Der Aufschrei war groß in Mexiko, als die bekannte Band „Los Alegres del Barranco“ bei ihrem Konzert Ende März in Guadalajara plötzlich ein überlebensgroßes Bild von „El Mencho“, dem meistgesuchten Verbrecher Mexikos, auf eine Leinwand projizieren ließen. Das „Auditorio Telmex“ johlte, während die Band der in Mexiko so beliebten „Corrido“-Musik dazu verklausuliert das mächtigste und gefährlichste Kartell „Jalisco Neue Generation“ (CJNG) hochleben ließ. Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, alias El „Mencho“, ist der Chef des „CJNG“.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das Verbrechersyndikat ist inzwischen das größte im Land, international bestens vernetzt und handelt mit Kokain, Marihuana und synthetischen Drogen. Zudem ist das Kartell mit Kriegswaffen wie Kampfdrohnen hochgerüstet, unterhält geheime Trainings- und Mordzentren und tötet regelmäßig unliebsame Politiker. Und in den „Corridos“, traditionellen mexikanischen Balladen, werden solche Horror- als Heldentaten besungen.

Trump machte wegen des Drohenhandels Druck auf Mexiko

Kurz nach dem Konzert explodierten die sozialen Netzwerke, und Präsidentin Claudia Sheinbaum im fernen Mexiko-Stadt ahnte, dass sich hier ein neues Problem anbahnt. Im hochsensiblen Thema der Drogenkartelle, ihrer maßlosen Macht in Mexiko, dem Stress mit den USA um Rauschgiftschmuggel, Zölle und den Fund einer mutmaßlich vom CJNG betriebenen „Horrorranch“ kam dieses Konzert zur Unzeit.

Auch interessant

Aber es zeigt, wie tief die Mafias, ihre Macht, die Faszination, die von ihnen ausgeht und die Kultur drumherum in der mexikanischen Gesellschaft eingesickert sind. Vor allem im Norden des Landes. Auch das ist Teil der Antwort auf die Frage, warum Mexiko der Syndikate nicht Herr wird. In dem Land, in dem jedes Jahr Zehntausende Menschen dem Gemetzel der Mafias zum Opfer fallen, werden die Kartelle nicht nur geächtet, sondern auch geachtet. Besonders die arme Bevölkerung sieht in den Gesetzlosen Vorbilder; ihre Karrieren sind für viele das einzige Modell für sozialen Aufstieg.

Die Reaktion auf den Vorfall beim Konzert ließ nicht lange auf sich warten. Die USA entzogen den vier Musikern der Band aus dem Bundesstaat Sinaloa das Visum, und in Mexiko wird seither wieder darüber diskutiert, ob diese Hohelieder auf die Outlaws verboten werden sollten. Zehn der 32 Bundesstaaten haben Narcoballaden bereits verboten. Präsidentin Sheinbaum lavierte hin und her, entschied sich aber letztlich gegen ein Verbot der „Narcocorridos“, Zensur sei der falsche Weg, versicherte sie. Stattdessen legte sie eine Art Werbekampagne auf unter dem Motto: „México canta y encanta“, was man mit „Mexiko singt und verzaubert“ übersetzen könnte.

Auch Teile der Musikszene sind mit der Organisierten Kriminalität verwoben

Und „Los Alegres del Barranco“ entschuldigten sich umgehend: „Wir sind uns bewusst, dass wir als Künstler eine große Verantwortung gegenüber unserem Publikum haben, insbesondere gegenüber den neuen Generationen, die unsere Musik verfolgen. Wir bedauern zutiefst, dass ein Teil der Show als beleidigend oder unangemessen empfunden wurde“, heißt es in der Erklärung. Und die Kapelle verneinte vehement eine Nähe zur Organisierten Kriminalität. Allerdings ist gerade die mexikanische Musikszene mitunter genauso mit der Organisierten Kriminalität verwoben, wie es Teile der Politik und Wirtschaft in Mexiko sind.

Die Corridos haben ihren Ursprung in spanischen Romanzen aus dem 18. Jahrhundert. Später wurden sie als Moritaten auf Banditen und die Freiheitskämpfer der mexikanischen Revolution gedichtet. Unterlegt wird alles mit Tuba- und Akkordeon-lastigen Melodien der Polka, die einst polnische und tschechische Migranten mitbrachten. „Narcocorridos“ sind in gewisser Weise die Weiterentwicklung der Corridos. „Narco“ ist in der spanischen Sprache Chiffre für alles, was mit Drogen zu tun hat. Es ist Kurzform für das Wort „Narcotráfico“, Drogenhandel. „Narco“ ist jeder, der irgendwie am großen Rauschgift-Rad mitdreht: Schmuggler, Killer, Informant, Dealer. Aber eben auch Musiker. In den Liedern werde die Gewalt verherrlicht und die Verbrechen in Racheakte umgedeutet, sagt die Literaturwissenschaftlerin und Kulturkritikerin Lucía Melgar.

Lesen Sie auch: Alles nur ein Trick? Was Trump mit Strafzöllen wirklich will

„Damals wie heute sind Corridos Ausdruck eines Lebensgefühls, das uns alle umgibt“, ergänzt Schriftsteller Élmer Mendoza. Er kommt selbst aus Sinaloa, ist mit späteren Drogenchefs zur Schule gegangen und schreibt jetzt Krimis, die im örtlichen Rauschgiftmilieu spielen. Heute würden in den Corridos keine guten, sondern böse Helden gefeiert, sagt Mendoza. „Besonders die Jugend himmelt die Outlaws an, die den Staat herausfordern. Sie nehmen sich, was sie wollen. Geld, Frauen, Macht und eben auch Musik“, sagt Mendoza. Fast alle berühmten Drogenbosse haben Musiker beauftragt, in ihrem Namen Corridos zu schreiben, nicht nur, um sich in der Gesellschaft zu legitimieren, sondern auch zur Anwerbung junger Männer als Kartellnachwuchs.

Einige haben zugegeben, dass sie über ihre Konzerte Drogengeld gewaschen wird

Narcocorridos gibt es, seit es den Drogenhandel in Mexiko gibt. Aber erst in den 1990er Jahren seien „die Heldengesänge zu einem Lebensgefühl“ geworden, sagt Mendoza. Die Bands füllten plötzlich Konzertsäle, Corridos zu hören war schon bei Pubertierenden hipp, die Moritaten liefen in den Radios rauf und runter.

Einige Corrido-Sänger haben zugegeben, dass sie über ihre Konzerte Geld von Drogenhändlern gewaschen haben. Gegen einige Plattenfirmen wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt. Die Namen der großen Sänger kennt in Mexikos fast jeder. Aber erst ihr zumeist tragischer Tod lässt sie unsterblich werden. Inzwischen hat ein rundes halbes Dutzend der Sänger ihre Musik mit dem Leben bezahlt.

202540_1325_202540_cover.jpg
#15 Winfried Kretschmann über grüne Irrwege beim Asyl – und den besonderen Wert der Kehrwoche
Meine schwerste Entscheidung