Kind will nicht schlafen? Diese Routine kann helfen
- Abende mit Kindern arten schnell in Stress aus, wenn der Nachwuchs nicht schlafen will
- Stundenlanges Danebenliegen oder gar schreien lassen – was ist nun richtig?
- Schlafexperten Dr. Daniela Dotzauer hat einen ganz anderen Ansatz
„Jetzt schlaf doch bitte endlich ein!“ Unzählige Mamas und auch Papas brauchen abends oft Stunden und ihre letzten Nerven, bis das Kind endlich in den Schlaf gefunden hat. Das kann zermürbend sein. Oft versuchen sie sich Rat aus dem Internet zu holen, doch dort wird sehr viel Unsinn zu dem Thema verbreitet.

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Dr. Daniela Dotzauer ist eine echte Baby-Schlaf-Koryphäe. Sie schafft es, junge Eltern, die unsicher im Umgang mit ihrem Kind sind, abzuholen und die Einschlafbegleitung deutlich zu verkürzen. Im Interview verrät sie ihre Tipps.
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Viele Eltern fürchten den Abend. Ein Horror die Vorstellung, dass es wieder Stunden dauern wird, bis ihr Kleinkind endlich in den Schlaf gefunden hat. Woran liegt es, dass das bei vielen ein so großes Problem ist?
Daniela Dotzauer: Es gibt viele Mythen und Missverständnisse zum Thema Kinderschlaf. In meiner Beratung stoße ich immer wieder darauf, dass Eltern maximale Geborgenheit vermitteln wollen und glauben, dies gelingt durch Streicheln, Handhalten und stundenlanges Danebenliegen. Weil es irgendwann endlich schläft, bemerkt das Kind das Wegschleichen des Elternteils nicht, erlebt aber beim nächtlichen Erwachen, dass durch den Schlaf wieder einmal Mama oder Papa abhandengekommen ist. Nächstes Mal muss besser aufgepasst werden.
So entsteht das gegenseitige Belauern. Die Eltern lauern darauf, dass sie sich rausschleichen können, während das Kind sich krampfhaft wach hält, um genau dies zu verhindern. Man erreicht also genau das Gegenteil von dem, was man sich wünscht, nämlich, dass sich das Kind entspannt und glücklich einschlummert. Das gegenseitige Lauern macht es zu einem langen und quälenden Prozess. Und erst bei maximaler Übermüdung fällt das Kind irgendwann in den Schlaf.
Kinder ins Bett bringen: Erwartungshaltung ist oft das Problem
Das klingt nicht nach einem entspannten Abend-Ritual.
Dotzauer: Nein, überhaupt nicht. Häufig sind die Eltern mit ihren Nerven am Ende und gehen daher den Weg des geringsten Widerstands. Das bedeutet, die Eltern übernehmen den kompletten Beruhigungs- und Einschlafjob für ihre Kinder. Das wird zur Gewohnheit. Die Kinder ihrerseits lernen dadurch keine eigenen Einschlafstrategien (zum Beispiel das selbstständige Nutzen des Schnullers oder des Kuscheltieres) und sind beim nächtlichen Erwachen hilflos.
Die größte Unklarheit besteht darin, dass viele Eltern ihre Kinder am Abend gerne in den Schlaf begleiten, aber in der Nacht nicht mit dem regelmäßigen Erwachen rechnen und erwarten, dass das Wiedereinschlafen in der Nacht ohne ihr Zutun gelingen sollte. Dem ist nicht so. Und so werden die müden Eltern um erneute nächtliche Hilfe gebeten.

Es spricht aber doch nichts dagegen, wenn das Kind nachts ins Elternschlafzimmer kommt und dort weiterschläft, oder?
Dotzauer: Nein, da spricht überhaupt nichts dagegen. Kinder sollen immer zu den Eltern kommen dürfen. Gleichzeitig ist es für das heranwachsende Kind gut, wenn es weiß, wie es selbstständig in den Schlaf findet und auch die Nacht meistern kann. Gelingt das nicht, kann der Schlafbesuch bei einer Freundin, die Kita-Übernachtung oder die Lesenacht in der Grundschule zum Problem werden. Das Kind wird sich dann selbst von altersgemäßen Erfahrungen abschneiden.
Was empfehlen Sie stattdessen, um zum Beispiel ein dreijähriges Kind liebevoll zu Bett zu bringen?
Dotzauer: Hilfreich ist es, wenn Eltern am Abend die Führung übernehmen und eine sinnvolle Abendroutine gestalten.
