Es beginnt harmlos. Ein freundlicher Kommentar im Chat eines Online-Games oder ein Kompliment auf Instagram. Ein neuer „Freund“ ist da – jemand, der zuhört. Doch was viele Kinder nicht wissen: Vor dem anderen Bildschirm sitzt jemand, der es nicht gut mit ihnen meint. Die Gefahr ist unsichtbar und allgegenwärtig. In Videospielen, Messengern und sozialen Netzwerken entstehen Räume, in denen Erwachsene oder Heranwachsende gezielt Nähe aufbauen, Vertrauen erschleichen und Kinder bewusst manipulieren.

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Bei dieser gezielten Anbahnung über digitale Medien – oft mit sexuellen Absichten – sprechen Experten von Cybergrooming. Aufsehen erregt zurzeit ein besonders schwerer Fall: Ab Freitag, 9. Januar, steht in Hamburg vor Gericht der „White Tiger“ vor Gericht. Unter diesem Pseudonym soll der mutmaßliche Pädokriminelle mehr als 200 Straftaten an Minderjährigen im Netz begangen haben, darunter einen vollendeten und fünf versuchte Morde.
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Missbrauch in Chats: Wie Cybergrooming Kinder bedroht
„Die Täter fühlen sich so sicher im Netz, dass sie so gut wie gar keine allzu großen Hemmungen haben, so skrupellos vorzugehen”, sagt Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger, Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei in Oranienburg. Hier erklärt der Kriminologe, wie die Anbahnung in Chats abläuft, welche drastischen Folgen die Erpressung für Kinder und Jugendliche haben kann und welchen Fehler Eltern nicht begehen sollten.
„Cybergrooming beschreibt den Mechanismus, dass ein Täter oder eine Täterin über das Internet oder digitale Medien in irgendeiner Form auf ein Kind einwirkt, um dadurch erst einen sexuellen Übergriff zu ermöglichen“, erklärt Rüdiger. Rund 16 Prozent der unter 14-Jährigen wurden deutschlandweit bereits Opfer von Cybergrooming, das zeigt eine aktuelle Studie der Landesanstalt für Medien NRW. Bisher ist Cybergrooming nur dann strafbar, wenn der Täter auf ein Kind einwirkt. Rüdiger fordert daher, dass der strafrechtliche Schutz auch auf Jugendliche erweitert werden muss.
Laut dem Kriminologen sind bis zu 90 Prozent der Täter männlich. Doch auch Mädchen können digital zu Täterinnen werden, besonders wenn sie sehr jung sind. Rüdiger beobachtet eine interessante Tendenz: „Je jünger die Tatverdächtigen sind, desto häufiger treten auch Mädchen als Tatverdächtige in Erscheinung.” Dafür hat er eine Erklärung: „Cybergrooming kann auch den Austausch intimer Nachrichten und Medien zwischen minderjährigen Paaren erfassen. Beispielsweise, wenn eine 14-Jährige mit ihrem 13-jährigen Freund intime Nachrichten austauscht, also sogenanntes Sexting betreibt.”
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Kriminologe: „Ein Bild, und es beginnt der Erpressungskreislauf”
Die Strategien der Täter sind sehr vielfältig, folgen aber ähnlichen Mustern. „Es kann sein, dass der Täter dem Kind Geld bietet. Das geht dann manchmal nahtlos in die sogenannte Taschengeld-Szene über“, berichtet der Cyber-Experte. Bei sogenannten Taschengeld-Treffen bieten Täter Betroffenen Geld und im Gegenzug „bezahlen“ diese mit intimen Bildern oder sogar sexuellen Dienstleistungen. „Oder er bietet virtuelle Währung für Online-Spiele. Genauso gibt es aber auch die Vorgehensweise als ‚Modelscout‘.“
Das Gefährliche dabei ist: „Hat ein Kind erst einmal ein intimes Bild verschickt, beginnt oft eine Art Erpressungskreislauf“, erklärt Rüdiger. „Wenn Kinder etwas Schlimmes im Internet erleben und mit ihren Eltern darüber reden, dann könnte es sein, dass ihnen das Handy oder die Spielkonsole weggenommen werden.“ Viele Betroffenen schweigen daher aus Scham oder Angst. Entweder aus Angst, ein Handyverbot zu bekommen oder Ärger zu riskieren, oder auch aus Angst vor dem Täter, der indirekt Familienmitglieder bedroht.

Cybergrooming-Masche: Diese Warnzeichen sollten Eltern kennen
Das Kind muss dabei die Absicht des Täters nicht unbedingt erkennen, erklärt der Kriminologe. „Stellen wir uns mal vor, ein Täter spielt in einem Onlinespiel mit einem Kind, um an es heranzukommen. Seine Vorgehensweise ist so, dass er erst Vertrauen aufbaut und später übergriffig wird.” Hört das Kind allerdings auf, bevor der Täter die Handynummer erlangen konnte, der somit keine intimen Bilder oder Ähnliches bekommt, weiß es nicht, dass es gerade einem Täter entwischt ist. Dennoch handelt es sich laut Rüdiger um Cybergrooming. Besonders belastend ist auch die Tatsache, dass intime Bilder oder Chats dauerhaft im Umlauf sein könnten.
Doch wie erkennen Eltern, ob ihr Kind womöglich betroffen ist? Die möglichen Folgen von Cybergrooming laut Experte:
- Vertrauensprobleme
- Rückzug
- Schlafstörungen
- Leistungsabfall in der Schule
- Depressionen
- Suizidgedanken
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Anzeigebereitschaft bei Cybergrooming sehr gering
Die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen, Cybergrooming anzuzeigen, ist laut dem Experten erwartbar gering. Betroffene schweigen aus Scham, Angst oder Schuldgefühlen, und die Täter bleiben dadurch oft lange unentdeckt. „Meiner Erfahrung nach wird Cybergrooming viel zu selten angezeigt. Wir reden über etwa 3000 Anzeigen pro Jahr, mal mehr, mal weniger“, so Rüdiger.
Beinahe ein Viertel der unter 18-Jährigen in Deutschland geben laut der Medienanstalt NRW an, bereits Cybergrooming in Online-Games oder Foren erlebt zu haben. Täter fühlen sich auch heute noch sicher und fürchten kaum strafrechtliche Verfolgung. Aus Sicht des Kriminologen braucht es einen grundlegenden Kurswechsel:
- verpflichtende digitale Bildung ab der Grundschule
- leicht erreichbare Online-Anlaufstellen für Kinder
- sichtbare Präsenz der Polizei im Netz
- klare gesetzliche Regelungen
- Erweiterung des Strafrechtsschutzes auf jugendliche Opfer
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„In Deutschland hängt es vom Glück ab, ob ein Kind an eine Schule mit aufgeklärten Lehrkräften kommt und in irgendeiner Form auf das digitale Zeitalter vorbereitet wird. In vielen Fällen passiert gar nichts. Und das bedeutet auch, dass sie nicht darauf vorbereitet werden, dass es Täter im Netz gibt“, blickt Rüdiger auf die Lage. Vor allem brauche es eine offene Gesprächskultur in Familien, in der die Eltern gute Vorbilder seien.
„Für mich gehört zu einer Vorbildfunktion auch, dass wir keine Bilder von unseren Kindern posten. Auch nicht als Profilbild oder im Status. Kinder sind sonst für immer im Netz erkennbar”, warnt Rüdiger. Der eindringliche Appell des Cyberkriminologen: Cybergrooming dürfe nicht länger als unvermeidliches Nebenprodukt des Internets hingenommen werden. „Die Gesellschaft kann etwas tun.“












