Die von der Bundesregierung angekündigte Luftbrücke für die notleidenden Menschen im Gazastreifen nimmt konkrete Formen an. Wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Dienstag in Berlin mitteilte, hat die Bundeswehr in Abstimmung mit der israelischen Regierung zwei Transportflugzeuge nach Jordanien entsandt, die die Menschen mit Hilfsgütern versorgen sollen.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die beiden Maschinen vom Typ A400M seien auf dem Weg, sagte Merz in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem jordanischen König Abdullah II. In Jordanien würden die Flugzeuge aufgetankt und ausgerüstet. Sie würden ihre Einsätze, bei der sie Hilfsgüter über dem Gazastreifen abwerfen sollen, möglicherweise schon an diesem Mittwoch, spätestens aber ab dem Wochenende fliegen. Merz kündigte an, sich bei der Luftbrücke eng mit dem britischen Premier Starmer und dem französischen Präsidenten Macron abzustimmen.
Lesen Sie auch: Anerkennung Palästinas: Warum Macron jetzt vorprescht
Frankreich gab seinerseits bekannt, ebenfalls eine Luftbrücke starten zu wollen. Für die deutsche ist das Bundesverteidigungsministerium verantwortlich. „Aus Gründen der Operationssicherheit“ wollte das Ministerium am Dienstag keine Details zum Einsatz nennen.
- Um Vorurteile abzubauen: Jüdin lernt Arabisch – „Sie dachten, ich sei vom Geheimdienst“
- FUNKE Podcast: Nahost in der Sackgasse von Gewalt und politischem Versagen
- Geologe liefert Analyse: Tunnel-Experte hält Gazastreifen für langfristig unbewohnbar
- WHO: Gesundheitswesen im Gazastreifen dem Zusammenbruch nahe
Gaza: Familienvater muss zum Verteilzentrum gehen – „Todesreise“
Seit Tagen steigt der Druck auf die israelische Regierung, die humanitäre Krise in dem von Palästinensern bewohnten Küstengebiet zu lindern. Hilfsorganisationen sprechen von einer bevorstehenden Hungersnot. Krankheiten wie Typhus breiten sich aus, es gibt kaum Trinkwasser, kein Obst und Gemüse oder nur zu astronomischen Preisen. Treibstoff fehlt. Die Menschen sind stundenlang in der sengenden Sonne unterwegs, um für sich und ihre Familien ein wenig Essbares aufzutreiben. An den Verteilstationen der umstrittenen amerikanischen Gaza Humanitarian Foundation kommt es regelmäßig zu tumultartigen Szenen. Immer wieder werden dabei Menschen getötet.
Ali Alhadschar*, einem Familienvater aus Gaza, bleibt nichts anderes übrig, als dort trotzdem sein Glück zu versuchen. „Ich bin gerade mit leeren Händen vom amerikanischen Verteilungspunkt zurückgekehrt, nachdem ich mehr als sechs Stunden gelaufen bin und gewartet habe“, schreibt er unserer Redaktion. „Mein Sohn wachte auf, bevor ich ging. Er weinte und bat mich, nicht zu gehen.“ Die Berichte von Menschen, die im Gedränge ersticken, erschossen oder totgetrampelt werden, sprechen sich herum. Obwohl Alhadschar seinem Kind nichts zu essen mitbringen konnte, habe sich der Elfjährige später gefreut, seinen Vater zu sehen. Morgen, sagt Alhadschar, geht die Suche nach Nahrungsmitteln von Neuem los. „Todesreise“, schreibt er.

Hilfsorganisationen sprechen von „symbolischer Aktion“
Dass sich die Lage der Menschen in Gaza durch die Luftbrücken Deutschlands, Jordaniens und Frankreichs schnell ändert, glaubt bei den internationalen Hilfsorganisationen niemand. „Es ist grundsätzlich gut, dass endlich Bewegung in die längst überfällige Versorgung der notleidenden Bevölkerung in Gaza kommt“, sagte Petra Berner, Vorstandvorsitzende der Kinderrechtsorganisation Plan International Deutschland, dieser Redaktion. „Allerdings ist die sogenannte Luftbrücke nicht mehr als eine symbolische Aktion. Denn sie ist ineffizient, teuer – und darüber hinaus lebensgefährlich. Die Hilfsgüter fallen unkontrolliert zu Boden.“ Die Menschen seien deshalb gezwungen, in militärisch umkämpfte Gebiete zu gehen, wo sie verletzt oder getötet werden könnten. Berner kritisiert, es gelte damit das Recht des Stärkeren. Dies habe mit humanitärer Hilfe nichts zu tun.
