Die Verhaftung des einstigen Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, wegen Spionageverdachts ist ein beispielloser Vorgang in der langen deutschen Geheimdienstgeschichte. So etwas gab es in der Tat noch nie. Doch handfeste Skandale, die sogar einen Bundeskanzler das Amt kosteten, hat es nach 1949 immer wieder gegeben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Sie trugen sich vor allem im Graufeld zwischen den beiden deutschen Staaten zu. Denn selbstverständlich konkurrierten BRD und DDR nicht nur politisch um den erfolgreicheren Wiederaufstieg nach Naziregime und Zweitem Weltkrieg. Sie belauerten und bespitzelten einander, stets bemüht, entweder in die geheimen Strukturen des jeweils anderen Staates einzudringen oder möglichst hochrangige Überläufer zum Seitenwechsel zu bewegen.

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BND-Skandal: Doppelagent Felfe verrät 1961 Geheimnisse an den KGB

Den ersten Skandal erlebte der Bundesnachrichtendienst im November 1961 mit der Enttarnung des Doppelagenten Heinz Felfe, der im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes KGB interne Informationen aus der damaligen BND-Zentrale in Pullach bei München nach Moskau lieferte. Er war ausgerechnet für die Gegenspionage gegen die Sowjetunion zuständig und hatte unter Anderem den Auftrag, die sowjetische Botschaft in Bonn zu beobachten.

Felfe hatte schon während der Nazizeit für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet und wurde 1951 Mitarbeiter der Organisation Gehlen, des Vorgängers des BND. Zu dieser Zeit stand er bereits in den Diensten des KGB, der ihn als „Perspektivagenten“ aufbauen wollte. Mithilfe des interessanten „Spielmaterials“, das die Sowjets ihm lieferten, wurde er einer der engsten Vertrauten des BND-Chefs Reinhard Gehlen. Erst im Herbst 1961 wurde er Dank der Hinweise eines Überläufers des polnischen Geheimdienstes enttarnt.

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Der Skandal um Felfe führte zu einer großen Rufschädigung des BND, nachdem er wenige Monate zuvor bereits vom Bau der Berliner Mauer völlig überrascht worden war. Vor allem die USA gingen für viele Jahre auf Distanz zu dem westdeutschen Geheimdienst. Felfe wurde 1963 zu 14 Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt, aber 1969 im Zuge eines Agentenaustausches begnadigt und in die DDR entlassen.

Guillaume spioniert für die DDR im Kanzleramt

Auch der nächste große Spionageskandal der Bundesrepublik ging auf einen Perspektivagenten des Ostens zurück. Am 24. April 1974 wurde Günter Guillaume als DDR-Spion enttarnt, der zu dieser Zeit seit zwei Jahren als persönlicher Referent für Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) arbeitete und Zugang zu geheimen Unterlagen, Gesprächsrunden und dem Privatleben der Familie Brandt hatte.

Er berichtete darüber an den Staatssicherheitsdienst in Ost-Berlin. Von dem waren er und seine Frau Christel 1956 mithilfe einer fingierten Fluchtgeschichte gezielt in den Westen entsandt worden. Sie sollten in der SPD über die Jahre aufsteigen, um in immer wichtigere Funktionen mit Zugang zu entsprechenden Informationen zu kommen. Die DDR nannte solche Spione „Kundschafter des Friedens“.

Guillaume-Affäre: Spionagefall führt zum Rücktritt Willy Brandts

Der Fall löste in der in Bundesrepublik eine schwere innenpolitische Krise aus, an deren Ende am 7. Mai 1974 der Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler stand. Noch lange wurde in der SPD darüber diskutiert, ob dieser Schritt wirklich nötig war. Denn ein vom Bundestag eingesetzter Untersuchungsausschuss offenbarte vor allem erhebliche Überwachungsmängel der Sicherheitsbehörden. Es stellte sich unter anderem heraus, dass schon 1973 erhebliche Hinweise auf die eigentliche Rolle Guillaumes vorlagen. Innenminister Hans-Dietrich Genscher hatte Brandt zwar informiert, ihn aber überredet, still zu halten, bis man noch mehr Beweise gesammelt habe.

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Auch in der SED-Führung gab es Zweifel, ob es klug war, einen Spion so nahe bei Brandt zu postieren, dessen Entspannungspolitik auch im Interesse der DDR lag. Gleichzeitig galt dies aber als eine Meisterleistung im Spionagehandwerk. Guillaume wurde 1975 wegen Landesverrats zu 13 Jahren Haft verurteilt. Er kam 1981 im Zuge eines Agentenaustausches frei, kehrte in die DDR zurück, wurde dort von den Staatsmedien wie ein Held gefeiert und zum Oberst befördert.

DDR-Agent flieht 1979 mit Geheimdokumenten in den Westen

Fünf Jahre nach dem Guillaume-Skandal konnte endlich auch einmal der BND im Ost-West-Kampf der Geheimdienste punkten. Am 19. Januar 1979 machte sich Werner Stiller, Oberleutnant im DDR-Ministerium für Staatssicherheit, mit einer Aktentasche voller vertraulicher Unterlagen auf den Weg in den Westen – mit der West-Berliner U-Bahn. Deren Züge hielten am Grenzbahnhof Friedrichstraße, wo es auch einen geheimen Übergang für Agenten der DDR gab. Mit seinem Dienstausweis und einem gefälschten Reiseauftrag passierte Stiller die Schleuse und gelangte auf den Bahnsteig. Dort sprang er ungeachtet der Stasi-Kameras kurz vor Abfahrt in einen Zug Richtung West-Berlin.

Von dort ging es direkt nach München, wo seine „Kollegen“ in Pullach ihn über ein Jahr lang intensiv befragten. Sie interessierten weniger konkrete Sachinformationen, sondern sein Wissen über das Innenleben, die Strukturen und nicht zuletzt den legendären Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf. Außerdem konnten mithilfe seiner Hinweise zahlreiche DDR-Agenten in der Bundesrepublik und weiteren westlichen Ländern enttarnt werden.

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Es gab bis zum Mauerfall noch weitere Ost-West-Spionageskandale, doch der Fall Hanning zeigt, dass es dieser Systemkonkurrenz gar nicht bedarf. Geheime Informationen haben immer ihren Marktwert.