Zwei Planeten auf einer Insel. Auf der Landkarte trennen Santo Domingo und Port-au-Prince gerade einmal 325 Kilometer. Auf einer Distanz wie etwa der zwischen Bremen und Köln wirken die Hauptstädte der Dominikanischen Republik (DomRep) und Haitis jedoch so weit entfernt, als lägen sie nicht auf einer gemeinsamen Insel, sondern auf zwei Planeten. Hier das aufstrebende karibische Urlaubsziel und wirtschaftliche Boomland. Dort die chronische Krisen- und Chaosrepublik, wo die Menschen buchstäblich jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In Santo Domingo unterhält Jazzmusik in der kolonialen Altstadt die Urlauber, in den nahen Strandresorts genießen Touristen aus aller Welt mit Cocktails die Sonnenuntergänge und das Leben. Vergangenes Jahr besuchten rund elf Millionen Touristen die Dominikanische Republik, nur Mexiko verzeichnete in der Karibik mehr Urlauber.

Haiti: Bewaffnete Banden kontrollieren 85 Prozent der Hauptstadt, die Hälfte der Mitglieder sind Kinder

Im Westen der Insel herrschen hingegen Mord und Totschlag. Nach Haiti trauen sich selbst Mitarbeiter von Hilfsorganisationen kaum ohne Begleitschutz. Der Staat ist zusammengebrochen, die Anarchie regiert. Die letzte verbliebene Ordnungsmacht sind die unzähligen und bis an die Zähne bewaffneten Banden. Diese „Gangs“ kontrollieren 85 Prozent der Hauptstadt und immer mehr Teile des Landes. Hilfsorganisationen schätzen, dass die Hälfte der Mitglieder Kinder sind, einige unter ihnen kaum acht Jahre alt.

Auch interessant

Die Gangs, von denen es mehr als einhundert geben soll, kämpfen in der Hauptstadt Häuserblock für Häuserblock um Hoheitsgebiete. Sie erpressen, entführen, belagern, fordern Wegezoll. Die Banden verschleppen Missionare, Ärzte, Unicef-Mitarbeiter, aber auch ihre Mitbürger, sie töten Kinder, vergewaltigten Frauen und zünden Regierungsgebäude an. Sie dealen mit Drogen und Waffen. Das Stadtzentrum liegt in Ruinen, alles Leben ist erloschen. Eine Stadt und fast ein ganzes Land sind in einem apokalyptischen Alptraum versunken.

Folglich sind die Menschen mit einer der schlimmsten Gewaltkrisen der jüngeren Geschichte Haitis konfrontiert, bei der zwischen Anfang 2024 und Juni 2025 etwa 8700 Menschen getötet wurden. 1,3 der 11 Millionen Einwohner gelten inzwischen als Binnenvertriebene. „Wir leben in einem Kriegsgebiet“, sagt Arnold Antonin. „Hier führen Terroristen Krieg gegen die Bevölkerung“. Antonin (82) ist haitianischer Filmemacher und eine prononcierte Stimme der Zivilgesellschaft des Landes.

Proteste in Haiti
Soldaten der haitianischen Armee patrouillieren während einer Demonstration gegen die unsichere Lage in Port-au-Prince. Doch die Sicherheitskräfte haben einen Großteil der Hauptstadt längst aufgegeben.© Odelyn Joseph/AP/dpa | Odelyn Joseph

Seit drei Jahren wird an einer Mauer gebaut – gegen die Gewalt im anderen Inselteil

Um zu verhindern, dass Haitis Gewaltprobleme sich bis ins Nachbarland tragen, lässt der dominikanische Präsident Luis Abinader seit drei Jahren eine Mauer durch Hispaniola bauen, die Insel, die sich Haiti und die DomRep teilen. Inzwischen sind gut 50 Kilometer des vier Meter hohen Grenzwalls fertiggestellt. Die Betonmauer soll etwa die Hälfte der knapp 400 Kilometer langen Grenze zwischen den beiden Staaten sichern. „Die Dominikanische Republik fürchtet, unsere Binnenvertriebenen könnten ihr Land überrennen und die Gangs ihr Modell des Terrors über die Grenze tragen“, so Antonin.

