Noch immer ist nicht klar, wie sehr das iranische Atomprogramm nach dem Bombardement der USA und Israels beschädigt ist. Wahrscheinlich ist der Iran bei seinem möglichen Griff nach der Bombe um eine Reihe von Monaten zurückgeworfen, doch früher oder später könnte das Mullah-Regime trotzdem in der Lage sein, Atomwaffen fertigzustellen. Verhindern können das nur ein Atomabkommen mit strengen Kontrollen – oder neue Luftangriffe auf die Atomanlagen. Am Freitag sprachen Vertreter Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens in Istanbul mit dem Iran über eine Wiederaufnahme der Kontrollen des iranischen Atomprogramms. Das Treffen blieb jedoch ohne greifbare Ergebnisse.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Sache drängt. Dass ein nuklear bewaffneter Iran das verfeindete Israel mit Atomwaffen angreift, ist die große Sorge der Regierung in Jerusalem – angesichts des vermutlich vernichtenden Gegenschlags, den der Iran fürchten müsste, ist das aber eher unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist dagegen eine andere, gefährliche Entwicklung: Der Iran würde ein atomares Wettrüsten in der gesamten Region Nahost auslösen. Mehrere Nachbarstaaten haben bereits angekündigt, schnell selbst Atomwaffen beschaffen zu wollen, sollte nach Israel auch der Iran über die Bombe verfügen.

Im Nahen Osten zeigt sich damit ein Trend, vor dem das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri bereits eindringlich warnt: Im neuen atomaren Wettrüsten könnten zu den bisher neun Atom-Staaten weitere hinzukommen – in Nahost, aber auch in Ostasien oder in Europa. Je mehr Staaten Atomwaffen besitzen, desto größer das Risiko, dass ein Konflikt doch einmal zu einem Atomkrieg eskaliert. Die Nahost-Expertin Azadeh Zamirirad von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) erklärt: „Die potentiellen Folgen einer atomaren Bewaffnung Irans wären verheerend: ein nukleares Wettrüsten am Persischen Golf, ein atomarer Schutzschirm für Irans nichtstaatliche Verbündete wie Hisbollah oder Hamas und eine erhebliche sicherheitspolitische Bedrohung für den israelischen Staat.“

Mittelfristig könnte es bis zu fünf Atommächte im Nahen Osten geben

Iranische Atomwaffen wären zudem ein „massiver Rückschlag“ für das nukleare Nichtverbreitungsregime, das schon jetzt unter starkem Druck stehe – unter anderem angesichts aktueller Erwägungen in Südkorea, nuklear aufzurüsten, so die Politikwissenschaftlerin Zamirirad, die an dem Berliner Thinktank die Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten leitet. Deshalb, erklärt Zamirirad, sehe es auch die EU als „entscheidende Sicherheitspriorität“ an, zu gewährleisten, dass Iran keine Nuklearwaffen produziert. Und wenn das nicht gelingt? Mittelfristig könnte es auf relativ engem Raum vier oder fünf miteinander rivalisierende Atommächte geben – diese Konzentration wäre weltweit einmalig.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Saudi-Arabien hat bereits unmissverständlich erklärt, dass es seinem alten Feind Iran folgen müsse, wenn dieser eine Atomwaffe entwickeln sollte. Saudi-Arabien wolle zwar keine Atombombe, hat Kronprinz Mohammed Bin Salman schon erklärt, aber: „Wenn der Iran eine Atombombe entwickelt, werden wir so schnell wie möglich nachziehen“. Saudi-Arabien bereitet den Bau seines ersten Atomreaktors vor, der Brennstoff soll mit chinesischer Hilfe auch aus eigener Urananreicherung kommen. Noch ist das ein rein ziviles Programm, doch könnte es später gegebenenfalls auch militärisch genutzt werden. Über Mittelstreckenraketen verfügt Saudi-Arabien bereits.

