Lilly Blaudszun ist erst 25 Jahre alt, aber schon erfahrene Strategin. Bekannt wurde sie als Politik-Influencerin, seit Langem arbeitet sie im Team von Manuela Schwesig. Die SPD-Spitzenkandidatin hatte bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zur Aufholjagd aufgerufen, als „Frau gegen Blau“. Die AfD kam schließlich auf Platz 1 mit 38 Prozent, die SPD auf den zweiten Platz mit 35 Prozent. Für die Sozialdemokraten dennoch ein Erfolg, was auch an ihrem Wahlkampf lag. Wie hat der funktioniert?
Frau Blaudszun, Sie haben die Wahlkampfkampagne von Manuela Schwesig geleitet. Die hat zwar keinen Sieg für die SPD gebracht, aber war erfolgreich. Die AfD war der Gegner. Was kann man sich von Kampagnen der Rechten abschauen?
Lilly Blaudszun: Rechte Kampagnen sind sehr klar in der Sprache. Klarheit ist aber kein Vorteil, den man ihnen überlassen muss. Themen so auf die Straße zu bringen, dass viele sie verstehen, ist Handwerk. Demokratische Kampagnen verlieren sich darin zu oft in politischen Details.
Ist nicht die Gefahr groß, selbst populistisch zu werden?
Doch, die Gefahr gibt es. Aber es ist ein Unterschied, ob man Politik einfach übersetzt oder ob man populistische Scheinlösungen verkauft. Wir haben komplizierte Themen auf den Punkt gebracht. Das klappt aber nur, wenn die Leute Manuela Schwesig ihre Politik auch abnehmen. Ohne diese Substanz bringt dir die beste Übersetzung nichts.
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Social Media war wichtig, es gab viele Posts und Clips. Was sind die wichtigsten Regeln?
Der Schlüssel war Vertrauen und Tempo. Manuela Schwesig hat uns machen lassen, ohne dass Ideen in langen Freigabeschleifen zerredet wurden. Sie hat Digitales zu einer Priorität gemacht, wenn nötig auch mit Videodrehs am Sonntagabend. Zweitens: eigener Look, statt jedem Tiktok-Trend hinterherzulaufen. Und drittens: Inhalte statt Privates. Blicke hinter die Kulissen können Nahbarkeit schaffen, aber Food-Pics ersetzen keine Haltung. Am Ende zählen politische Inhalte – die Leute wollen wissen, wofür man steht.
Es ist noch nicht lange her, da stand Manuela Schwesig wegen ihres Engagements für Nord Stream 2 massiv in der Kritik. Für Wahlkampfstrategen nicht so optimal, oder?
Sie geht transparent damit um. Es gab einen Untersuchungsausschuss, sie hat dort ausgesagt und die Vorwürfe haben sich nicht bestätigt. Im Wahlkampf gab es von einigen Menschen übrigens den Vorwurf, dass sich Manuela Schwesig nicht mehr für Nord Stream einsetzt. Die AfD hat sich ja auf dieses Thema gesetzt. Aber sie bleibt bei ihrer Haltung, auch wenn sie Zustimmung gekostet hat.

In der Kampagne wurden gezielt Frauen angesprochen. Wie gut hat das funktioniert?
Frauen wurden angesprochen, weil sie zu den bedrohten Gruppen von AfD-Politik gehören. Deshalb haben wir diese Auseinandersetzung gesucht. Wir sehen deutliche Unterschiede zwischen der Zustimmung von Frauen bei der SPD und bei der AfD. Diese Ansprache war richtig.
Der Wahlkampf wirkte aufwendig. Was hat er gekostet?
Das Budget lag knapp über dem von 2021, als wir etwa 1,1 Millionen Euro eingesetzt haben. Wir haben auf einen breiten Mix gesetzt: klassische Großflächen, ein eigenes „Manu“-Magazin für alle Haushalte, aufmerksamkeitsstarke Give-aways wie Duftanhänger und kurz vor der Wahl noch eine direkte Briefaktion an die Wählerinnen und Wähler. Bei dieser Aufholjagd durften wir kein Instrument liegen lassen. Am Ende war es genau dieses Handwerk aus digitaler Präsenz und direkter Ansprache vor Ort, das den Ausschlag gegeben hat.
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Was hat Sie besonders überrascht, positiv wie negativ?
Negativ definitiv die Flut an Desinformation auf Social Media – etwa manipulierte Videos von Manuela Schwesig. Dagegen anzukämpfen, ist extrem mühsam und oft frustrierend, weil Fakes sich schneller verbreiten als Richtigstellungen. Das Positivste war die unglaubliche Solidarität vor Ort. Viele Menschen sind zu Manuela Schwesig gekommen und haben gesagt: „Wir brauchen euch jetzt als Bollwerk.“ 2021 ging es um Parteipolitik, 2026 ging es für viele Wählerinnen und Wähler um die Demokratie als Ganzes. Diese emotionale Welle und die Entschlossenheit der Wähler zu spüren, war enorm bewegend.
Die SPD hatte ein gutes Ergebnis, kann mit Linke und Grünen in Gespräche zur Regierungsbildung gehen. Aber stärkste Kraft wurde die AfD. War es richtig, die Rechten als Gegner zu markieren? Andere Parteien haben sich an den Rand gedrängt gefühlt.
Es war die einzig richtige Entscheidung. Wenn die Rechten bei fast 40 Prozent stehen, können wir keinen Wohlfühl-Wahlkampf wie in Friedenszeiten führen. Zahlenmäßig waren wir die einzige Kraft, die die AfD stoppen konnte. Natürlich hätte ich mir einen klassischen Wettstreit der demokratischen Ideen mit der CDU gewünscht. Aber in dieser Ausnahmesituation gab es schlicht keine Zeit für Nebenkriegsschauplätze. Wer den Rechten die Stirn bieten will, muss den Konflikt in aller Härte und Entschlossenheit annehmen.
Was kann die Bundes-SPD von Ihrer Kampagne lernen?
Ein Wahlkampf kann aus einer schwachen Ausgangslage kein Wunder zaubern. Eine Kampagne funktioniert nur, wenn die Mischung aus Vertrauen, Klarheit und Schnelligkeit stimmt. Wir hatten ein extrem eingespieltes Team und eine Spitzenkandidatin, die uns ohne lange Schleifen hat machen lassen. Wenn man etwas daraus lernen kann, dann gilt das für jede Partei, auch für meine: weniger Schleifen, mehr Vertrauen ins Team, mehr Mut zu klarer Sprache.







