Der Thymus galt lange als Organ mit Verfallsdatum. In der Kindheit ist er zentral für den Aufbau des Immunsystems, später schrumpft er und verliert, so die gängige Annahme, weitgehend seine Bedeutung. Doch dieses Bild gerät ins Wanken. Neuere Forschung legt nahe, dass der Thymus auch im Erwachsenenalter aktiver und bedeutsamer ist als bislang angenommen.

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Das kleine Organ liegt hinter dem Brustbein, wiegt nur wenige Dutzend Gramm und ist an der Reifung von T-Zellen beteiligt, jenen Immunzellen, die infizierte oder entartete Körperzellen erkennen und bekämpfen können. Studien bringen einen gut erhaltenen Thymus inzwischen mit einem geringeren Krebsrisiko, höherer Lebenserwartung und einem besseren Ansprechen auf bestimmte Immuntherapien in Verbindung. Auch Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden untersucht.

Thymus und Krebs: Warum das Organ plötzlich wichtig wird

Wie relevant der Thymus auch im Erwachsenenalter sein könnte, zeigt nun eine aktuelle Studie des US-Klinikverbunds Mass General Brigham. Die im Fachjournal „Annals of Oncology“ veröffentlichte Untersuchung widmet sich einer bislang wenig beachteten Frage: Was geschieht mit dem Thymus, wenn er bei einer Strahlentherapie gegen Lungenkrebs unbeabsichtigt mitbestrahlt wird?

„Wenn der Thymus eine so wichtige Rolle für die Immunabwehr spielt, sollten wir ihn dann auch während einer Krebsbehandlung schützen?“, sagt Studienleiter Hugo Aerts anlässlich der Veröffentlichung. Genau dieser Frage ging sein Team anhand der Daten von 1.107 Patientinnen und Patienten mit lokal fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs nach. Dabei handelt es sich um die häufigste Form von Lungenkrebs.

Der Thymus selbst ist bei der Behandlung nicht das Ziel. Weil er jedoch hinter dem Brustbein und damit in unmittelbarer Nähe vieler Tumoren im Brustkorb liegt, kann er bei der Bestrahlung dennoch eine erhebliche Dosis abbekommen.

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Strahlentherapie bei Lungenkrebs: Höhere Dosis, schlechtere Prognose

Um herauszufinden, welche Folgen die unbeabsichtigte Bestrahlung haben könnte, werteten die Forschenden CT-Aufnahmen und Behandlungsdaten aus. Mit computergestützten Verfahren bestimmten sie zunächst, wie gut der Thymus vor Beginn der Therapie erhalten war. Anschließend berechneten sie, welcher Strahlendosis das Organ während der Behandlung ausgesetzt gewesen war.

Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Patientinnen und Patienten mit einem gut erhaltenen Thymus hatten insgesamt die besten Überlebenschancen. Dieser Vorteil schwand jedoch, je stärker das Organ bestrahlt wurde. Mit zunehmender Strahlendosis im Bereich des Thymus verschlechterte sich die Prognose. Laut der Studie waren sowohl das Sterberisiko als auch das Risiko für Metastasen außerhalb des Brustkorbs erhöht.

Der Zusammenhang zeigte sich allerdings vor allem bei Menschen, deren Thymus zu Beginn der Behandlung noch gut erhalten war. War das Organ bereits deutlich zurückgebildet, machte die zusätzliche Strahlenbelastung in der Analyse kaum einen Unterschied.

Auch spätere CT-Aufnahmen deuteten darauf hin, dass die Bestrahlung Spuren hinterlassen könnte. Je höher die Dosis, desto stärker verschlechterte sich der Zustand des Thymus. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass Strahlung die Funktion des Organs beeinträchtigen könnte – und damit möglicherweise auch einen Teil jener Immunabwehr, die den Körper bei der Kontrolle von Tumorzellen unterstützt.

Raymond H. Mak, Strahlentherapeut am Mass General Brigham Cancer Institute und Mitautor der Studie, folgert daraus, dass gerade jene Patientinnen und Patienten, die besonders von einer Immuntherapie profitieren könnten, möglicherweise auch am meisten von einer Schonung des Thymus hätten. Eine erfolgreiche Krebsbehandlung, so Mak, bedeute nicht nur, den Tumor zu bekämpfen, sondern auch das Immunsystem möglichst zu erhalten.

Thymus schützen? Was die Studie noch nicht beweist

So plausibel diese Interpretation klingt, sie hat eine wichtige Grenze: Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt, dass stärkere Thymus-Bestrahlung und schlechtere Krankheitsverläufe gemeinsam auftreten. Sie beweist aber nicht, dass die Bestrahlung des Organs die Ursache dafür ist.

Auch andere Faktoren könnten das Ergebnis beeinflusst haben. So ist denkbar, dass schwerer erkrankte Patientinnen und Patienten größere Bestrahlungsfelder benötigten und ihr Thymus deshalb stärker belastet wurde – während ihre Prognose unabhängig davon bereits ungünstiger war. Ob eine gezielte Schonung des Organs tatsächlich das Überleben verbessert, müsste daher erst in klinischen Studien geprüft werden.

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Thymus-Entfernung: Frühere Studie zeigte erhöhtes Krebsrisiko

Dennoch steht die aktuelle Untersuchung nicht für sich allein: Sie fügt sich in frühere Studien ein, die darauf hindeuten, dass der Thymus auch im Erwachsenenalter eine wichtige Rolle für die Immunabwehr spielen könnte. Bereits 2023 sorgte eine im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Untersuchung für Aufmerksamkeit. Sie befasste sich mit den Folgen einer Thymektomie, also der operativen Entfernung des Thymus. Beobachtet wurden 1.146 Patientinnen und Patienten, denen das Organ entfernt worden war.

Im Vergleich zu Menschen, bei denen der Thymus erhalten blieb, zeigte sich innerhalb von fünf Jahren eine höhere Sterblichkeit und ein erhöhtes Risiko für neu auftretende Krebserkrankungen. Auch hier gilt: Die Daten beweisen nicht, dass die Entfernung des Organs unmittelbar für spätere Erkrankungen verantwortlich war. Sie stützen jedoch die Annahme, dass der Thymus auch im Erwachsenenalter eine schützende Funktion behalten könnte. Für die Krebsmedizin könnte das bedeuten, künftig nicht nur den Tumor möglichst präzise zu behandeln, sondern auch stärker darauf zu achten, dieses unscheinbare Organ nicht unnötig zu schädigen.