Letzte Woche hatte eine Klientin ihren 50. Geburtstag. In der Sitzung berichtet sie unter Tränen, wie schwer es ihr fiel, ihrem Mann am Vortag zu sagen: „Wenn du noch einmal mit einer 49-Jährigen schlafen willst – heute Abend wäre dafür eine gute Gelegenheit.“ Geplant hatte sie es, ausgesprochen hat sie es nicht. Ein Moment, der viel über die emotionale Distanz in der Beziehung des Paars verrät.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Dieses Paar begleiten wir, meine jetzige Frau und Kollegin, schon länger. Beide sind erfolgreich, attraktiv, intelligent, haben beruflich sehr verantwortungsvolle Positionen. Zusammen arbeiten sie 100 bis 110 h pro Woche. Doch privat sind sie erschöpft, verletzt, verzweifelt und unglücklich. In alten Mustern gefangen, finden sie keinen Ausweg.
Lesen Sie auch
An manchen Stellen erinnerte mich dieses Paar an mich selbst, an meine erste Ehe. Ich fühlte mich gefangen und sah keinen Ausweg. Am Ende kam es zur Trennung. Muss das sein? Auf welche Zeichen hätte das Paar – und auch ich – achten können? Gibt es in solchen Fällen einen Weg zurück in eine gute Paarbeziehung?
Beziehung endet schleichend – schon lange vor einer Trennung
Wenn wir unser Paar anschauen, und deren Entwicklung verfolgen, fällt auf, dass sich beide in einem Zustand möglicher Trennung befinden. Gefühle von Verlust bis hin zu wiederkehrendem Abschottungsschmerz machen sich breit. Im verzweifelten Versuch, ihre Bindung zu erneuern, beginnt ein Hin und Her: Ein Partner mauert und der andere beschwert sich.
Passend dazu: Therapeutin entlarvt Paarkonflikt: Warum Männer nicht zuhören
Diese Dynamik ist typisch. Die Verbindung lockert sich schleichend. Zuerst durch kurze Momente der Enttäuschung, dann durch zunehmende Vermeidung. Gemeinsame Zeit wird seltener, Einzelaktivitäten nehmen Überhand, Flucht in die Arbeit.
Ihre Beziehungsfrage, Ihre Geschichte – schreiben Sie uns!
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Oder haben Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen? Schreiben Sie uns einfach unter beziehung@funkemedien.de – auf Wunsch auch anonym. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.
Gerne leiten wir Ihre Fragen auch an unsere Beziehungsexperten weiter, wie etwa das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden. Sie geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.
Zweifel und Misstrauen wachsen. Vertrauen schwindet. Versuche, die Unstimmigkeiten und den gefühlten Bindungsabbruch anzusprechen, scheitern aufgrund der erlebten Verletzungen. Das Paar kann sich nicht mehr frei zu kritischen Punkten äußern. Es weicht den Themen aus, verallgemeinert, verniedlicht, verstummt – oder eskaliert.
Keine Nähe in Beziehung mehr – Vorwürfe statt konstruktiver Gespräche
Die Gesprächsversuche enden in Vorwürfen und emotionalen Streitgesprächen. Es gibt keinen Rahmen, der es den Paaren erlaubt, konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Alles wird gleich als Vorwurf und massive Kritik an der eigenen Person erlebt. Augenblicke der Kränkung und verhärtete Ausgangspositionen verselbständigen sich zu festen Verhaltensmustern. Das Paar kann den Rahmen für ein Zusammenkommen nicht schaffen und den Raum nicht halten.
Lesen Sie auch
Emotionale Sicherheit geht verloren. Sexualität wird seltener oder bricht ganz weg. Wer hat schon Lust auf Sex, wenn er am emotionalen Abgrund entlang taumelt? Am Ende herrscht Hilflosigkeit. Die Beziehung verkrampft in der Verzweiflung, verliert Leichtigkeit und Nähe, das Spielerische – heutzutage sagen wir: „Wir sind nicht mehr im Flow“.
Trotzdem versuchen viele Paare, während sie sich immer weiter voneinander entfernen, den Kontakt wiederherzustellen. Kleine Gesten der Annäherung bleiben jedoch oft unbemerkt oder werden abgewehrt. Missverständnisse häufen sich. Pauschale Vorwürfe wie „Nie hörst du mir zu“ oder „Immer muss ich alles allein machen“ verstärken die Abwärtsspirale. Im schlimmsten Fall führen emotionale Distanz und Frust zum Fremdgehen.