Auch interessant
Plan International, aber auch Ärzte ohne Grenzen und das Rote Kreuz forderten Israel auf, die an den Grenzübergängen wartenden Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen zu lassen. Es stünden, so Berner, Tonnen von Hilfslieferungen bereit. „Humanitäre Hilfsgüter aus der Luft abzuwerfen, ist eine sinnlose Initiative, die nach Zynismus riecht“, sagte Jean Guy Vataux, der Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen. Luftabwürfe umfassten weniger als 20 Tonnen an Hilfslieferungen, betonte Vataux – ein Volumen, das leicht auf einen einzigen Lkw passe.
- Einfach erklärt: Israel und seine Feinde – Darum geht es im Nahost-Konflikt
- Verfeindete Staaten: Woher kommt der Hass zwischen dem Iran und Israel?
- Umstrittenes Gebiet: Gibt es Palästina? Die Geschichte der Region
- Überblick: Annektiert, besetzt, besiedelt: Was ist das Westjordanland?
- Israel gegen die Hamas: Feuerpause oder Waffenstillstand? Begriffe einfach erklärt
- IDF: Atombombe, Drohnen & Co. – So mächtig ist Israels Militär
Gaza: Am Wochenende führte Israel tägliche Feuerpausen ein
Seit Sonntag werfen Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate bereits in Koordination mit der israelischen Armee Hilfsgüter aus der Luft über dem Gazastreifen ab. Nach israelischen Angaben wurden seit Beginn der Aktion knapp 50 Paletten mit Lebensmitteln an Fallschirmen über dem Küstenstreifen abgeworfen. Auch Ali Alhadschar hat das mitbekommen. „Mindestens elf Zeltbewohner wurden verletzt, als die Hilfsgüter auf sie fielen“, schrieb er uns.
Am Wochenende hatte Israel tägliche Feuerpausen eingeführt und sichere Routen für die Verteilung von Lebensmitteln durch die UN und weitere Organisationen eingerichtet. Allein am Montag sind nach israelischen Angaben 200 Lastwagen mit Hilfsgütern in Gaza angekommen. Weiteren 260 LKW sei die Einfuhr in den Gazastreifen genehmigt worden, um Hilfsgüter an Sammelstellen abzuliefern, teilte die für das Palästinensergebiet zuständige israelische Behörde Cogat am Dienstag mit. Vier Tankwagen der Vereinten Nationen hätten Treibstoff in das Küstengebiet gebracht. Sprit und auch größere Mengen an Trinkwasser sind absolute Mangelware in Gaza. Daran werden auch die Luftbrücken nichts ändern, weil Tanks auf Lastwagen transportiert werden müssen.

Für Ali Alhadschar ist die Krise in Gaza mehr als echt
Der Publizist und Vorsitzende des deutschen Palästina-Forums, Aref Hajjaj, fürchtete, Israel werde die Hilfslieferungen sehr restriktiv handhaben. „Netanjahu sprach von minimalen Formen“, betonte Hajjaj gegenüber dieser Redaktion. Manche Rechtsextremisten in Israel wollten die Hilfslieferungen für die Bewohner Gazas überhaupt nicht, mit dem Argument, alle Palästinenser vor Ort müssten bestraft werden. Netanjahu leiste unter Druck der Europäer und der Amerikaner Hilfe. Zugleich sei er aber abhängig von den Extremisten in seiner Regierung, die „Maximalforderungen“ stellten und Gaza am liebsten entvölkern würden.
Netanjahus Büro warf der Hamas am Dienstag erneut vor, die Zahl der Getöteten im Gazastreifen zu verfälschen und die für palästinensische Zivilisten bestimmten Lebensmittelhilfen zu plündern. „Während die Lage im Gazastreifen schwierig ist und Israel sich um die Sicherstellung der Hilfslieferungen bemüht, profitiert die Hamas davon, dass sie den Eindruck einer humanitären Krise zu schüren versucht“, hieß es in der Erklärung.
Für Ali Alhadschar, seine Frau und die sechs Kinder ist die Krise mehr als echt. „Wir essen nur eine Mahlzeit am Tag. Und meine Frau gießt viel Wasser dazu, damit es für die ganze Familie reicht.“ Linsen mischen sie mit Nudeln, für 700 Gramm Gemüse zahlte Alhadschar unlängst 20 Euro.
*Ali Alhadschar berichtet uns seit Längerem von der Situation im Gazastreifen. Er heißt eigentlich anders. Weil er die Terrororganisation Hamas kritisiert, muss sein Name zu seinem Schutz geändert werden.






