Die AfD könnte in Sachsen-Anhalt künftig Regierungsverantwortung übernehmen. Der Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Jens Strackeljan, beobachtet deshalb genau, was aus den Ankündigungen der Partei wird. Er warnt vor Eingriffen in die Wissenschaftsfreiheit und sagt, wo für ihn eine rote Linie erreicht wäre.

Herr Strackeljan, Sie haben nach der Wahl gesagt: „Wissenschaft muss frei sein.“ Wie groß ist Ihre Sorge, dass diese Freiheit unter Druck gerät?

Jens Strackeljan: Für uns ist das AfD-Regierungsprogramm die entscheidende Quelle. Die nehmen wir ernst und gehen davon aus, dass die AfD versuchen wird, möglichst viel davon umzusetzen. Der Wahltag hat daran inhaltlich nichts verändert, aber die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass diese Vorstellungen tatsächlich Regierungspolitik werden.

Wo sehen Sie konkret Gefahren?

Klima und Mobilität sind bei uns an der Universität in einigen Fachbereichen Wissenschaftsfelder mit eigenen Studienprogrammen. Die Besetzung einer Professur, die auch Gender-Aspekte erforscht, ist geplant. Bei der Einrichtung von Professuren braucht es die Genehmigung des Landes. Da stellt sich schon die konkrete Frage: Würde eine AfD-geführte Landesregierung eine solche Professur verhindern?

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Und wie würden Sie damit umgehen, wenn das Land tatsächlich Einfluss auf solche Entscheidungen nehmen wollte?

Wir können nicht mit Gesprächsverweigerung operieren. Es kann sein, dass ich einen Dienstherrn oder eine Dienstherrin aus der AfD bekomme. Dann müssen wir miteinander sprechen. Aber für uns ist klar: Die Weltoffenheit unseres Campus ist eine rote Linie. Wir haben mehr als 5500 internationale Studierende, allein 2200 aus Indien. Viele sind seit Jahren hier, haben sich integriert, wollen bleiben, und wir haben vielfältige Integrationsprogramme für sie geschaffen. An dieser Weltoffenheit lassen wir uns nicht verbiegen.

Die AfD will zurück zu Diplom und Magister. Was würde das für Magdeburg bedeuten?

Das würde uns schlicht den Stecker ziehen. Viele unserer internationalen Studierenden kommen nach ihrem Bachelor irgendwo auf der Welt gezielt für einen englischsprachigen Master nach Sachsen-Anhalt. Die würden nicht noch einmal in ein Diplom- oder Magisterprogramm einsteigen. Die kommen entweder zum Master – oder sie kommen gar nicht.

Könnte das Land überhaupt bestimmen, was an Ihrer Universität gelehrt und erforscht wird?

Die rechtlichen Grenzen setzt zunächst das Grundgesetz. Artikel 5 garantiert die Freiheit der Wissenschaft. Aber die entscheidende Frage ist: Was wird finanziert? Eine Landesregierung kann sagen: Du kannst dieses Thema erforschen, aber nicht mit unserem Geld. Außerdem braucht die Universität bei strukturellen Entscheidungen über Professuren die Zustimmung des Ministeriums. Da gibt es also durchaus Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.

Wie abhängig ist die Universität vom Land?

Rund 85 Prozent unseres Budgets kommen derzeit aus Landesmitteln. Wir haben allerdings eine Zielvereinbarung mit dem Land, auf deren Grundlage wir planen. Wir gehen zunächst davon aus, dass Verträge in einem Rechtsstaat Bestand haben. Sollte sie gekündigt werden, müsste neu verhandelt werden.

Sehen Sie darin eine Gefahr, die über Sachsen-Anhalt hinausgeht?

Den Äußerungen der AfD kann man schon entnehmen, dass Sachsen-Anhalt eine Art „Musterland“ für bestimmte Vorstellungen werden soll. Dann schauen natürlich die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz und unsere internationalen Partner sehr genau hin.

Was würde dann passieren?