Beziehung heilen? Schritt-für-Schritt-Anleitung des Paartherapeuten
Wie können Paare diesen Kreislauf durchbrechen? Wesentliche Voraussetzung ist die emotionale Empfänglichkeit. Die Kernfrage „Bist du für mich da?“ muss mit „Ja“ beantwortet werden. Damit dies gelingt, braucht es drei Grundelemente sicherer Bindung:
- Zugänglichkeit: Aufmerksamkeit schenken, offen sein für das, was der andere sagt
- Empfänglichkeit: Bedürfnisse und Ängste akzeptieren, Fürsorge zeigen und Trost spenden
- Engagement: Emotional präsent bleiben, auf den anderen eingehen und sich auf ihn einlassen
Fehlen diese Elemente und kommt es stattdessen zu Entfremdung, schlichtem Funktionieren und Oberflächlichkeit, ist die Erneuerung der gemeinsamen Bindung herausfordernd. Eine bewährte Methode, um emotionale Nähe wiederherzustellen, sind sogenannte „Halt mich fest“-Gespräche, in der jeder Partner kleine Aufgaben zu erfüllen hat. Hierbei übernehmen beide Verantwortung für ihre Kommunikation.
Gisbert Straden & Andrea Katz
Genau wie seine Frau Andrea Katz ist Gisbert Straden ausgebildeter Paar- und Sexualtherapeut. Zuvor war er als Dozent für Wirtschaftspsychologie tätig. Gemeinsam mit seiner Frau, die hauptberuflich als Lehrerin arbeitet, betreibt er die Praxis „Von Paar zu Paar“ in Berlin. In ihrer Beziehungskolumne „Wie Katz und Straden“ beleuchten sie gemeinsam Beziehungsprobleme und suchen nach Lösungen – sowohl aus der Perspektive erfahrener Therapeuten als auch aus ganz persönlicher Sicht, mit eigenen Konflikten und Herausforderung in der Beziehung.
Acht Tipps für gelungene Gespräche:
- Beginnen Sie das Gespräch mit ihren eigenen sanfteren Emotionen. Versuchen Sie, an diesen festzuhalten und sich die Hoffnung auf Verbindung zum Partner zu bewahren.
- Bleiben Sie offen und zugewandt – trotz Unsicherheit oder Angst. Zeigen Sie den Willen, auf kleine Signale der Verbundenheit zu achten. Sie sollen sich nicht überwältigen lassen oder versuchen, sich abzuschotten.
- Sprechen Sie konkret über Ihre Gefühle. Senden Sie eindeutigen Botschaften. Klare Kommunikation entsteht aus dem deutlichen inneren Empfinden von befürchteter Gefahr und ersehnter Sicherheit.
- Ertragen Sie mögliche Zurückweisung und halten Sie Ihre Ängste vor der Reaktion des anderen aus. Geben Sie sich beiden eine Chance zu reagieren.
- Formulieren Sie Ihre Bedürfnisse deutlich. Um das zu tun, muss man die eigenen Bedürfnisse erkennen und akzeptieren.
- Hören Sie aktiv hin, welche Bedürfnisse der andere hat. Versuchen Sie, die Perspektive Ihres Partners zu verstehen und darauf aufrichtig und mitfühlend einzugehen.
- Bleiben Sie ruhig und ausgeglichen – auch wenn es emotional wird. Gehen Sie auf Rückmeldungen des anderen ein, auch wenn sie sich nicht wie erhofft anfühlen.
- Wechseln Sie bewusst die Perspektive. Ziehen Sie die Realität des anderen in Betracht und versuchen Sie seine Sichtweise zu verstehen. Hier hilft ein symbolischer „Stühletausch“.
Auch wenn diese Gespräche anfangs schwierig sind und manchmal aus dem Ruder laufen werden – sie schaffen einen sicheren Rahmen für Heilung. Schritt für Schritt kann Vertrauen wieder wachsen. Kleine Fortschritte verdienen Anerkennung. Der Weg ist nicht leicht, aber lohnenswert.
Ebenfalls spannend: Beziehung retten? Experte: „Kuscheln ist wahrer Klebstoff“
Auch mit unserem eingangs erwähnten Paar arbeiten wir so Schritt für Schritt an deren Verbindung mit diesen acht Schritten – und wir sehen, es wird in kleinen Schritten besser. Klar ist die Akzeptanz dieser kleinen Schritte nicht immer einfach. Oft stellt sich die Frage: „Wie konnte es so weit kommen?“ Aber nur Mut: Schließlich beginnt die längste Reise mit dem ersten Schritt.
Ihnen viel Erfolg!










