Liebe Leserin, lieber Leser,
als meine jüngste Tochter vier Jahre alt war, wurde sie in der Kita geprüft. Spricht sie genug? Wie ist ihr Wortschatz, was versteht sie und wie reagiert sie? Delfin hieß der Test, den im Jahr 2008 alle Kinder in NRW machen mussten. Wir wohnten damals in Essen. Ich war mächtig aufgeregt; natürlich erwartete ich die amtliche Bestätigung, dass sich unser Kind prächtig entwickelt.
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Gar nicht verstanden habe ich, warum inzwischen nur noch Kinder, die nicht in die Tagesstätte gehen, getestet werden. Als ob die Dokumentation der Kita eine ähnliche Objektivität aufweist. Ohnehin wird seit Jahrzehnten ein Zickzackkurs in der Bildung gefahren. Die für Bildung verantwortlichen Bundesländer stampfen Projekte aus dem Boden mit Lesepaten, Buchgeschenken, Elternprogrammen. Sie verkürzen die Schulzeit auf G8, verlängern wieder auf G9 und sie führen auch wieder eine Sprachstandserhebung für alle ein – doch mit diesem Versuch- und Irrtum-Prinzip schaffen sie es nicht, etwas gegen die strukturelle Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Haushalten zu tun, im Gegenteil: Die Kluft wird immer größer.
Schon wieder ein Pisa-Schock: Andere Länder sind uns um Jahre voraus
Spitze sind wir nur, was die Ungerechtigkeit des Bildungswesens angeht, so die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie. Fynn Latendorf war bei der Vorstellung der Ergebnisse dabei. Die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind demnach in Lesen, Schreiben und Mathematik so schlecht wie nie. Das bedeutet, ein Großteil startet ohne Schlüsselkompetenzen für einen erfolgreichen beruflichen Weg und auch die Bewältigung des Alltags in das Erwachsenenleben.

Die Abhängigkeit vom Elternhaus nimmt bisweilen bizarre Züge an. An dieser Stelle erinnere ich mich an eine Anekdote eines Elternstammtisches, den ich letztlich aus meinem Terminkalender gestrichen habe, weil ich beim Elternengagement nicht mithalten konnte und wollte. Denn es fielen Sätze wie: „Wir müssen noch für den Geschichtstest lernen.“ Oder: „Wir nehmen jetzt das Mittelalter durch.“ Und die Krönung einer Mutter: „Ich habe mich jetzt an der VHS für einen Lateinkurs angemeldet. Damit ich bei den Hausaufgaben helfen kann.“
Wer keine Eltern hat, die helfen, ist auf der Verliererseite
Die Eltern als Hilfslehrer: Auch an der Schule in Berlin, in die meine Kinder gingen, rechneten Lehrkräfte damit, dass wir Eltern Quellen für Referate suchen, Texte verbessern, Powerpoint-Präsentationen üben und im Zweifel für eine geeignete Französisch-Nachhilfe sorgen. Und meine Freundin schafft es trotz eines verantwortungsvollen Vollzeitjobs, am Küchentisch mit ihrer Tochter Gleichungen zu lösen. Ich bewundere das, denn ganz ehrlich: Ich konnte das schon früher nicht besonders gut und jetzt erst recht nicht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Abhängigkeit vom Elternhaus scheint irgendwie in unserer Kultur zu stecken, in unserem Verständnis, dass Vater und Mutter für das Gedeihen eines Kindes verantwortlich sind. Geht das schief, sind es natürlich die Eltern, nein, ist es die Mutter, die als Schuldige gebrandmarkt wird. Das System jedenfalls zuckt, bildlich gesprochen, mit den Schultern.
Das ist nicht nur für die betroffenen Jugendlichen, die als Alleinkämpfer kaum Chancen haben, schlimm, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft. Denn wir schaffen mit dem Eltern-System auch keine Höchstleistungen, sondern allenfalls Mittelmaß. Heranwachsende aus China sind zum Beispiel den deutschen Altersgenossen um mehrere Schuljahre voraus.
Ein schlechtes Schulsystem begünstigt den Fachkräftemangel
Das treibt bereits unsere Wirtschaftsforscher um. Sie befürchten, dass die Bildungsmisere den Fachkräftemangel einer ohnehin kleiner werdenden Generation noch einmal zuspitzt und die Bevölkerung ärmer werden lässt. Ist ja auch kein Wunder. Wenn Heranwachsende Texte nicht richtig verstehen, dadurch falsche Schlüsse ziehen und Fehlentscheidungen treffen: Wie sollen sie dann in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt, in der obendrein Künstliche Intelligenz immer größeren Raum einnimmt, zurechtkommen?
In Kombination mit einem gewaltigen Rechtsruck in der Gesellschaft, der nach der Sachsen-Anhalt-Wahl womöglich noch mal Fahrt aufnimmt, sind das verheerende Aussichten für den Wirtschaftsstandort. Denn viele Fachkräfte mit Migrationshintergrund könnten Deutschland den Rücken kehren, weil sie sich einfach nicht mehr erwünscht fühlen oder sogar konkret angefeindet werden. Und dann gehen Deutschland erst recht die Ärztinnen, die Köche, Lkw‑Fahrer oder Pflegekräfte aus.

