Gleich geht es los, das „Bürgerfest“ der AfD, eigentlich. Aber bisher steht nicht viel auf dieser grünen Wiese zwischen den Plattenbauten. In Windeseile tragen Helfer alles aus dem Transporter: Bühne und Lautsprecher, Deutschland-Fahnen, Liegestühle mit AfD-Logo, Bierbänke, Grill, die Hocker mit der Aufschrift „Bereit für die blaue Wende“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Klappt zeitlich gerade noch, da kommt er schon: Leif-Erik Holm, 56 Jahre alt, und der „nächste Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern“, wie ein Vorsänger der AfD kurz danach ins Mikrofon skandiert. Auf den Bänken sitzen zwei, vielleicht drei Dutzend Zuschauer – Rentner, Männer in Sportjacken, eine Frau mit lila gefärbtem Haar, ein Rollstuhlfahrer, ein junger Mann mit ausrasiertem Scheitel und Lonsdale-Shirt, beliebt auch bei Neonazis.

Beginnen aber soll diese Geschichte nicht auf der Bühne der AfD. Sondern ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt, abseits der grünen Wiese, vorbei an der Einkaufszeile, über die Gleisbrücke. Dort steht ein anderer Plattenbau, elf Stockwerke hoch. An einem Balkon hängt eine bunte Lichterkette, an einem anderen die Deutschland-Flagge, unten im Erdgeschoss hat ein Bestatter sein Büro. Man erkennt das Hochhaus schon von Weitem, denn an der Seite haben Handwerker eine riesige Sonnenblume aus Fliesen gemauert.
Die Tektonik der Demokratie verschiebt sich. Manchen macht das Angst

Im August 1992 marschieren Rechtsextreme vor dem Plattenbau auf, wo damals eine völlig überfüllte Asylunterkunft ist, werfen Steine und Molotow-Cocktails in das Gebäude. Anwohner applaudieren. Hier am Sonnenblumenhaus, in Rostock-Lichtenhagen. Es ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Damals gab es die AfD noch nicht, und Leif-Erik Holm stand noch irgendwo zwischen Schule und Studium. Doch sprechen in diesen Tagen wieder viele von historischen Wochen der deutschen Geschichte. In Sachsen-Anhalt könnte erstmals eine rechtsradikale Partei regieren. In Mecklenburg-Vorpommern steht die AfD nur zwei Wochen später vor ihrem nächsten Wahlsieg. Die Rechten sind in ganz Deutschland auf dem Vormarsch, die CDU kommt hier im Nordosten in Umfragen noch auf sieben Prozent.
Russlands Angriff auf die Ukraine wird zu einer Nebensächlichkeit
Die Tektonik der Demokratie verschiebt sich. Menschen auf der grünen Wiese vor der AfD-Bühne in Rostock bejubeln das. Andere haben wieder Angst.
Leif-Erik Holm aber ist ein Politiker, vor dem man sich nicht fürchten soll. Er gibt den Konservativen, nennt seine Partei „bürgerlich“. Auf der Bühne bei Lichtenhagen rennt Holm durch seine Wahlslogans. Der Liter Diesel, „jetzt schon zwei Euro 60“. Kassieren würde vor allem der Staat. Die Bildungspolitik, „ein Armutszeugnis“. Familien? Müssen sich ihr Eigenheim wieder leisten können, also „Grunderwerbsteuer auf null“. Illegale Einwanderung? „Endlich Schluss damit.“ Die AfD wolle „keine Waffen in Kriegsgebiete“, die Bundesregierung werfe „Öl ins Feuer“. Russlands völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine erwähnt Holm wie eine Nebensächlichkeit.
