„Es gibt keinerlei Lieferungen. Die Blockade ist vollständig. Und ständig Drohnen, Brände. Wie in einem Horrorfilm.“
Eine Nachricht aus einer Stadt, die kurz vor dem Kollaps steht.
„Was die Beschaffung von Lebensmitteln betrifft: Es gibt weniger Hunde und Katzen.“
Es dringen Endzeit-Nachrichten aus einer Stadt namens Oleschky. Sie liegt am Ufer des Dnipro, im russisch besetzten Teil der Region Cherson im Süden der Ukraine. In Oleschky scheint sich eine humanitäre Katastrophe abzuspielen, die selbst im Ukraine-Krieg ihresgleichen sucht.
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Das Drama von Oleschky und mehreren kleineren Ortschaften am Ufer des Flusses hat sich in mehreren Etappen entfaltet. Kurz nach Beginn ihrer Invasion im Februar 2022 besetzen russische Truppen die Kleinstadt, in der zuvor etwa 24.000 Menschen lebten. Im Juni des Folgejahres wird der Kachowka-Damm gesprengt. Die Ukraine und internationale Untersuchungen machen Russland dafür verantwortlich. Eine Flutwelle überrollt die Stadt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Damals haben viele Einwohner alles verloren“, erinnert sich die amerikanisch-ukrainische Journalistin Zarina Zabrisky. Sie arbeitet seit Jahren im ukrainisch kontrollierten Teil der Region Cherson und warnt seit Langem vor der sich anbahnenden Katastrophe in Oleschky. Die russischen Streitkräfte, sagt sie, hätten nicht nur die Zufahrtswege in die Kleinstadt vermint, sondern attackierten mit Drohnen auch Menschen, die hinein- oder hinauswollten.
Zivilisten kämpfen ohne Strom und Wasser ums Überleben
Luftaufnahmen der 34. Marinebrigade der Ukraine zeigen eine weitgehend zerstörte Stadt. Ganze Wohnblocks liegen in Trümmern. Aus einem Fenster hängt ein Bettlaken. „Menschen“ steht darauf geschrieben. Ungefähr 1200 Zivilisten, darunter 47 Kinder, sollen noch in der Stadt ausharren, in der gesamten betroffenen Region am Flussufer etwa 6000. Nach übereinstimmenden ukrainischen Berichten haben sie seit Jahren keinen Strom mehr, kein fließendes Wasser und kein Gas zum Heizen.
Nachrichten aus der Stadt gelangen nur noch nach draußen, wenn Menschen ihre Mobiltelefone mit einem der wenigen Solarpanels aufladen und auf den Dächern von Hochhäusern nach ukrainischem Netz suchen. Eine der Empfängerinnen der Nachrichten ist die Aktivistin Ksenia Archipova, die selbst aus Oleschky stammt und die Stadt 2022 nach der Besetzung verlassen hat.
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Lebensmittelversorgung verschärft sich: Bewohner leiden unter Mangel
Aktuell spitzt sich die Versorgung mit Lebensmitteln dramatisch zu. „Die alten Menschen bestehen nur noch aus Haut und Knochen“, erzählt Archipova. Sie versucht seit Jahren, die verbliebenen Bewohner zu unterstützen. Im Winter seien auf den Zufahrtswegen verlegte Minen wegen des Schnees nicht zu sehen gewesen: „Fahrer, die versuchten, Lebensmittel zu bringen, wurden einer nach dem anderen in die Luft gesprengt.“
Im März hätten die Russen vorübergehend eine Straße von Minen geräumt. Handelswaren seien in die Stadt gelangt und dort zu astronomischen Preisen verkauft worden, berichtet Archipova. Viele Menschen hätten Oleschky und die angrenzenden Dörfer verlassen. Nach zwei Monaten sei jedoch diese Zufahrtsstraße wieder gesperrt worden. Seit dem 26. Mai sei kein Transport durchgekommen.

Im Sommer können sich die Menschen noch von dem ernähren, was sie in ihren Gärten anbauen, zumindest diejenigen, die nicht in Hochhäusern leben. Nun droht eine Hungersnot. Lebensmittel seien nahezu unerschwinglich teuer, sagt Archipova. Zehn Eier würden für umgerechnet 50 Euro verkauft. Alle Obstbäume sind bereits im vergangenen Winter gefällt worden, weil die Menschen kein anderes Heizmaterial hatten.
