Als der Vorsprung uneinholbar war, flossen bei Luiz Inacio „Lula“ da Silva die Tränen. Der Amtsinhaber und für ein viertes Mandat wiedergewählte Präsident Brasiliens ließ seinen Gefühlen am frühen Sonntagabend einen kurzen Moment freien Lauf. In einem Salon des Hotel Intercontinental in São Paulo verfolgte er mit seiner Frau Janja, seinem Wahlkampfteam, Vertretern seiner Arbeiterpartei PT und engen Freunden die Auszählung. Als dann das Wahlgericht TSE wenige Stunden nach der verlängerten Schließung der Wahllokale um 19 Uhr (Ortszeit) meldete: „Wahl mathematisch entschieden“, richtete er sein blaues Jeanshemd, und küsste seine Frau auf die Stirn.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In einer anschließenden ersten Rede wirkte Lula bewegt, fast ungläubig angesichts der erfolgreichen Aufholjagd: „Das wird meine beste Regierung werden“, versprach er und führte fort: „Dies war heute ein Votum zur Sicherung der Demokratie, gegen die Leugnung und die Lügen.“ Brasilien sei niemandes Hinterhof, unterstrich er mit Blick vor allem auf die USA, die mit Macht die Politik in Lateinamerika bestimmen wollen. Der Präsident rief zugleich zur nationalen Versöhnung auf. Ab jetzt gebe es keinen Rivalen mehr. Und dann machte er deutlich, dass er sich für Brasilien einen größeren Platz in der Weltpolitik wünscht – mit einer lauten Stimme beispielsweise bei der Umweltpolitik: „Wir wollen aufhören, ein peripheres Land zu sein, und ein zentrales, wichtiges Land werden.“
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Brasilien-Wahl: Lula gelingt historische Aufholjagd
Draußen auf der großen Avenida Paulista und in halb Brasilien fielen Millionen Menschen angesichts des unerwarteten Sieges in einen Jubeltaumel. Nach Auszählung fast aller Stimmen hatten 51,78 Prozent der Wahlberechtigten in der Stichwahl für den Politiker gestimmt, der am Dienstag 81 Jahre alt wird. Für seinen rechtsextremen Herausforderer Flávio Bolsonaro votierten 48,22 Prozent.
Der weigerte sich zunächst, das Ergebnis anzuerkennen, und forderte eine Annullierung. Er bezeichnete eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die Wahllokale zwei Stunden länger offen zu halten, als „inakzeptabel“. Dabei hatten sich zuvor sowohl Lula als auch Bolsonaro unter Verweis auf Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr und Unwetter in einigen Landesteilen für eine Verlängerung der Wahlzeit ausgesprochen.
Das Ergebnis ist ebenso historisch wie überraschend deutlich. Bolsonaro junior, Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, hatte die erste Runde der Wahl am 4. Oktober mit 47 Prozent zu 45 Prozent deutlich gegen Lula gewonnen. Seit Brasiliens Rückkehr zur Demokratie Mitte der 1980er Jahre gewann noch kein Zweitplatzierter des ersten Wahlgangs je die anschließende Stichwahl.

Lula mobilisierte Millionen zusätzliche Wähler in Brasilien
Das Geheimnis des Sieges liegt darin, dass es dem Linkspolitiker gelungen ist, große Teile der 33 Millionen Nichtwählerinnen und Nichtwähler zu mobilisieren, die der ersten Runde trotz Wahlpflicht ferngeblieben waren. Lula gewann in der Stichwahl mehr als zehn Millionen neue Stimmen hinzu; Bolsonaro hingegen nur 3,6 Millionen. Insgesamt stimmten 64,17 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer für da Silva, 59,79 Millionen für Bolsonaro. Es ist gut möglich, dass den Menschen die Rückkehr des Bolsonaro-Clans an die Macht mit ihren klaren antidemokratischen Tendenzen und der Nähe zu ultrarechten Milizen und der Organisierten Kriminalität mehr Angst machte als ein weiteres Mandat Lulas. Doch auch das lehnte die Mehrheit der Menschen vor der Wahl eigentlich ab. Viele votierten daher am Sonntag nicht für Lula, sondern vor allem gegen Bolsonaro.
Lula regierte bereits von 2003 bis 2010 und steht seit 2023 erneut an der Spitze des Landes. Er setzt auf Sozialprogramme, staatliche Investitionen und auf den Schutz des Amazonas, aber jetzt auch auf ein härteres Vorgehen gegen die Organisierte Kriminalität.
Brasilien durchbricht den Rechtsruck in Lateinamerika
Mit dem Ergebnis hat die größte Demokratie und wichtigste Wirtschaftsmacht Lateinamerikas den Trend durchbrochen, wonach in der Region ein Land nach dem anderen rechte und ultrarechte Gruppierungen und Politiker an die Macht wählt. Zuletzt geschah das in Kolumbien, aber davor bereits Peru, Chile, Ecuador, Argentinien und auch Costa Rica. Die Menschen dort wählten Präsidenten und Präsidentinnen, die sich stark machen für eine harte Hand gegen die Kriminalität und das Organisierte Verbrechen, die Staatshaushalte zusammenstreichen wollen und es aber dafür mit der Demokratie und der Gewaltenteilung nicht so wichtig nehmen. Neben Brasilien werden im Moment auch Mexiko und Uruguay von linken oder linksliberalen Regierungen geführt.
Das überraschende Ergebnis bringt einige Gewinner und ausgesuchte Verlierer hervor. Gewonnen hat in erster Linie die Demokratie in Brasilien, deren unmissverständlicher Verfechter Lula ist. Er verteidigt die Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Justiz. Und angesichts des künftigen Kongresses, in dem die Rechts- und Rechtsaußenparteien dominieren, sichert Lulas Wahl ein Gegengewicht. Zudem bleibt das demokratische Gleichgewicht der Region einigermaßen erhalten. Mit Brasilien (214 Millionen Einwohnern) und Mexiko (132 Millionen) bleiben die beiden größten Länder Lateinamerikas links regiert und damit mehr als die Hälfte der Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner.
Dementsprechend gehören US-Präsident Donald Trump und Brasiliens inhaftierter früherer Staatschef Jair Bolsonaro zu den Verlierern. Letzterer hätte beim Wahlsieg seines Sohnes mit einer sofortigen Amnestie rechnen dürfen. Die ist jetzt vom Tisch. Bolsonaro senior verbüßt wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung eine Haftstrafe von 27 Jahren, die er im Hausarrest absitzt. Und Trump muss eine bittere Niederlage in seinem Bestreben einstecken, ganz Lateinamerika mit Vasallen und ihm gehorchenden Staatschefs zu besetzen. Sein massiver Einsatz für den Bolsonaro-Clan war eines der Puzzleteile, die letztlich Lula zum Machterhalt verhalfen.
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Und schließlich sind der Amazonas und damit das globale Klima große Gewinner dieses Wahlausgangs. Lula hat sich den Stopp der illegalen Abholzung des Regenwaldes bis 2030 auf die Fahnen geschrieben. Bolsonaro hingegen hätte die Politik seines Vaters wieder aufgenommen, die wirtschaftliche Nutzung vor ökologischen Schutz gestellt hätte. Dabei ist der riesige Amazonas-Regenwald die grüne Lunge der Welt und für eine verlangsamte Erderwärmung fundamental wichtig.