Für die Forschungsförderung gelten wissenschaftliche Maßstäbe, die auch wir erfüllen müssen. Deshalb ist unsere wissenschaftliche Unabhängigkeit so wichtig. Welche Folgen ein konkreter Eingriff hätte, müsste man genau prüfen. Aber man darf nicht naiv sein: Die DFG oder die anderen 15 Bundesländer werden ihre wissenschaftlichen Maßstäbe in der Förderung nicht wegen Sachsen-Anhalt verändern. Im schlimmsten Fall könnte das Land wissenschaftlich isoliert werden.

„Einige sagen, sie wollten gerade jetzt einen Beitrag dazu leisten, dass sich Sachsen-Anhalt positiv entwickelt.“ 

Jens Strackeljan Rektor der Universität Magdeburg
Jens Strackeljan, Rektor der Universität Magdeburg

Sie haben nach der Wahl besonders die internationalen Studierenden angesprochen. Gibt es bereits Menschen, die deswegen nicht nach Magdeburg kommen wollen?

Aus unseren jüngsten Berufungsgesprächen kenne ich keine Absage wegen des Wahlergebnisses. Natürlich wird die politische Situation angesprochen. Aber bislang hat niemand gesagt: Deshalb komme ich nicht. Im Gegenteil: Einige sagen, sie wollten gerade jetzt einen Beitrag dazu leisten, dass sich Sachsen-Anhalt positiv entwickelt. Zum Wintersemester verzeichnen wir erfreulicherweise außerdem einen Zuwachs an internationalen Studierenden. Das ist die Entwicklung, die wir derzeit sehen.

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Sie beobachten trotzdem sehr genau, was passiert. Warum?

Weil wir nicht nur auf den Campus schauen dürfen. Wenn sich der Umgang mit internationalen Studierenden und Beschäftigten im öffentlichen Raum verändert, wenn es verbale Angriffe oder Anfeindungen gibt, müssen wir das wahrnehmen. Das kann im Bus passieren, in öffentlichen Einrichtungen, beim Sport oder beim Fußball. Außerhalb des Campus können wir als Uni keine Sicherheitsgarantie geben. Aber wir können aufmerksam sein, hinschauen und reagieren.

Was heißt das konkret?

Wir müssen den Menschen deutlich machen: Ihr seid weiterhin willkommen, wir kümmern uns um euch. Die Randbedingungen haben sich möglicherweise verändert, aber unsere Botschaft bleibt: Kommt nach Sachsen-Anhalt, ihr seid willkommen!

Warum ist das für die Universität so wichtig?

Wir haben 5500 internationale Studierende. Natürlich sind wir keine Jobagentur und versprechen niemandem im Land, dass 80 Prozent als Fachkräfte hierbleiben. Aber wenn die Absolventinnen und Absolventen nach einem erfolgreichen Studium das Land wieder verlassen, müssen wir uns fragen lassen, worin unsere Strategie besteht. Wir bilden diese Menschen hervorragend aus, haben Verbindungen zur Industrie und wollen, dass davon auch Sachsen-Anhalt profitiert.

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Was könnte internationale Absolventen davon abhalten, zu bleiben?

Es geht längst nicht nur um den Arbeitsplatz. Es geht auch um die Frage: Kann meine Familie nachkommen? Kann ich mir hier ein Leben aufbauen? Gerade bei unseren indischen Absolventen spielt das eine Rolle. Viele kommen nach dem Bachelor, teilweise verheiratet, machen hier ihren Abschluss und haben anschließend Zugang zum deutschen, europäischen und internationalen Arbeitsmarkt. Ob sie bleiben und die Familie nachholen, hängt von vielen Faktoren ab, und eben auch davon, ob sie sich hier willkommen fühlen.

Was wäre für Sachsen-Anhalt wirtschaftlich die Folge, wenn internationale Studierende und Wissenschaftler ausblieben?