„Die Hunde sind extrem aggressiv. Sie fressen Menschenfleisch“
Manche Menschen versuchten, trotz Lebensgefahr zu Fuß in Dörfer zu gelangen, in denen es noch Lebensmittel gebe, erzählt die Journalistin Zabrisky: „Aber das ist ein Weg von zwölf Stunden. Einige Leute, die das versucht haben, sind bei Minenexplosionen gestorben.“
Zabrisky und Archipova beschreiben übereinstimmend apokalyptische Szenen in der Stadt. Den Krankenhäusern seien Medikamente und Treibstoff ausgegangen, sodass auch die Stromgeneratoren nicht mehr betrieben werden könnten. Leichen würden nicht mehr bestattet, sondern in einem Keller ohne Kühlung gelagert oder am Straßenrand verscharrt. Das habe schaurige Folgen, berichtet Archipova: „Die Hunde sind extrem aggressiv. Sie fressen Menschenfleisch.“
Evakuierung Oleschky: Ukraine drängt auf humanitären Korridor
Bereits seit Frühjahr dieses Jahres verhandeln Kiew und Moskau über eine Evakuierung der Region. Die Einrichtung eines humanitären Korridors ist aber bislang noch nicht umgesetzt worden. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha drängt auf eine schnelle Lösung der Situation. „Die Ukraine fordert eine organisierte Evakuierung“, schrieb er kürzlich auf Facebook. Das Rote Kreuz habe sich bereit erklärt, eine solche Maßnahme zu unterstützen. Russland torpediere dies.
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Die russische Seite bestreitet eine Blockade der Stadt und wirft ihrerseits der Ukraine vor, humanitäre Transporte nach Oleschky zu beschießen. Zabrisky bezeichnet das als Propaganda: „Die Russen wollen keinen humanitären Korridor, weil sie die Menschen als menschliches Schutzschild benutzen.“
Russische Soldaten in Oleschky „verhungern auch“
Die russischen Streitkräfte haben nach ukrainischen Angaben in einem künstlich angelegten Kiefernwald südlich und östlich von Oleschky Stellung bezogen. Einige russische Soldaten sollen sich auch in der Stadt selbst befinden. Wäre Oleschky vollständig evakuiert, könnten die ukrainischen Streitkräfte von der anderen Flussseite russische Stellungen in der Stadt und dem Wald vehementer angreifen, ohne dabei die Zivilbevölkerung zu gefährden.
Oleh Baranow, Exil-Abteilungsleiter für kommunale Dienstleistungen der Stadtverwaltung von Oleschky, betont, die ukrainischen Streitkräfte stünden derzeit mit der Verwaltung in Kontakt, um zivile Opfer zu vermeiden. Aber auch den russischen Soldaten in der Region scheint es schlecht zu gehen. „Die Russen, die in Oleschky sind, verhungern auch“, sagt Baranow.

Archipova erzählt, die Zivilisten verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen und schrieben an ihre Tore, dass sie keine Lebensmittel hätten, damit russische Soldaten dort nichts beschlagnahmten. „Die befinden sich in genau derselben Lage wie die Zivilbevölkerung.“
Ukraine-Krieg: Russische Soldaten nehmen Zivilisten Hilfslieferungen weg
Vor einigen Tagen sollen mehrere Einheiten des ukrainischen Militärs in einer koordinierten Aktion insgesamt vier Tonnen Lebensmittel mit Drohnen in die ausgehungerte Stadt transportiert und abgeworfen haben. „Russische Soldaten sind aber von Haus zu Haus gegangen und haben den Menschen das Essen weggenommen, wenn sie es nicht verstecken konnten“, so Olksandr Tolokonnykov, Sprecher der regionalen Militärverwaltung von Cherson.
Zuletzt soll es einer Gruppe von mehreren Dutzend Menschen gelungen sein, Oleschky zu verlassen. Sie sollen sich nun in sicheren Gebieten mit ausreichender Lebensmittelversorgung befinden. Für diejenigen, die noch in der Stadt sind, weil sie zu alt oder zu jung zum Fliehen sind oder Verwandte haben, die sie nicht allein lassen wollen, könnten grausame Monate bevorstehen, wenn sich nicht schnell etwas ändert, warnt Archipova. „Diese Menschen werden den Winter nicht überleben.“







