Es sind grauenhafte Bilder, die aus der umkämpften, von Russland besetzten ukrainischen Frontstadt Oleschky nach außen dringen. Zerschossene Häuser, Ruinen. Straßen voller ausgebrannter Autowracks. Energie, Wärme und Wasser aus der Leitung gibt es längst nicht mehr, die Menschen hungern. „Ich hatte alles. Ein Haus, ein Auto. Alles“, erzählt der 79-jährige Wladimir dieser Redaktion. Er entkam vor einiger Zeit der Hölle von Oleschky. Im September 2024 wurde sein Auto von einer Drohne getroffen, seine Frau starb. Sergej, 51 Jahre alt, hat sein linkes Bein bei einem Drohnenangriff im vorigen Jahr verloren. Ihm gelang die Flucht aus der Stadt, er lebt heute ein paar Kilometer weiter. „Ich weiß nicht, was kommen wird“, sagt er resigniert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Es gibt aber auch ein Bild der Hoffnung. Es zeigt einen Pappkarton, groß wie eine Schuhschachtel. Diesen Karton wird es für die Hungernden in Oleschky geben. Gefüllt mit Brot, Nüssen, Äpfeln und anderen Lebensmitteln. Den Deckel ziert die russische Staatsflagge. Über den humanitären Korridor werden die Kartons in die Stadt gebracht.

Später dann sollen Dutzende Tonnen an humanitären Hilfsgütern folgen. Vor allem Lebensmittel wie Mehl, Getreide, Zucker, Speiseöl, Fleisch- und Fischkonserven. Aber auch Hygienemittel und Treibstoff für Notstromgeräte würden geliefert. Das zentrale Krankenhaus erhalte zudem Medikamente wie Antibiotika und Insulin, verspricht die russische Menschenrechtsbeauftragte Jana Lantratowa. Ein Teil der Hilfslieferungen wurde von ihrem Team zusammengestellt, ein anderer vom Russischen Roten Kreuz.
Ukraine-Krieg: Minen hatten den Weg aus der Stadt lebensgefährlich gemacht
Seit dem Beginn der Feuerpause am Dienstag 4 Uhr früh Ortszeit waren russische Soldaten damit beschäftigt, die Zufahrtsstraße zur Stadt zu sichern. Vor allem Minen wurden beseitigt, die den Weg aus der Stadt zuvor lebensgefährlich gemacht hatten. „Die Entminung der Routen für die humanitäre Mission in Oleschky wurde abgeschlossen“, heißt es in den fast wortgleichen Mitteilungen von Jana Lantratowa und ihrem Amtskollegen aus der Ukraine, dem ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Lubinez.
Eine zentrale Rolle spielt das örtliche Krankenhaus in Oleschky. Dorthin werden die Hilfsgüter gebracht, dort wird verteilt. Und von dort findet auch die Evakuierung derjenigen statt, die die Stadt verlassen wollen. Einst lebten 24.000 Menschen in Oleschky, heute harren dort noch 1.500 bis 2.000 Menschen aus, darunter auch Dutzende Kinder.
Angaben des Internetportals „Ukrajinska Prawda“ zufolge haben sich mehrere Hundert Menschen in eine Evakuierungsliste eingetragen. Laut der russischen Seite seien für die Evakuierung 25 Busse mit Platz für 750 Personen bereitgestellt. Hinzukommen Krankenwagen für Verletzte. Über den humanitären Korridor werden sie in die russische Schwarzmeer-Stadt Anapa gebracht. Manche werden in Russland bleiben. Andere, die zurück in die Ukraine wollen, werden nach Gomel in Belarus geflogen und können von dort aus weiterreisen. Inzwischen hat die Evakuierung begonnen.

