Deutlicher als Ex-Kanzler Gerhard Schröder kann man nicht demonstrieren, dass ihm die Politik der Bundesregierung und die Linie der eigenen Partei und auch sonst vieles einfach egal ist. Fröhlich lacht der 82-Jährige in die Kamera, die Schulter eng an seinen Freund Wladimir Putin gelehnt. Die Hände haben die beiden Männer lässig ineinander geschlagen, wie zwei Sportler nach einem siegreichen Match. Schröder ist in Moskau und feiert mit seinem alten Kumpel dessen 74. Geburtstag.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Als wäre nichts gewesen. Als würde Putin nicht seit viereinhalb Jahren die Ukraine angreifen. Als würden die Handlanger des russischen Präsidenten nicht hinter Spionage, Sabotage und Anschlagsplänen in Deutschland stecken. Als hätte Russland am Tag von Putins Party nicht durch einen Angriff mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen in der Ukraine mindestens 25 Menschen getötet und mehr als 100 weitere verletzt. Schröder und Putin: Männerfreundschaft über Menschenleben.

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Schröder bei Putin: SPD-Politikerin „fassungslos“

Es mache sie „fassungslos“, dass Schröder „fröhlich mit Kriegsverbrecher Wladimir Putin die Sektkorken knallen lässt, während Russland die Ukraine zeitgleich und unerbittlich mit Angriffen überzieht und noch an diesem Abend zahlreiche Zivilisten tötet“, sagte die Vizechefin der SPD-Bundestagsfraktion, Siemtje Möller, dieser Redaktion.

Ukraine-Krieg -  Kramatorsk
Folgen eines russischen Angriffs in der Ukraine.© Uncredited/Ukrainian Emergency Service/AP/dpa | Uncredited

Die Bundesregierung und die deutschen Nachrichtendienste warnen aktuell eindringlich vor Putins Aggression. „Von keinem anderen Land geht aktuell eine so direkte, umfassende und konkrete Bedrohung gegen Deutschland aus“, sagte BND-Chef Martin Jäger erst am Montag. Entsprechend groß ist die Empörung über Schröders fröhlichen Umgang mit dem Kremlchef: Kanzler Friedrich Merz (CDU) sei „zutiefst empört“, erklärte ein Regierungssprecher. „Geradezu unmoralisch“ sei das gemeinsame Feiern angesichts des Leids, das Putins Krieg über die Ukraine bringe.

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Ukraine-Krieg: Zweifel an Russlands Siegesmeldung zu Kostjantyniwka
Im Krisenmodus
 

Schröder und seine Frau besichtigen Supermarkt in Moskau

Die enge Freundschaft zu Putin reicht viele Jahre zurück, in Schröders Zeit als Bundeskanzler. Die Kritik an seinen lukrativen Posten bei russischen Energiekonzernen nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik focht Schröder nie an. Auch nach Putins Überfall auf die Ukraine sah Schröder keinen Grund, daran etwas zu ändern. Jetzt tritt Schröder sogar einen neuen Job in Russland an: Er übernahm einen Aufsichtsratsposten beim russischen Ableger der deutschen Supermarktkette Globus.

Am Morgen von Putins Party besuchte Schröder in Begleitung seiner Frau So-yeon Schröder-Kim eine Filiale des Supermarkts in Moskau. Gekleidet in eine Steppweste mit Firmenlogo ließ sich der Altkanzler durch die Regale führen und hielt eine Begrüßungsrede vor Mitarbeitern. Putin habe aus den Medien von Schröders Aufenthalt in der russischen Hauptstadt erfahren, erklärte der Kreml. „Der Präsident lud seinen alten Freund zu sich nach Hause ein.“

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In der SPD sind viele genervt von Schröder: „Was soll man dazu noch sagen?“

Dass er mit seiner Treue zu Putin in der deutschen Politik zum Ausgestoßenen geworden ist, scheint Schröder nicht zu stören. Und wenn es doch so ist, lässt er es sich nicht anmerken. Am 3. Oktober nahmen der Altkanzler und seine Frau am offiziellen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen teil.

In seiner Partei hat der kantige Altkanzler noch einige Anhänger, die maßgeblichen Funktionsträger schneiden ihn jedoch, seit der Versuch eines Parteiausschlusses scheiterte. Wer sich in der SPD nach Schröder umhört, trifft oft auf genervtes Schweigen. „Was soll man dazu noch sagen?“, heißt es dann. Die Party mit Putin ist für Parteichef Lars Klingbeil jedoch ein Anlass, sich doch noch einmal zu äußern: „Völlig inakzeptabel“ sei der Besuch bei der Geburtstagsfeier. „Schröder zeigt mit dieser Reise auf unerträgliche und offensichtliche Weise, wie weit er sich von den fundamentalen Prinzipien der Sozialdemokratie entfernt hat“, sagte Fraktionsvizechefin Möller.

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Ukraine-Krieg: Putin brachte Schröder als Vermittler ins Spiel

Bitter stößt vielen in der SPD auch auf, dass Schröder keinerlei Bereitschaft zeigt, sich mit der Kritik an ihm auseinanderzusetzen. Eine Zeugenaussage vor einem Untersuchungsausschuss in Mecklenburg-Vorpommern im Zusammenhang mit der Erdgasleitung Nord Stream 2 sagte er mehrfach aus gesundheitlichen Gründen ab. Als er im Oktober 2025 schließlich einer Befragung per Videoübertragung zustimmt, pampte und schimpfte Schröder sich durch die zweieinhalbstündige Veranstaltung und verwies vor allem auch auf Gedächtnislücken.

Nun scheine Schröder aber „wieder fit genug zu sein, um in Moskau mit Putin zu feiern und seinen privaten Geschäften nachzugehen“, bemerkte Möller spitz. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine trafen die beiden Männer mehrfach zusammen. Putin schlug seinen Freund im Mai sogar als Vermittler vor. In der Bundesregierung wurde dies als Ablenkungsmanöver des Machthabers im Kreml interpretiert. In der SPD gibt es jedoch auch Stimmen, die sich von Schröder Einfluss auf Putin erhoffen.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

SPD-Spitzenpolitiker: Schröder hilft der russischen Propaganda

„Wir brauchen diplomatische Initiativen, um den furchtbaren russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden“, sagte der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Jochen Ott, dieser Redaktion. „Dabei könnte auch Gerhard Schröder eine Rolle spielen.“ Wenn sich Schröder aber in freundschaftlicher Pose mit Putin ablichten lasse, sei dies nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. „Solche Bilder helfen nicht dem Frieden, sondern vor allem der russischen Propaganda.“ Das müsse einem ehemaligen Bundeskanzler bewusst sein.