Eigentlich müsste er tief sitzen, dieser zweite Pisa‑Schock: Seit Beginn der ersten Pisa-Studie vor mehr als 25 Jahren hat Deutschland in Mathematik, Lesekompetenz und in den Naturwissenschaften noch nie so schlecht abgeschnitten wie im vergangenen Jahr. Doch wirklich überrascht wirkte keiner der Anwesenden im Saal der Bundespressekonferenz am Dienstag, auch nicht Bundesbildungsministerin Karin Prien. Es sei ein „besorgniserregender Befund“, der die Versäumnisse des deutschen Bildungsapparates der letzten zehn Jahre widerspiegle.

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Die Pisa-Studie testet weltweit in mehr als 90 Ländern 15‑Jährige, ob sie ihr Wissen anwenden können. Dabei werden die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Fähigkeiten geprüft: So sollten sie Preisstatistiken vergleichen, Grafiken deuten oder eine längere E-Mail lesen und verstehen. Das Ergebnis: Sowohl in der Leistungsspitze als auch bei den Grundkenntnissen sei Deutschland schwächer geworden, sagte CDU-Politikerin Prien. Deutschland schaffe es seit einem Jahrzehnt nicht, „das Potenzial zu heben“.

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Die rund 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichten durch alle abgeprüften Bereiche hinweg ein wesentlich schlechteres Ergebnis als noch 2022. Auffällig sei vor allem der Anstieg an mangelnder Lesekompetenz: Rund ein Drittel der 15‑Jährigen kann nicht gut genug lesen, um das erforderte Niveau zu erreichen. 2015 war es noch anders. Damals erreichten die Schüler im Schnitt 509 Leistungspunkte. 2025 sind es nur noch 465 Punkte – noch einmal 15 Punkte weniger als im ebenfalls schlechten Jahr 2022.

Vorstellung der aktuellen PISA-Studie
Karin Prien (CDU) am Dienstag auf der Bundespressekonferenz zur Vorstellung der aktuellen Pisa-Studienergebnisse in Deutschland.© Christoph Soeder/dpa | Christoph Soeder

Bei den Naturwissenschaften sieht es zwar nicht gut, aber ein wenig besser aus: Jeder Vierte kommt nicht über das grundlegende Niveau hinaus. Jeder Fünfte erreicht erst gar nicht die Grundkenntnisse, stellte Samuel Greiff, Projektmanager der Pisa-Studie in Deutschland, erneut heraus. Damit verstärke sich ein Negativ-Trend, der seit mehr als einem Jahrzehnt andauere, so der Professor von der TU München. Auch in der Mathematik sanken die deutschen Schülerinnen und Schüler von 500 Pisa-Punkten auf 464 Punkte ab. Das bedeutet: 15-Jährige, die 2015 im Vergleich zu den anderen teilnehmenden Ländern ein überdurchschnittliches Niveau erreichten, sackten 2015 auf den Durchschnitt ab und waren 2025 schlechter.

Kinder aus sozial schwachen Familien haben noch weniger Chancen

Am deutlichsten zeigt sich das strukturelle Problem des deutschen Schulsystems bei der sozialen Herkunft. Der Abstand zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Schülerinnen und Schülern beträgt in den Naturwissenschaften 125 Punkte – ein Rekordwert, weit über dem OECD-Schnitt von 85 Punkten. Der soziale Status erklärt hierzulande inzwischen 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im OECD-Durchschnitt sind es 12 Prozent. Nur 2 von 100 benachteiligten Jugendlichen schaffen es in die Leistungsspitze.

Die sozioökonomische Schere ist ein Befund, der so nicht hinnehmbar ist.

Vorstellung der aktuellen PISA-Studie
Karin Prien (CDU),, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Bundesbildungsministerin Karin Prien formulierte es auf der Bundespressekonferenz noch etwas drastischer: „Das deutsche Aufstiegsversprechen funktioniert nicht mehr“, zog die 61‑jährige Ministerin ihr Resümee. Die demografische Entwicklung in Deutschland spitze sich zusätzlich weiter zu, was sich auch in den nächsten Jahren stärker bemerkbar machen würde. „Die sozioökonomische Schere ist ein Befund, der so nicht hinnehmbar ist“, äußerte sich Prien weiter zum Ergebnis und kündigte Maßnahmen an, die nun auf Bund- und Länderebene festgelegt werden müssten.

Im internationalen Vergleich reicht es für Deutschland erneut nur fürs Mittelfeld. In 14 OECD-Staaten – darunter die Schweiz, Österreich, Estland und Kanada – fielen die Ergebnisse deutlich besser aus. Frankreich und die Niederlande liegen etwa gleichauf. Die Weltspitze bilden weiterhin ostasiatische Bildungssysteme wie die chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang sowie Singapur, Japan und Korea.

Bildungsexperte fordert Konsequenzen zu deutschem Pisa-Rekordtief

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Ifo-Institut München sprach sich gegenüber unserer Redaktion für Konsequenzen aus. „Der Pisa-Abstieg muss in Politik und Gesellschaft zu einem neuen Fokus auf Basiskompetenzen führen“, erklärte der Professor für Volkswirtschaft. Lehrkräfte müssten die in der Corona-Zeit abgesenkten Standards wieder anheben, die Noteninflation müsse zurückgedreht werden – auch Eltern seien gefragt, ihre Kinder zum Lernen zu motivieren. Frühkindliche Förderung und eine datenbasierte Bildungspolitik seien der richtige Weg, so Wößmann. Vorbild könne Hamburg sein, wo schon Vierjährige einen Sprachtest absolvieren und bei Bedarf automatisch Förderung erhalten.

Der Pisa-Abstieg muss in Politik und Gesellschaft zu einem neuen Fokus auf Basiskompetenzen führen.

Prof. Dr. Ludger Wößmann,, Bildungsökonom und Leiter des Ifo-Instituts München

Zusätzlich brauche es Nachhilfe- und Mentoringprogramme für benachteiligte Kinder sowie deutschlandweit einheitliche, jährliche Tests für mehr Transparenz – bei gleichzeitig mehr Autonomie für die Schulen. Im Vergleich der 38 OECD-Staaten sei Deutschland derzeit Mittelmaß, liest Wößmann aus der Pisa-Studie heraus. Dass auch andere westliche Länder Rückgänge verzeichneten, sei kein Trost, sondern zeige nur, dass der Wohlstand auch dort gefährdet sei. „Zumal die Spitzenländer in Ostasien Deutschland um mehrere Schuljahre voraus sind“, stellte der Bildungsökonom heraus.

Ob aus den historisch schwachen Zahlen ein zweiter „Pisa-Schock“ mit ähnlicher Reformkraft wie 2001 wird, ist offen. Instrumente wie Sprachtests im Kindergarten, das Startchancen-Programm und bundesweite Vergleichsarbeiten liegen auf dem Tisch. Ob sie reichen, um den seit einem Jahrzehnt anhaltenden Abwärtstrend zu stoppen, zeigt sich frühestens beim nächsten Pisa-Test im Jahr 2028.