Ein Vierteljahrhundert nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sind die USA nicht mehr das Land, in dem ich einen großen Teil meines Lebens verbracht habe. Es entspricht auch nicht mehr der Vision einer großen Demokratie, die Gründerväter wie George Washington und Thomas Jefferson vor Augen hatten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der einst unerschütterliche US-Rechtsstaat steht auf der Kippe. Die Aufgeschlossenheit und Kontaktfreudigkeit vieler Menschen ist skeptischer Zurückhaltung gewichen. Immer häufiger auch einem rüpelhaften Umgangston, den ihr Präsident Donald Trump salonfähig gemacht hat. Beigetragen zu alldem haben die negativen Auswüchse von 9/11, wozu auch die Wahlsiege des Immobilienunternehmers selbst zählen.

Reporter DeThier: In Deutschland hatte er Heimweh nach Washington
Mein Interesse an Amerika habe ich meinem Vater zu verdanken. Als langjähriger Korrespondent für deutsche Zeitungen hatte er seiner Familie die Welt zu Füßen gelegt. So kam ich als Neunjähriger in die Vereinigten Staaten und hatte schon in vier Ländern gelebt. Nach meinem Abitur an der Deutschen Schule Washington und dem Wirtschaftsstudium ging es Schlag auf Schlag: der erste Job als Wirtschaftsredakteur bei der Tageszeitung „Die Welt“. Eine Art Heimweh und das Bedürfnis, als Journalist meine deutschen Landsleute über die Vorgänge in meinem zweiten Zuhause aufzuklären, führten mich aber bald zurück nach Washington.
Meine junge Familie und ich konnten noch mehrere Jahre in jenem Amerika leben, das ich schätzte. Und zwar von der zweiten Hälfte der Regierungszeit Bill Clintons bis zu jenem tragischen Ereignis, das sich jetzt zum 25. Mal jährt: 19 Mitglieder der Terrororganisation Al-Qaida hatten vier Flugzeugentführungen präzise vorbereitet und ausgeführt. Zwei Linienmaschinen rasten in die Zwillingstürme des World Trade Centers in Manhattan.
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Bald danach donnerte ein weiterer Jet gegen das Pentagon, die Zentrale des Verteidigungsministeriums. In einer weiteren Maschine, die entweder Kurs auf das Weiße Haus oder das Kapitol in Washington genommen hatte, überwältigten Passagiere die Hijacker. Das Flugzeug stürzte auf einem Acker in Pennsylvania ab. Die tragische Bilanz: 2977 unschuldige Menschen verloren ihr Leben.
9/11: Erst plaudern übers Wetter, dann der Horror
Der Tag ist mir ins Gedächtnis gemeißelt. 24 Stunden vorher waren wir in ein neues Haus in der Nähe von Washington gezogen, bezeichnenderweise mit der Hausnummer „911“. Morgens um halb acht saß ich in meinem Arbeitszimmer zwischen Kartons mit Laptops, Büchern und Büroausstattung.