Abendroutine in acht Schritten: Das empfiehlt die Expertin
- Durch ein frühes Abendessen entsteht noch Raum für eine schöne gemeinsame Spielzeit.
- Nach Waschen und Zähneputzen findet das Abendritual in dem Zimmer statt, in dem das Kind schlafen soll.
- Damit das Kind seine Müdigkeit auch spüren kann, kommt jetzt die Bilderbuch-Zeit: Mit dem Kind auf dem Schoß oder im Arm liegend, ist hundertprozentiger Einsatz von Mama oder Papa gefragt. Mit verschiedenen Stimmen lesen und ganz viel Gefühl, das hält das Kind bei der Stange. Das Kuscheltier ist natürlich dabei, und der Elternteil achtet auf die Müdigkeitssignale des Kindes.
- Zeigt sich das Kind müde, beginnt das, was ich „Herzenszeit“ nenne: sich noch mal mit dem Kind verbinden, in den Arm nehmen, intensives Kuscheln, über den Tag sprechen, sich zusammen daran erinnern, was besonders schön war heute, und dem Kind sagen, wie lieb man es hat und wie stolz man auf es ist.
- Ein letztes Lied und eine Verabschiedung zur „guten Nacht“, denn jetzt beginnt die Schlafenszeit.
- Und wenn das Kind noch nicht daran gewöhnt ist, selbstständig einzuschlafen, sich mit etwas Abstand neben das Kind legen (mit einer kleinen räumlichen Trennung, zum Beispiel einer „Bettschlange“ zwischen dem Erwachsenen und dem Kind oder einer eigenen Matratze neben dem Kinderbett.)
- So bleibt Mama oder Papa noch neben dem Kind liegen, dreht sich aber auf die andere Seite und simuliert ein kleines Schnarchen. Warum? Weil dadurch das Kind die Möglichkeit erhält, eigene Strategien zu entdecken und einzuüben. Selbstständig, aber nicht alleine.
- Gibt es Protest, wird gut zugeredet und weitergeschlafen. Ein schlafender Elternteil ist maximal langweilig, und es ist nicht lukrativ für das Kind, sich wach zu halten. Der Erwachsene ist zwar noch im Raum, steht dem Kind aber nicht mehr zur Verfügung. Er oder sie bleibt im „Fake“-Schlaf neben dem Kind, bis es eingeschlafen ist.
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Und das funktioniert?
Dotzauer: In der Regel, ja. Natürlich ist das jetzt sehr schematisch dargestellt. In meiner Beratung dagegen gehe ich individuell auf jedes Kind und die Familiensituation ein. Besonders das Alter des Kindes spielt bei der Einschlafbegleitung eine entscheidende Rolle. Aber durch den skizzierten Ablauf bekommt man eine Vorstellung von dem, was ich empfehle. Und nach ein paar Abenden wird das in der Regel zügig klappen.
Das ist aber auch ein aufwendiges Programm.
Dotzauer: Auf den ersten Blick vielleicht, aber durch diese Struktur ist es für alle viel schöner, vorhersehbarer, funktionaler und zügiger, als wenn die Kinder mehrfach wieder aufdrehen, um den Schlaf zu vermeiden. Dank der beschriebenen Abendroutine werden die Kinder schlafbereit. Alle Bedürfnisse sind erfüllt, und sie freuen sich auf diese gemeinsame Zeit. Sie machen gerne mit, arbeiten nicht dagegen.
Diese „Herzenszeit“ ist für mich die wichtigste Zeit des Tages. Wir sprechen über das, was heute schön war, wir versichern uns unserer Liebe, verabschieden uns zusammen vom Tag, und dann kann sich das Kind ohne Angst dem Schlaf überlassen. Dank dieser Sicherheit ist es auch kein Drama, wenn es nachts mal aufwacht. Es kann sich sein Schnuffeltuch oder Kuscheltier nehmen und sich selbst beruhigen oder – wenn es im Zimmer der Eltern schläft – erhält es eine soziale Rückversicherung, wenn Mama oder Papa mit den Schlafgeräuschen signalisiert: „Wir sind da, keine Sorge“.
Zur Person: Das ist Dr. Daniela Dotzauer
Dr. Daniela Dotzauer arbeitete am Kinderzentrum München in der renommierten „Münchener Sprechstunde für Schreibabys“ und blickt auf eine 30-jährige Erfahrung in der Kinderheilkunde zurück. Heute berät sie Eltern in eigener Praxis und online zum Thema „Einschlaf-Begleitung“, aber auch zu anderen Kleinkinder-Themen.
