrankung hatte niemand von ihnen. Der Zufall entschied, wer weiter schluckte und wer absetzte.
Cholesterin senken: Statine bei Bluthochdruck bewährtes Mittel
Danach beobachteten die Forschenden beide Gruppen 36 Monate lang. Von Juni 2016 bis Januar 2020 kamen 1180 Teilnehmende zusammen, 1160 flossen in die Auswertung ein. Sie waren im Mittel 80 Jahre alt. Knapp 30 Prozent hatten Diabetes, mehr als drei Viertel Bluthochdruck.
Was sind Statine und wie wirken die Cholesterinsenker?
Statine sind Medikamente, die das LDL-Cholesterin im Blut senken. Sie hemmen in der Leber ein bestimmtes Enzym, die HMG-CoA-Reduktase. Dadurch bilden die Zellen weniger eigenes Cholesterin – und holen sich zum Ausgleich mehr LDL-Cholesterin aus dem Blut. Der Blutwert sinkt. Weniger LDL-Cholesterin bedeutet weniger Arterienverkalkung. So schützen Statine vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Das erklärt die Deutsche Herzstiftung.
- Wirkstoffe: unter anderem Simvastatin, Pravastatin, Fluvastatin, Atorvastatin, Rosuvastatin und Lovastatin.
- Nutzen: Senkt eine Behandlung das LDL-Cholesterin um 1 mmol/l (etwa 40 mg/dl), sinkt das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Stent oder Bypass um etwa 20 bis 25 Prozent pro Jahr. Das errechneten die „Cholesterol Treatment Trialists‘ Collaborators“ 2012 aus 27 Studien mit mehr als 170.000 Patienten.
- Nebenwirkungen: Fünf bis zehn Prozent berichten über Muskelbeschwerden. In neun von zehn Fällen steckt laut Herzstiftung eine andere Ursache dahinter. Sehr selten kommt es zum Muskelverfall (Rhabdomyolyse) – geschätzt ein bis drei Fälle, wenn 100.000 Menschen ein Jahr lang ein Statin nehmen.
Statine absetzen: Was zeigt die neue Studie bei Menschen ab 75?
Nach drei Jahren waren 48 von 604 Menschen mit fortgeführter Therapie gestorben, das sind 7,9 Prozent. In der Gruppe ohne Statin starben 35 von 484 – 7,2 Prozent. Damit war das Absetzen dem Weiternehmen nicht unterlegen. Auch bei schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen lagen die Gruppen dicht beieinander: 4,4 Prozent unter Therapie, 5,0 Prozent nach dem Absetzen.
Die Autorinnen und Autoren schränken ihr Ergebnis aber auch selbst ein. Geplant waren 2430 Teilnehmende, gewonnen wurden nur 1180. Zudem starben deutlich weniger Menschen als angenommen. Dadurch fällt die Schätzung ungenauer aus als geplant.
Lesen Sie auch
Statine absetzen: Verbessern sich Nebenwirkungen und Lebensqualität?
Ein zweiter Befund überrascht mehr: Wer das Statin wegließ, fühlte sich hinterher nicht besser. Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf, bei 73,1 gegenüber 74,0 Prozent. Auch die Lebensqualität unterschied sich nach drei Jahren nicht.
„Der klinisch wohl aufschlussreichste Befund ist möglicherweise nicht das Ergebnis zur Nichtunterlegenheit selbst, sondern vielmehr das Ausbleiben messbarer patientenrelevanter Vorteile nach dem Absetzen der Statintherapie“, schreibt Shefa Arya Nezhad von der Yale School of Medicine in New Haven mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Untersucht wurde eine Gruppe, die ihr Statin ohnehin seit Langem vertrug. Wer Nebenwirkungen spürt, nimmt das Mittel selten jahrelang ein.
Lesen Sie auch
Wann kann man Statine absetzen – und wann nicht?
Die Fachleute warnen davor, das Weglassen von Medikamenten pauschal für einen Gewinn zu halten. Sinnvoll sein könne ein Absetzen, wenn Patientinnen und Patienten ihre Medikamentenlast senken möchten, bei begrenzter Lebenserwartung, bei sehr vielen Medikamenten oder wenn sich die Therapieziele ändern. „Das Alter allein ist kein ausreichender Grund.“

Auch die Deutsche Herzstiftung zieht eine klare Grenze. Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder einer anderen arteriosklerotischen Erkrankung schützen Statine auch jenseits von 75 Jahren vor Herzinfarkt und Schlaganfall. In Studien erwies sich ein Absetzen im Alter sogar als besonders gefährlich. Die neue Untersuchung aus Bordeaux betrifft diese Gruppe nicht – sie schloss ausschließlich Menschen ohne solche Vorerkrankung ein.