Die benachbarten Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) betreiben schon jetzt ein Atomkraftwerk, auf eine eigene Urananreicherung hat der Golfstaat bislang verzichtet. Doch gegenüber US-Diplomaten sollen auch Vertreter der Regierung in Abu Dhabi deutlich geworden sein: Wenn der Iran eine Bombe haben sollte, müssten die VAE nachziehen.

Die Türkei hadert mit dem Atomwaffensperrvertrag

Aus der Türkei kommen widersprüchliche Signale: Sie verfügt über kein bekanntes militärisches Atomprogramm und hat ihre Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag stets eingehalten. Doch hat Präsident Recep Tayyip Erdogan wiederholt beklagt, der Mangel an Atomwaffen sei für die Türkei ein Nachteil in der Region. Außenminister Hakan Fidan kritisierte vor wenigen Wochen den Atomwaffensperrvertrag als strukturell ungerecht. „Wie konnten die Unterzeichner dem überhaupt zustimmen? Im Grunde handelt es sich um ein Dokument, in dem Nichtatomstaaten die militärische Überlegenheit von Atommächten auf ewig anerkennen“, sagte Fidan.

Die iranische Anreicherungsanlage Fordo
Die iranische Atomanlage Fordo nach dem US-Bombenangriff vom 22. Juni. Die Satellitenaufnahme zeigt Aktivitäten an der Anlage, die bei dem Angriff beschädigt wurde. © AFP | -

Derzeit baut das Land in Akkuyu mit starker russischer Hilfe sein erstes Atomkraftwerk, Versuche mit Uran-Anreicherung laufen. Die Türkei ist wie Deutschland eines der fünf Nato-Länder, in denen die USA jeweils um die 20 Atombomben zum Abwurf von Flugzeugen stationiert hat.

Auch Ägypten hat sich für die Nutzung der Atomkraft russische Unterstützung gesichert, am Nil entsteht ein großer Kraftwerkskomplex. Zwei Forschungsreaktoren arbeiten schon. Anzeichen für militärische Pläne gibt es derzeit nicht, auch Ägypten hat sich dem Atomwaffensperrvertrag unterworfen. Dennoch gilt das autoritär regierte Land als möglicher Kandidat für eine Atombewaffnung: Erste Schritte, sich die Fähigkeiten anzueignen, sollen in früheren Jahrzehnten unternommen worden sein.

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Und dann ist da schließlich Israel, bislang die einzige Atommacht der Region. Die israelische Regierung macht aus ihrem nuklearen Arsenal ein Geheimnis, nach Angaben der Sipri-Experten verfügt das Land über 90 Atom-Sprengköpfe. Sie würden von Kampfjets, Jericho-Raketen und von U-Booten auf gegnerische Ziele abgeschossen. Von den israelischen Atombomben ist laut Sipri aber – anders als bei den etablierten Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China – keine einzige sofort jederzeit einsatzbereit.

Die USA setzen weiter auf einen Atom-Deal mit Iran

Das würde sich womöglich ändern, wenn der Iran als zehnte Atommacht hinzu käme. Die drängende Frage ist, was aus den 400 Kilogramm hochangereichertem Uran geworden ist, über die der Iran vor den Angriffen offenbar verfügte. Wenn das Regime doch versteckte Anreicherungszentrifugen besitzt, könnte aus dem Uran relativ schnell waffenfähiges spaltbares Material für etwa zehn Bomben hergestellt werden.  

Sollte Teheran das Atomprogramm erkennbar wieder aufnehmen, würde Israel den Iran wahrscheinlich erneut bombardieren. Doch der Iran dürfte seine Vorsichtsmaßnahmen inzwischen verschärft haben. Ein zweiter oder dritter Angriff wäre militärisch und politisch schwieriger als der erste. US-Präsident Donald Trump setzt einstweilen seine Hoffnung auf die Wiederaufnahme von Gesprächen mit Teheran. Ziel Washingtons ist ein Deal, der dem Iran die zivile Nutzung von Atomkraft ermöglichen, ein eigenes Atomprogramm aber verbieten würde.