Dass eins der AfD-Wahlversprechen in Sachsen-Anhalt war, die Schulpflicht abzuschaffen, damit Verschwörungstheoretiker, Naturwissenschaftsleugner und Identitäre ihren Nachwuchs der Gesellschaft entziehen können, zeigt, wie absurd und vor allem gefährlich die Entwicklung ist.
Julia Klöckner hält im Bundestag die AfD in Schach
Dazu gehört auch der Kommunikationsstil, der von den sozialen Medien in den Alltag der politischen Auseinandersetzung und sogar in den Deutschen Bundestag geschwappt ist. Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner schafft es glücklicherweise immer noch, die AfD-Pöbler im Parlament in ihre Schranken zu weisen. Aber man sieht ihr an, welch ein Kraftakt dahintersteckt. Einen Höhepunkt erreichte das Geschrei in dieser Woche, als Bundeskanzler Friedrich Merz in der Generaldebatte auf die Angriffe von AfD-Chefin Alice Weidel reagierte. „Wir sind hier nicht auf dem Fußballplatz“, unterbrach Klöckner den Kanzler in Richtung der feixenden Rechtsextremen und drohte mit Rausschmiss. Jan Dörner hat die Szene beobachtet und auch Weidels schaurigen Auftritt analysiert.

Klar ist: Merz war ganz schön aufgeladen nach Weidels Triumph, den sie mit Blick auf die gewonnene Sachsen-Anhalt-Wahl im Parlament angestimmt hatte. Und dann warf er ihr und ihren Parteifreunden vor, mit dem Kampfbegriff „Remigration“ eine Art „ethnische Säuberung“ vollziehen zu wollen. Auf eine krasse Attacke folgte die Gegenattacke. Im Prinzip hat Merz recht, schließlich spielt die AfD, die daraufhin den Kanzler anzeigte, ein doppeltes Spiel, wie Christian Kerl in seinem Kommentar analysiert. Aber hilft es, bei Angriffen der AfD mit gleichen Waffen zurückzuschlagen?
Mit dem Zug durch Europa: Das ist doch viel schöner als mit dem Flugzeug
Den Lieblingssatz in dieser Woche sprach die Schauspielerin Natalia Wörner im Interview, das Rüdiger Sturm mit ihr führte: „Ich wehre mich dagegen, alles nur schrecklich zu finden.“ Das trifft genau meine derzeitige Gemütslage. Und in dieser Stimmung packt mich eine Geschichte über die Pläne der italienischen Bahn. Der von mir so geliebte Frecciarossa, mit dem ich schon oft zwischen Mailand, Verona und Neapel unterwegs war (und das auch noch pünktlich), soll künftig durch die Alpen nach München und irgendwann auch nach Berlin fahren. Vielleicht geht es auch irgendwann von Prag nach Kopenhagen. Oder sogar nach Oslo.

Tatsächlich gibt es immer mehr Bahn-Liebhaber, die Reisezeiten bis zu acht Stunden in Kauf nehmen, haben Experten herausgefunden. Ganz in dem Sinne: Der Weg ist das Ziel. Wirtschafts-Korrespondent Wolfgang Mulke beschreibt die Pläne der europäischen Bahngesellschaften, derartige paneuropäische Ziele anzubieten.
Was haben Sie am 11. September 2001 gemacht?
Sicher erinnern Sie sich, wenn Sie nicht zu jung sind, an den 11. September 2001. Ich stand gerade in der Küche und kochte Gemüsebrei mit Rindfleisch für die einjährigen Zwillinge, als Flugzeug Nummer eins in das World Trade Center in Manhattan donnerte. Da bei mir immer Radio läuft, war ich gleich alarmiert.

Jeder von uns weiß wohl, was er in dem Moment getan hat. Schließlich beendeten Al-Kaida-Terroristen mit diesem Angriff auf die westliche Welt die friedliche Zeit, die nach dem Mauerfall unser Leben beruhigt hat. Fast 3000 Menschen starben direkt, viele noch Jahre danach an den Folgen. Jetzt, 25 Jahre später, suchen Angehörige immer noch nach den Überresten der Opfer, denn mehr als 1000 Menschen wurden immer noch nicht identifiziert. Dirk Hautkapp erzählt die traurige Geschichte. Das Jubiläum nimmt Autor Sebastian Moll zum Anlass, um auf New York zu blicken, auf die Menschen, die überlebten, die ihre Liebsten verloren. Und auf die architektonischen Wunden.
Es stimmt: Das Beste an diesem Sonntag ist ganz schön düster. Mir hilft es, ein wenig innezuhalten, Luft zu holen. Zuversicht schadet da sicher nicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Sonntag.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre Birgitta Stauber





