In Brasilien wird es noch ein paar Tage dauern, sich von diesem überraschenden Ergebnis der Präsidentenwahl zu erholen und die Konsequenzen abzuschätzen. Zu unerwartet und zu historisch war diese Aufholjagd von Amtsinhaber Lula da Silva, mit der niemand gerechnet hatte. Bis zum Montagvormittag (Ortszeit) hatte die halbe Welt Lula da Silva zum Wahlsieg gratuliert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Auffällig dabei: Sogar seine klaren Gegner erkannten das Ergebnis an, etwa José-Antonio Kast in Chile und Abelardo de la Espriella in Kolumbien, beide sind Rechtsaußenpräsidenten. Still war es zunächst in Argentinien und den USA, wo die Machthaber Javier Milei und Donald Trump massiv für Flávio Bolsonaro Wahlkampf gemacht hatten. Von dort kamen keine Glückwünsche für Lula da Silva.
Auch das Lager des Wahlverlierers war zunächst weiter in Schockstarre. Nach der kurzen Ansprache von Bolsonaro junior am Sonntagabend und der Ankündigung, das Ergebnis rechtlich anfechten zu wollen, kamen keine weiteren Aufrufe an die Anhänger, den Sieg einzufordern.
Denn es besteht durchaus die Gefahr, dass sich, ähnlich wie vor vier Jahren, die enttäuschten Wähler bemüßigt sehen, sich auf der Straße den Sieg zu holen, der ihnen an den Urnen verwehrt blieb. Ein Wort des Wahlverlierers könnte wie ein Funken wirken. Aber der deutliche Stimmenabstand zwischen beiden Politikern, die hohe Beteiligung an der Stichwahl und die weitgehende weltweite Anerkennung des Wahlsieges sichern Lula gut ab.
Brasiliens stille Mitte rettet die Demokratie bei Stichwahl
In den kommenden Tagen und Wochen müssen nun die Scherben dieses erbittert und mitunter hasserfüllten Wahlkampfes aufgekehrt werden. Schon vor der Stichwahl war klar, dass Brasilien tief gespalten ist in zwei große Lager. Das eine, das Lula abgrundtief hasst, und das andere, das eine ähnliche Ablehnung Bolsonaro gegenüber empfindet. Die Wahl entschieden hat letztlich die kaum noch wahrnehmbare brasilianische Mitte, die eigentlich nach einem dritten Weg sucht und die weder Lula noch den rechtsextremen Familienclan an der Macht sehen wollen. Aber diese stille Mitte hat am Sonntag die brasilianische Demokratie gerettet.
Insofern wird es in den kommenden vier Jahren eine von Lulas wichtigsten Aufgaben sein, einen Nachfolger aufzubauen. Bisher hat er mit seinem großen Charisma und seinem Machtanspruch immer wieder verhindert, dass „präsidentiable“ Politiker oder Politikerinnen nach vorn kamen. Etwas anders sieht es auf der Rechten aus. Da ist mit dem als Gouverneur von São Paulo wiedergewählten Tarcísio de Freitas von der Republikanischen Partei ein Herausforderer erwachsen, der künftig dem Bolsonaro-Clan den Machtanspruch streitig machen könnte.
Finanzmärkte reagieren mit Kurseinbruch auf Lula-Wahlsieg
Für den dann 81-jährigen Lula wird es ab dem 5. Januar eine Herkulesaufgabe, Brasilien noch einmal für vier Jahre zu führen. Die Herausforderungen angesichts eines hoch verschuldeten Staates und seiner teuren Wahlversprechen, einer sich rasch verändernden Welt und eines ihm zum Teil feindlich gesinnten Kongresses machen dieses vierte Mandat zu seinem schwersten.
Es ist auch nicht auszuschließen, dass diese Konstellation in Brasilien keine vier Jahre halten wird. Abgeordnete und Senatoren der Liberalen Partei von Bolsonaro werden alle möglichen Anlässe nutzen, um ihn aus dem Amt zu entfernen. Mit Impeachment-Verfahren gegen Staatschefs hat Brasilien reichlich Erfahrung.
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Die Reaktion der Finanzmärkte am Montag gibt einen ersten Vorgeschmack. Die unerwartete Niederlage Bolsonaros löste einen historischen Kurseinbruch aus. Der Real verlor zu Handelsbeginn zeitweise zwölf Prozent gegenüber dem US-Dollar. Auch der Bovespa-Index der Börse eröffnete mit großen Verlusten von mehr als 16 Prozentpunkten. Zeitweise setzte die Börse den Handel aus. So einen Einbruch hatten die Finanzmärkte zuletzt 1998 verzeichnet.










