Wer heute nach 25 Jahren von New Jersey aus auf die Skyline von Manhattan blickt, könnte die Stadt kaum wiedererkennen. Hudson Yards verbaut den Blick auf das Empire State Building. Am Südende Manhattans ragen neue Glastürme rund um den neuen Freedom Tower auf. Und am Südrand des Central Parks stehen die superhohen, superschlanken „Streichholz“-Wolkenkratzer, deren Penthäuser die teuersten Aussichten der Welt bieten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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New York hat sich seit 9/11 baulich dramatisch verändert. Es gibt Orte in Manhattan, an denen sich das Gefühl, in dieser besonderen Stadt zu sein, nicht mehr einstellen mag.
Nehmen wir Ground Zero. Die ursprünglichen Zwillingstürme hatten bereits den „Grid“, das 200 Jahre alte Raster der Stadt, durchbrochen. Sie standen als vertikale Festung auf einer Plattform, hinter deren Glasfassade die Geschäfte der Welt erledigt wurden.
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Die Zerstörung der Twin Towers 2001 schaffte zunächst Raum, den Platz und damit auch seine Bedeutung neu zu denken. Allerdings wurde dem Reflex nachgegeben, das Vertraute zu wiederholen. Sieben neue Glastürme wurden geplant, die eine Gedenkstätte umringen. Die Gedenkstätte selbst, die beiden bodenlosen Wasserfälle, die den exakten Grundriss der ehemaligen Türme markieren, gilt allerseits als gelungen. Doch Teil der Stadt ist der Campus nicht.
Er ist vor allem ein Monument der Paranoia, welche 9/11 in New York und den gesamten USA ausgelöst hat. Die Plaza ist umzingelt von Polizeihäuschen und mit Ketten verbundenen Betonquadern, die einem Panzer widerstehen würden. Aus der Bodenperspektive ist vom sogenannten Freedom Tower vor allem die 70 Meter hohe Betonbasis zu sehen, die ihn vor Attacken schützen soll. Um Punkt 17 Uhr schließt der Platz für die Öffentlichkeit. Man kann sich dann nur noch in das Luxuseinkaufszentrum im sogenannten Oculus begeben, dem Flügelbau von Santiago Calatrava.
Seit 9/11 gibt es kaum einen öffentlichen Platz mehr, der nicht überreglementiert ist. Wo immer man hingeht, bekommt man von uniformierten Leihkräften oder echter Polizei gesagt, wie und wo man zu stehen, zu gehen und zu sitzen hat.

Touristen dominieren die Gedenkstätte
New Yorker wird man auf der 9/11 Plaza ohnehin kaum treffen. Das Gelände und das unterirdische Museum werden von Touristen dominiert. Die Stadtforscherin Sharon Zukin formulierte die Abneigung der Einheimischen so: „Warum soll ich den schlimmsten Tag meines Lebens noch einmal durchleben, während daneben dänische Touristen Selfies schießen?“

Darin steckt eine tiefe Abneigung gegen die Instrumentalisierung des Traumas von 9/11, gegen die viele New Yorker von Anfang an allergisch waren. Eine enge Bekannte sagt: „Plötzlich strömten Menschen aus Kansas in die Stadt, die einen umarmen wollten. Ich wollte nicht von Leuten aus Kansas umarmt werden.“
9/11-Traumata: New Yorker fühlen sich vom Gedenken entfremdet
Die persönliche Erfahrung hatte rasch nichts mehr mit dem zu tun, was aus dem Ereignis gemacht wurde. Das Fahnenschwenken, das reflexhafte In-den-Krieg-Ziehen, die Islamophobie – das alles wurde denjenigen, die 9/11 hautnah erlebt hatten, nie gerecht. Wenn jährlich am Ground Zero Politiker und Honoratioren aufliefen, um angeblich der Opfer zu gedenken, blieben die New Yorker zu Hause.
Helaina Hovitz ging als kleines Mädchen direkt unterhalb der Zwillingstürme zur Schule und musste zusehen, wie aus dem Feuer springende Menschen vor ihr auf den Asphalt prallten. Sie kämpfte sich allein durch die chaotischen Straßen von Lower Manhattan, ohne zu wissen, ob ihre Familie überlebt hatte. Später entwickelte sie schwere posttraumatische Störungen. Kriegsgetrommel und Fremdenfeindlichkeit halfen ihr dabei nicht. Ein Museum, in dem man den Horror jenes Tages immer wieder erleben kann, erst recht nicht.