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Leif-Erik Holm, einst bekannter Radiomoderator an der Ostseeküste, ruft ins Mikrofon: „Machen wir MV blau.“ Dann spricht er von einer „großen Chance“ – im Rückenwind der Wahl in Sachsen-Anhalt wolle man nun im nächsten Bundesland triumphieren. Fragt man Menschen auf der Wiese, warum sie AfD wählen, wiederholen sie fast wie im Kanon Holms Worte. Es bleibe „nichts übrig“ am Ende des Monats. Es müsse sich „endlich was ändern“. Ändert die AfD was? „Weiß nicht, aber kann man ja mal versuchen.“
Ulrich Siegmund hat in Sachsen-Anhalt fast die Hälfte aller Stimmen für die AfD geholt. In den Wochen vor der Wahl prophezeite er in jede Kamera, man werde „Geschichte schreiben“. Mit guter Laune, Ostalgie, garniert mit Moped-Ausfahrten durch die Provinz und in Szene gesetzt durch ein pompöses Medien-Team aus rechten Vorfeld-Akteuren machte Siegmund aus einer Partei eine Bewegung. Die Stimme für die AfD wurde zu einem Gefühlsmix aus Euphorie und Rache. Rechtsradikale Ideologen fanden in Sachsen-Anhalt ihre Blaupause.
Aufschrift „Remigration“: Eigene Medienagenturen begleiten auch Leif-Erik Holm
Auch auf der Wiese in Rostock begleitet ein Film-Team Holms Wahlkampf, die „nonkonforme“ Medienagentur „Countercut“, die nach eigenen Angaben im Auftrag des Landesverbands der AfD hier arbeitet. Ein lockiger Mitarbeiter mit Kamera trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Remigration“.
Doch tritt Leif-Erik Holm anders auf als Siegmund. Der AfD-Mann erzählt keine „Vision 2026“ wie Siegmund. Er spricht weniger von „Geschichte schreiben“ und mehr von Tankrabatten, Grunderwerbsteuer und Lehrerausbildung. Holm setzt auf die andere Karte, die von der AfD oft gezogen wird: Er sagt, was alles schlecht laufe. Was die Regierung falsch mache. Und gibt ein Heilsversprechen ab: eine AfD-Regierung.
Was für Holm schmerzt: Niemand will mit der AfD in Schwerin koalieren

Vieles, was Holm auf der Bühne kritisiert, kann er als Landespolitiker jedoch gar nicht auf eigene Faust ändern: Rüstungsexporte, Benzinpreise, Asylpolitik – all das regelt der Bund oder die EU. Was für Holm zusätzlich schmerzt: Niemand will mit der AfD in Schwerin koalieren, Stand jetzt. Sogar das Wagenknecht-BSW sagte ab. Es ist ein bekanntes Dilemma der Partei: Sie gewinnt von Wahl zu Wahl an Zustimmung – und kommt doch nicht an die Hebel der Macht.
Deshalb setzt die AfD auf Ausdauer. Die Wahlen in Ost und Nordost sind für die Parteiführung nur Schritte auf dem Weg zu einer Regierung in Berlin. Mindestens so oft wie Ministerpräsidentin Manuela Schwesig attackiert Holm in seinen Reden Bundeskanzler Friedrich Merz.
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Aber was, wenn Holms Geschichte ganz anders ausgeht als in Sachsen-Anhalt? SPD-Politikerin Schwesig holt auf, Woche für Woche, Umfrage für Umfrage rückt sie näher an den Wert der Rechtsaußen-Partei. Landet die alte Ministerpräsidentin am Ende vor der AfD, wäre es für Holm wie eine Niederlage – obwohl seine Partei das Ergebnis wohl auch verdoppeln kann.
Schon 2023 erzielt Holm einen Achtungserfolg bei der Wahl zum Schweriner Oberbürgermeister, die er am Ende doch verliert. Er baut die AfD-MV auf, die Partei wächst, ist eine feste Größe zwischen Schwerin und Rügen. Holm selbst macht Karriere, sitzt im Bundestag, ist wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion. An der Ostseeküste kennen sie ihn nun schon lange. Noch länger seine Stimme, aus der Zeit im Radio.