Auch etwa 100 im Keller des örtlichen Krankenhauses seit Monaten gelagerte Leichen könnten dank der Feuerpause aus Oleschky weggebracht werden, berichtet das ukrainische Netzportal „Hromadske“.
Auch die Menschen in Cherson profitieren von der Waffenruhe
Oleschky liegt am Ufer des Flusses Dnipro. Die Frontstadt ist russisch besetzt und wird von den Ukrainern beschossen. Das gegenüberliegende Flussufer kontrolliert das ukrainische Militär und stand vor der Feuerpause unter russischem Beschuss. Der direkte Weg zum Fluss aus Oleschky ist vermint, eine Flucht direkt auf die ukrainische Seite wäre lebensgefährlich. Hier wurde kein humanitärer Korridor vereinbart. Die Gebietshauptstadt Cherson auf der ukrainischen Seite profitiert von der Waffenruhe. Bilder aus dem Netz zeigten starken Autoverkehr und ungewohnt viele Menschen auf den Straßen. Auch dort sind die Menschen erleichtert – und hoffen auf eine Verlängerung der Feuerpause über Sonntag hinaus.

Sicherlich ist der Waffenstillstand lokal begrenzt. Anderswo wird weitergekämpft. Auch die ständigen russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur haben nicht aufgehört. Eine vollständige Waffenruhe lehnt Russlands Präsident Wladimir Putin auch weiterhin ab. Dennoch könnte die Feuerpause ein Schritt in Richtung Frieden sein. Auch wenn Putin erneut der Ukraine die Schuld an der Situation in Oleschky zuschob. Durch die Verminung der Zufahrtswege durch ukrainische Truppen sei „praktisch eine humanitäre Katastrophe“ geschaffen worden, sagte er beim Russland-Afrika-Gipfel in Moskau. Russland sei aber dabei, den Konflikt mit der Ukraine zu lösen, betonte Putin.
Zum ersten Mal arbeiten ukrainische und russische Behörden direkt vor Ort zusammen
Die humanitäre Aktion in Oleschky könnte ein Signal sein. Denn zum ersten Mal arbeiten ukrainische und russische Behörden direkt und unmittelbar vor Ort zusammen. Zudem halten beide Seiten den Waffenstillstand ein – zumindest bis jetzt. „Die Waffenruhe hält schon 54 Stunden. Beide Seiten erfüllen ihre Verpflichtungen“, so Jana Lantratowa am Donnerstag.
Wichtiges Signal auch: Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez reiste nach Oleschky. Videoaufnahmen zeigen, wie er dafür im belarussischen Gomel in ein russisches Flugzeug steigt. „Warum fahre ich persönlich dorthin? Weil es wichtig ist, vor Ort zu sein, wenn es um die Rettung von Menschen geht“, begründete er sein Vorgehen auf dem Kurznachrichtendienst Telegram. Ziel sei es, die ukrainische Öffentlichkeit über den Verlauf der Aktion zu informieren. Gleichzeitig warnte er seine Landsleute vor voreiligen Schlussfolgerungen. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schwierig die Verhandlungen waren und wie lange sie dauerten, damit ich jetzt hier sein kann, wo ich bin“, schrieb er.
Vermittelt hatte die Feuerpause die US-amerikanische First Lady Melania Trump. Auch Papst Leo XIV. hatte sich bei Telefonaten mit Kremlchef Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für die humanitäre Feuerpause eingesetzt. Donald Trump, der selbsternannte „Friedenspräsident“, wird vor den Midterms in den USA sicherlich daraus Kapital schlagen wollen. Genau wie aus den Lieferungen von russischem Dieselkraftstoff in die USA.
Russland-Ukraine-Konflikt: Trump setzt Sanktionen aus
Trump hatte dafür US-Sanktionen gegen Russland zeitweise ausgesetzt. Und wohl auch Druck auf die Ukraine ausgeübt, ihre Angriffe auf russische Ölraffinerien auszusetzen. Dies zumindest berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die inoffizielle Unterbrechung habe Anfang vergangener Woche begonnen und werde voraussichtlich bis nach den Midterms und möglicherweise noch bis später im November andauern.
Sind das Hoffnungszeichen auf Fortschritte in den Friedensverhandlungen? „Verhandlungen bedeuten keinen Waffenstillstand. Wir wollen keinen Waffenstillstand, wir wollen Frieden“, sagte laut der Staatsagentur Tass Kremlsprecher Dmitri Peskow. Und merkte an, Russlands Ziel sei „langfristiger Frieden für künftige Generationen“. Dem stehen russische Drohungen Richtung Europa gegenüber.

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