Im Hintergrund lief auf einem kleinen Bildschirm eine der täglichen Frühstückssendungen. Die Moderatoren sprachen über die Sportergebnisse vom Vorabend und schwärmten vom herrlichen Herbstwetter. Plötzlich kam einer ins Stocken. Über den Kopfhörer war ihm etwas zugeflüstert worden: „Ein Flugzeug ist offenbar gegen den Nordturm des World Trade Centers gerast. Es gab eine Explosion, mehr wissen wir nicht.“
Es herrschte totale Verwirrung. Dann ging es Schlag auf Schlag. 17 Minuten später der Bericht von einem zweiten Jet, der gegen den Südturm donnerte. Die Zwillingstürme brannten. War es Terror? Eine halbe Stunde später traf eine dritte Linienmaschine das Pentagon. Bevor ich selbst zum Hörer greifen konnte, klingelte das Telefon. Besorgte Kollegen aus meiner Redaktion wollten wissen, ob ich und meine Familie okay seien. Ich konnte sie beruhigen. Hektisch packte ich meinen Laptop aus einem der Kartons und griff in die Tasten.
Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert
Bush reagiert mit Luftraumsperre und „Patriot Act“ nach den Anschlägen
Am Tag danach lud Wolfgang Ischinger, damals deutscher Botschafter in Washington, zu einem Hintergrundgespräch in seine Residenz ein. Ischinger hatte im Auftrag von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) die Reaktion und Beileidsbekundung der Bundesregierung geschrieben.
Ich stellte ihm die Frage, die unser frühreifer Sohn Oliver zuvor an mich gerichtet hatte: „Kann es sein, dass die USA mit einem Nuklearangriff Afghanistan dem Erdboden gleichmachen?“ Schließlich waren am Hindukusch der 9/11-Drahtzieher Osama bin Laden und die Terror-Organisation Al-Qaida beheimatet.
Ischingers Antwort werde ich nie vergessen: „Sie haben einen sehr klugen Sohn. Meine ehrliche Antwort auf die Frage: Ich weiß es nicht.“
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Politiker reagierten postwendend. Präsident George W. Bush ordnete die Sperrung des gesamten Luftraums über den USA an. Im Oktober begann mit der Invasion Afghanistans die Operation „Enduring Freedom“. Bald danach unterschrieb Bush ein Gesetz, das zur Gründung der für Luftverkehrssicherheit zuständigen Behörde TSA führte. Darauf folgte die Verabschiedung des „Patriot Act“. Das Gesetz räumte dem Staat noch nie dagewesene Überwachungskompetenzen ein.
Nach den Terror-Attacken: Plötzlich ist nichts mehr, wie es war
Ein Jahr später folgte die Gründung des Heimatschutzministeriums. Dessen Mitarbeiter sind heute regelmäßig wegen des rabiaten Umgangs mit Migranten in den Schlagzeilen. Die Phase danach stand im Zeichen des umstrittenen Kriegs im Irak. Unter Bushs Nachfolger Barack Obama tötete 2011 eine Spezialeinheit Osama bin Laden. Im August 2021 zogen die USA unter Präsident Joe Biden ihre letzten Soldaten aus Afghanistan ab.
In diesen Jahren schlief ich viel zu wenig. Fast rund um die Uhr verfolgte ich die neuesten Entwicklungen. Ich beschrieb, kommentierte und analysierte für deutsche Leser die dystopischen Szenen, die Amerikaner in ihrem eigenen Land niemals für möglich gehalten hatten. Bald wurde klar: Eine neue Realität hatte in Amerika Einzug gehalten. Wachsendes Misstrauen, verschärfte Sicherheitskontrollen und die Allgegenwart des „Department of Homeland Security“ gehörten jetzt zum Alltag.

Und auf skurrile Weise sind die Ereignisse im Gefolge von 9/11 mit einem zweiten Wendepunkt der US-Geschichte verbunden: der Wahl Trumps zum Präsidenten. Denn wenige Stunden vor der Geheimaktion, bei der Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad getötet wurde, war Obama der Starredner beim traditionsreichen Korrespondenten-Dinner im Weißen Haus. Im Publikum saß Trump. Gnadenlos mokierte sich der Präsident über den Unternehmer, weil dieser seine US-Staatsangehörigkeit infrage gestellt hatte. Alle lachten. Alle außer Trump, der mit grimmiger Miene den Spott und die Demütigung über sich ergehen ließ.
Als ich ihn sah, ahnte ich es schon: An diesem Abend soll der Immobilienzar den Beschluss gefasst haben, für das höchste Amt im Staate zu kandidieren. Aus gekränkter Eitelkeit und Rachsucht.

Fünfeinhalb Jahre später wurde der Republikaner Donald J. Trump als 45. Präsident vereidigt. Auf Trump folgte der Demokrat Joe Biden, die nächste Wahl gewann wieder Trump. Der nutzt bis heute die verloren gegangene Gewissheit der „großartigsten Nation der Welt“, die sich immer in Sicherheit gewähnt hatte, eiskalt aus. Genauso wie er Überwachungskompetenzen des Staates und das Misstrauen gegenüber Ausländern und Minderheiten, für die 9/11 den Grundstein gelegt hatte, politisch ausbeutet. Und das alles, um den Weg zu ebnen für einen autokratischen Staat, auf den er systematisch hinarbeitet.