Kinder im Familienbett: „Jeder ist für seinen eigenen Schlaf zuständig“
Sie sagen „Wenn es im Schlafzimmer der Eltern schläft“. Haben Sie nichts gegen ein Familienschlafzimmer oder ein Familienbett?
Dotzauer: Das können Eltern so handhaben, wie sie sich maximal wohlfühlen. Mir ist nur wichtig, dass sie verstehen: Auch im Familienbett ist jeder für seinen eigenen Schlaf zuständig. Der Säugling bekommt dort sein eigenes Nest oder ein Beistellbettchen zum großen Bett. Das größere Kind findet es bequem auf dem eigenen Kopfkissen. Und eine „Bettschlange“ schenkt ihm Halt und Begrenzung. Geborgenheit ist ein innerer Ort. Er sollte nicht der Oberarm der Mutter sein. Schon aus dem Grund, dass ich Mamas Arm nicht mit zum Übernachten bei Oma oder ins Landschulheim mitnehmen kann.
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Okay. Das mit dem Landschulheim und der Kita-Übernachtung ist ein Argument. Aber ist es nicht wunderbar, dass kleine Kinder heute mit so viel Nähe aufwachsen und jemand bei ihnen bleibt, bis sie fest eingeschlafen sind? So entsteht eine sichere Bindung, oder nicht?
Dotzauer: Ja, die Nähe zu den Eltern und deren Co-Regulation ist wichtig. Diese Co-Regulation sollte sich an das Alter des Kindes anpassen. Bindung zwischen Eltern und Kind entsteht nicht dadurch, dass das Kind am oder auf dem Körper der Eltern schläft, sondern durch seine Erfahrungen mit den Bezugspersonen den ganzen Tag über. Ich fühle mich als kleiner Mensch geborgen, wenn ich sicher weiß: Ich bekomme immer Hilfe, wenn ich sie brauche. Ich kann mich auf meine Eltern verlassen.
Bindung entsteht daraus, dass die Bezugspersonen grundsätzlich im Leben für das Kind zeitlich und emotional verfügbar sind. Und wenn ich das Kind so zu Bett bringe, wie ich es beschrieben habe, bekommt es am Ende des Tages nochmals bestätigt: Es kann sich hundertprozentig auf mich verlassen, unabhängig davon, wo ich in der Wohnung gerade bin. Das Einschlafen kann als Trennungssituation wahrgenommen werden, und daher ist es wichtig, auch im Alltag verlässlich mit Trennungen umzugehen. Gleichzeitig ist das Einschlafen eine komplexe Körperfunktion. Diese sollte das heranwachsende Kind selbst zu beherrschen lernen, statt von der Regulation der Eltern abhängig zu bleiben.
Nur, was ist, wenn das Kind Angst vor Monstern unter dem Bett oder Gespenstern hinter dem Vorhang hat?

Dotzauer: Ich hatte neulich eine Mutter in der Beratung, die ihrer fünfjährigen Tochter versprochen hatte, alle zehn Minuten ins Zimmer zu kommen, um nachzuschauen, ob wirklich keine Monster unter dem Bett lauern. So ging das den ganzen Abend. Diesem Überwachungswunsch nachzukommen, ist der Weg des geringsten Widerstands, erhält aber Ängste des Kindes aufrecht. Die Mutter bestätigt damit eine potenzielle Gefahr.
Es gibt aber keine Monster. Sollte ich als Erwachsener daran auch nur den geringsten Zweifel aufkommen lassen, verliert das Kind seinen Halt. Denn als Eltern bin ich ja die Sicherheitsbeauftragte schlechthin. Wenn ich mich aber so verhalte wie die Mutter, die ständig zum Monster-Check kommt, fragt es sich: „Ist die Welt noch sicher? Selbst Mama hat offenbar Zweifel.“
Die Haltung und das Stress-Level der Eltern spielen also auch eine wichtige Rolle?
Dotzauer: Oft wird Verantwortung an die Kinder abgegeben und mit einer Sehnsucht nach Zustimmung kommt es zu vielen Fragen. „Möchtest du jetzt schlafen gehen?“, „Soll Mama, Papa oder lieber Oma dich ins Bett bringen?“ Und „Soll das Schlummerlicht an oder aus sein?“ Die vielen Fragen überfordern und verunsichern die Kinder. Wenn Eltern jedoch klar auftreten, Führung übernehmen und entspannt in die „Herzenszeit“ am Abend gehen, fühlt sich das Kind sicher und geborgen. Es kann leichter loslassen und friedlich einschlafen. Dann geht es am Ende des Tages auch nicht um bloßen Körperkontakt, sondern um die Botschaft von Seele zu Seele.