Bloomberg setzt auf Olympia für New Yorks Neustart
9/11 und vor allem die Instrumentalisierung der Katastrophe veränderten die Stadt rascher und dramatischer, als das damals irgendjemand ahnen konnte. Im November 2001, noch unter dem direkten Eindruck der Attentate, wählte New York den Milliardär Michael Bloomberg zum Bürgermeister. Die Hoffnung war, dass er als erfolgreicher Unternehmer die wirtschaftlich angeschlagene Stadt wieder auf die Beine bringen könne.
Wenige Monate später gab er die Olympiabewerbung New Yorks für 2012 bekannt. Später wurde sichtbar, dass sie Teil einer groß angelegten Strategie war.
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Die Bewerbung wurde zum Anlass genommen, 40 Prozent der Stadt zu „re-zonen“, also die Nutzungsbestimmungen für ganze Viertel oder Stadtteile zu ändern oder aufzuheben. Der Plan trieb eine Bau- und Entwicklungstätigkeit an, wie die Stadt sie seit der Nachkriegszeit nicht mehr gesehen hatte.
Aufstrebende Viertel wie Williamsburg und Greenpoint in Brooklyn oder Harlem wurden für kommerzielle Entwickler geöffnet. Bloomberg rühmte sich damit, dass er die Entwickler dazu zwang, einen gewissen Prozentsatz an bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Doch der Wohnraum war nur selten auch für die Menschen bezahlbar, die dort lebten. Bloomberg gab sogar zu, dass er die Stadt als „Luxusprodukt“ sehe.
Mieten steigen, soziale Ungleichheit wächst: New York wird Luxusstadt
So wurde der Schock von 9/11 dazu genutzt, die Neoliberalisierung der Stadt auf Turbo zu schalten. Die Stadt florierte, doch die soziale Ungleichheit verschärfte sich. Die Mieten stiegen um 20 Prozent, während die Einkommen stagnierten. Die Zahl der Obdachlosen verdoppelte sich. Investitionen in sozialen Wohnungsbau wurden zurückgefahren.
News aus den USA
Als Kronjuwel von Bloombergs Anstrengungen eröffnete kurz vor der Corona-Pandemie an der Stelle, an der das Olympiastadion geplant war, der neue Stadtteil Hudson Yards – mit 25 Milliarden Dollar das teuerste privat finanzierte Bauprojekt aller Zeiten. Der Schriftsteller Jeremiah Moss nannte die Yards eine „Gated Community für die Superreichen“. Wie Ground Zero ist der Campus vom Leben der übrigen Stadt abgeschnitten. Man verliert sich in einem Edel-Einkaufszentrum, über dem Luxusapartments liegen. Rund 15 Prozent der Wohnungen stehen leer, im teuersten Turm, 35 Hudson Yards, sind es mehr als 35 Prozent.
Neue Hoffnung durch Bürgermeister Mamdani
Doch dann erlitt New York mit Corona einen weiteren Schock. Er machte jene New Yorker sichtbar, die zwar nicht als High-End-Konsumenten taugen, ohne die aber die Stadt nicht funktioniert. Als wohlhabende Corona-Flüchtlinge letztlich zurückkehrten und mit ihnen eine neue Population von Technologie-Arbeitern, die Bloomberg noch angelockt hatte, schossen die Lebenshaltungskosten in absurde Gefilde.
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Die Zeiten haben sich seither geändert. Die Stadt wählte 2025 mit Zohran Mamdani einen Bürgermeister, der sich für die einsetzt, die sich weigern, stumm an den Rändern der Gesellschaft und der Stadt zu verschwinden. Und er findet dabei eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Es besteht eine, wie immer auch schmale, Hoffnung, dass die Schockwellen der Pandemie eine Änderung des Kurses bewirken, den die Stadt und das Land in den vergangenen 50 Jahren eingeschlagen und den 9/11 dramatisch beschleunigt hat.