Haiti war immer ein mystischer Ort. Heimat von sinistren Diktatoren wie dem Arzt Papa „Doc“ Duvalier und dem Voodoo-Kult. Land und Stadt haben Schriftsteller wie Graham Greene inspiriert. Selbst der Auslöser des jüngsten Kollapses wirkt beinahe wie erfunden. Im Juli 2021 erschossen kolumbianische Söldner Präsident Jovenel Moïse nachts in seinem Bett. Danach löste sich jegliche staatliche Restordnung auf. Gewählte Amtsträger gibt es nicht mehr. Ein Übergangsrat steht formell an der Spitze des Landes.

Sie lieben die besonderen Geschichten? Textchefin Birgitta Stauber sammelt sie für Sie mit ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“. Abonnieren können Sie ihn hier

Eine von den Vereinten Nationen unterstützte Sicherheitstruppe von rund eintausend überwiegend kenianischen Polizisten kann nichts gegen die Banden ausrichten. Die internationale Gemeinschaft hat der Inselrepublik fast völlig den Rücken gekehrt. Zu viel Geld wurde verbrannt, zu wenige Verbesserungen damit erreicht.

Auf dem einen Teil der Insel sterben die Menschen zehn Jahre früher als auf dem anderen

Dabei ist Haiti schon seit Jahrzehnten das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. 70 Prozent der Menschen haben keinen Job oder verkaufen von Apfelsinen bis Zahnbürsten nahezu alles informell auf den Straßen. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 1761 Dollar und ist damit fast zehnmal niedriger als in der Dominikanischen Republik. Ohne die drei Milliarden Dollar (2024), die Auslands-Haitianer überweisen, würden Hunderttausende den Hungertod sterben. Die Lebenserwartung liegt bei 67 (Frauen) und 61 Jahren bei Männern. In der DomRep werden die Menschen im Schnitt zehn Jahre älter.

HAITI/DOMREP - Zwei Länder wie Siamesische Zwillinge
Arnold Antonin ist haitianischer Filmemacher und eine prononcierte Stimme der Zivilgesellschaft seines Landes.© Klaus Ehringfeld | Klaus Ehringfeld

Aber die Nachbarn trennen nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch Jahre der Entwicklung. Selbst aus der Luft erkennt man die Unterschiede auf Hispaniola. In Haiti sind die Berge kahl und abgeholzt, die Flüsse ausgetrocknet, die Strände voller Plastik. Nebenan sind die Berge bewaldet, die Weiden saftig, die Strände karibisch schön.

Die beiden Länder seien wie „siamesische Zwillinge“, sagt Filmemacher Antonin im Gespräch. „Sie kleben aneinander und sind aufeinander angewiesen.“ Ohne haitianische Migranten wäre die Zuckerrohrernte in der DomRep nicht zu stemmen, der Bauboom nicht zu bewältigen – und auch die Restaurants, Hotels und Nachtclubs könnten kaum betrieben werden. Und für die dominikanische Wirtschaft ist Haiti nach den USA der wichtigste Exportmarkt. „Wenn ein Land krankt, tut es das andere auch“, unterstreicht Antonin.

206807_1325_206807_cover.jpg
#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Dominikanische Republik gilt als das gelobte Land

Zwischen einer halben Million und 700.000 Haitianer und Haitianerinnen leben derzeit im Nachbarland, die Mehrheit von ihnen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Präsident Abinader schürt den ohnehin vorhandenen „Anti-Haitianismus“ und lässt in großem Stil abschieben. Bis Ende April wurden laut der dominikanischen Migrationsbehörde DGM fast 115.000 Menschen über die Grenze gebracht. Bereits 2024 wurden 276.000 Haitianer abgeschoben, darunter viele in der Dominikanischen Republik geborene Menschen. „Unsere Landsleute müssen als Sündenböcke für alles herhalten“, kritisiert Antonin.

„Selbst die Fische und die Meeressäugetiere flüchten“

Aber auch die Mauer wird die Migration nicht stoppen. Solange auf der einen Seite der Tod und das Verhungern drohen, bleibt die andere Seite immer das erreichbare gelobte Land. Arnold Antonin malt ein finsteres Zukunftspanorama: „Haiti ist in jeder Hinsicht davon bedroht zu verschwinden. Es gibt kaum noch Wasser. Die Luft, die wir einatmen, ist verschmutzt, unsere Städte werden von Bergen von Unrat bedeckt. Selbst die Fische und die Meeressäugetiere flüchten in die Dominikanische Republik, so wie es auch die Menschen tun.“

Aber Antonin bleibt und lebt weiter oberhalb von Port-au-Prince. Er will, dass sich sein Land selbst befreit. „Die Lösung können nur die Haitianer selbst bringen.“