Und doch erlangt Holm nicht die Reichweite wie Siegmund. Der Wahlkampf entfacht nicht den Sog, den die AfD in Sachsen-Anhalt auslöste. Siegmunds Wahlkampf versprach eine „andere Zukunft“. Holms Wahlkampf verspricht eher ein „Zurück in alte Zeiten“. Manche in der Nord-AfD sagen angesichts der Umfrage-Zitterpartie nun: „Wir haben keinen Ulrich Siegmund.“
Auch Holms Wahlprogramm ist im Vergleich zu Siegmunds „Regierungsprogramm“ entschärft. Nur ein Beispiel: Der neurechte Kampfbegriff „Remigration“ kommt bei Siegmund 48-mal vor. Bei Holm nur dreimal. Holms AfD will die Schulpflicht nicht abschaffen, er initiiert keine völkische „Deutschdenken“-Kampagne, will „anti-deutsche“ Kultur nicht bekämpfen.
Radikale „Generation Deutschland“ marschiert auf. Und Holm? Mittendrin
Vieles im Programm der Holm-AfD liest sich wie eine CDU-Programmatik, wenn er „Zuwanderung gezielt steuern“ und Meck-Pomm zum „Bildungsland Nummer 1“ machen will. Einerseits. Andererseits schlägt auch Holm radikale Töne an. Vor einiger Zeit wünschte er sich die „Altparteien“ noch auf den „Müllhaufen der Geschichte“. Als im August dieses Jahres die rechte AfD-Jugendorganisation in Schwerin das „deutsche Vaterland retten“ will, steht Holm auf der Bühne, warnt vor einem „Land, das sich bis zur Unkenntlichkeit verändert“ habe, wettert gegen „60.000 Marokkaner“, die im spanischen Ceuta die „Grenzen überlaufen“.
Auf der Demonstration der „Generation Deutschland“ ziehen an diesem Tag zahlreiche radikale Rechte mit, skandieren Parolen, die sonst bei Neonazi-Aufmärschen zu hören sind. Der Vorsitzende der Jugendorganisation selbst ist vom Brandenburger Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Und Holm? Mittendrin.
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Seit mehr als zehn Jahren steht Leif-Erik Holm an der Spitze der AfD im Nordosten. Und vielleicht ist es genau diese doppelte Adressierung, die ihn so lange an der Macht hält: die Mitte ansprechen, die radikale Rechte dabei nicht vergessen. „Er hat alle Phasen der Partei und auch ihre Radikalisierung durchlebt und überlebt“, sagt der Politologe Wolfgang Muno von der Universität in Rostock im Gespräch mit unserer Redaktion.
Muno sagt aber auch: „Leif-Erik Holm ist längst nicht mehr unangefochten an der AfD-Spitze. In seinem Schatten sind mächtige Figuren, die einen Wechsel an der Führung herbeiführen wollen.“ Da ist Dario Seifert aus dem mitgliederstarken Kreisverband Rügen-Vorpommern. Seifert ist umstritten, war als junger Mann in der Jugendorganisation der NPD. Heute ist er Generalsekretär. Da ist Enrico Schult, der auf Landeslistenplatz 1 steht. Er ist der Spitzenkandidat. Leif-Erik Holm ist Ministerpräsidenten-Kandidat. Auf den Stimmzetteln am Sonntag taucht sein Name nicht auf.
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Verliert Leif-Erik Holm in Schwerin, bleibt er Abgeordneter in Berlin
Die AfD hält an Holm fest. Noch. Er ist bekannter als Seifert und Schult. Das hilft bei einer Konkurrentin wie Schwesig, die im Wahlkampf die präsidiale Landesmutter gibt. Nun aber kämpft Holm bei der Landtagswahl auch um seine Zukunft in der AfD – ausgerechnet im direkten Duell gegen Schwesig, im Wahlkreis in Schwerin.
Leif-Erik Holm ist seit 2013 in der Partei, war Gründungsmitglied und Bürgermeisterkandidat. Er ist Landesvorsitzender und Ministerpräsidenten-Kandidat. Verliert er die Wahl am Sonntag, fällt er weich und bleibt Bundestagsabgeordneter in Berlin. Holm ist über die Jahre zu dem geworden, was seine AfD in scharfer Rhetorik immer wieder abkanzelt: ein etablierter Berufspolitiker.