Uns würden Fachkräfte, Wissen und Ideen fehlen. Bei gut qualifizierten, promovierten Absolventinnen und Absolventen haben wir praktisch keine Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig verändert sich die klassische Industrie. Gerade in Sachsen-Anhalt, etwa in der Chemieindustrie, erleben wir einen tiefgreifenden Wandel. Es braucht Neues – und dieses Neue entsteht bei uns gerade auch aus rund 40 begleiteten Gründungsvorhaben, von denen viele international geprägt sind. Es wäre töricht, wenn wir diesen Menschen die Tür zuschlagen.

Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert

Sie betonen deshalb die internationalen Netzwerke der Universität.

Unsere Netzwerke sind regional, national, aber eben auch international. Das ist für uns ein strategischer Punkt. Die großen Herausforderungen können wir weder allein in einem Bundesland noch aus nationaler Perspektive lösen. Wir müssen sie in einem größeren, europäischen und internationalen Zusammenhang sehen.

In Bayern wird inzwischen angeordnet, dass vor staatlichen Hochschulen dauerhaft die Deutschlandflagge wehen soll. Was halten Sie davon?

Wir haben auch Fahnenmasten und waren bisher selbst in der Lage, zu entscheiden, was wir dort hissen. Wir sehen uns sehr eng mit Europa verbunden und sind Teil einer europäischen Universitätsallianz. Eine dauerhafte patriotische Bekundung ist nicht das, was ich für eine Universität für entscheidend halte. Entscheidend ist für mich, unter welchen Bedingungen wir forschen und lehren können. Eine Flagge beantwortet diese Frage nicht.

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Die AfD will in Sachsen-Anhalt auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk grundlegend verändern. Sehen Sie darin Parallelen zur Debatte über die Unabhängigkeit der Wissenschaft?

Das sind zwar unterschiedliche Bereiche, aber beide brauchen Unabhängigkeit. Wir brauchen guten Journalismus, der Wissenschaft erklärt und auch uns kritisch befragt. Wissenschaft kann nicht an jeder Stelle sofort Lösungen liefern. Wir müssen erklären, was wir wissen und was wir noch nicht wissen. Dafür brauchen wir eine sachliche öffentliche Debatte.

Was passiert, wenn beides gleichzeitig unter Druck gerät?

Wenn wissenschaftliche Ergebnisse pauschal als unglaubwürdig abgetan und zugleich unabhängige Medien unter Druck gesetzt werden, wird eine sachliche öffentliche Debatte schwieriger. Wissenschaft lebt davon, dass Ergebnisse geprüft und auch infrage gestellt werden. Aber nach wissenschaftlichen Maßstäben. Ein Ergebnis wird nicht falsch, weil es politisch unbequem ist. Journalismus muss darüber unabhängig berichten können. Es geht darum, dass Menschen sich auf überprüfbare Informationen stützen können, auch bei strittigen Themen.

Was sagen Sie einem jungen Menschen, der sich jetzt fragt, ob Sachsen-Anhalt noch der richtige Ort für sein Studium ist?

Kommt nach Magdeburg. Wir haben ein attraktives Studienangebot und viel Freiraum, eigene Ideen zu entwickeln. Universität bedeutet nicht nur Lernen. Es geht um Austausch, konstruktive Auseinandersetzung und darum, gemeinsam Lösungen für eine komplizierte Welt zu finden. Um sie zu gestalten, zu verändern und zu verbessern, sind eure Fragen, euer Engagement und eure Perspektiven hier willkommen.

Zur Person

Jens Strackeljan (64) ist seit 2012 Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU) und gehört zu den dienstältesten Hochschulrektoren Deutschlands. Der Maschinenbauingenieur engagiert sich zudem in der Hochschulpolitik und als Vorstand von Uni-Assist für internationale Studierende. Als Vorsitzender eines Reha- und Behindertensportvereins ist ihm besonders das Thema Inklusion wichtig. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Die Universität Magdeburg ist mit mehr als 13.100 Studierenden die zweitgrößte Hochschule Sachsen-Anhalts.