Auf dieses Treffen – das ist nicht übertrieben – schaut die ganze Welt: Der neue deutsche Kanzler beim Antrittsbesuch bei Donald Trump. Es ist kein mehrtätiger Staatsbesuch, es ist ein Kennenlerntreffen. Die Reise nach Washington dauert nicht mal einen vollen Tag – und entscheidend sind sowieso nur die knapp bemessenen Mittagsstunden im Weißen Haus. Highnoon in Washington.

Es ist kurz vor Mittag, als Merz vorfährt, wenige Momente später sitzt er bereits neben Trump im Oval Office: Der US-Präsident breitbeinig auf der Stuhlkante, die Hände verschränkt. Merz dagegen setzt sich betont entspannt hin, mit übergeschlagenen Beinen. Er wird die Position in der folgenden Dreiviertelstunde kaum ändern – und muss es auch nicht: Es läuft gut, alle Befürchtungen, dass diese erste Begegnung in einem Eklat enden könnte, verflüchtigen sich schnell.
Kanzler Merz: „Wir haben so viel gemeinsam“
Merz‘ Strategie geht an diesem Mittag komplett ins Ziel: Er lässt Trump reden, sein eigener Anteil bleibt unter fünf Prozent. Wenn er das Wort ergreift, sind es einfache, emotionale Botschaften. Und immer verbunden mit maximaler Wertschätzung für seinen Gastgeber. Er schmeichelt ihm, er bedankt sich wortreich. Für die Gastfreundschaft an diesem Tag – aber auch für die Befreiung Deutschland von der Naziherrschaft. Große Gefühle, große Linien. Er gibt den Mustergast, der aus allen Fehlern seiner Vorgänger gelernt hat. „Wir haben so viel gemeinsam“, sagt Merz ganz zu Beginn – und setzt damit den Ton.
Nach wenigen Minuten ist Trump überzeugt, man merkt es daran, dass er vertraulich wird, Witzchen macht: „Er ist anders“, sagt Trump und nickt grinsend Richtung seines Gastes, „darf ich das so sagen?“ Aber Merz sei ein „großartiger“ Vertreter seines Landes. Das Eis ist gebrochen. Neben Trump sitzt Vizepräsident JD Vance, doch der Scharfmacher hält sich komplett zurück, im Gegenteil: Als Merz auf das Leid der verschleppten ukrainischen Kinder hinweist, nickt Vance voller Sorge.
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Gefährlich wird es kurz, als Trump sich zu einem absurden Vergleich versteigt: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei wie eine Prügelei zwischen zwei Kindern. „Manchmal muss man die Kinder kämpfen lassen“, sagt Trump. Das sei doch im Sport genauso. Ob Merz das auch so sehe, wird er gefragt. Merz ahnt die Gefahr, natürlich sieht er es komplett anders. Aber er umschifft die Klippe: Keine offene Konfrontation sondern ein Angebot: Lass‘ und reden, wie wir das Blutvergießen beenden können. Er habe Trump beim Reingehen ins Oval Office gesagt: „Du bist die Schlüsselperson in der Welt.“ Solche Sätze lassen Trump strahlen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Trump schwankt in den 45 Minuten zwischen hartem Hund („In meinem Kopf ist eine Deadline“) und einem bloßen Zuschauer: Klar, er hätte gerne sofortigen Frieden. Aber Russlands Präsident Wladimir Putin spiele nun mal Spiele. Mit Blick auf mögliche harte US-Sanktionen gegen Moskau macht er klar, dass er das Tempo vorgeben will. „Ich entscheide.“ Möglicherweise könne es auch sehr schnell gehen. Nach einer Dreiviertelstunde gehen die beiden zum gemeinsamen Mittagessen. Der befürchtete Eklat – Merz hat ihn souverän umschifft.
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Eine Selbstverständlichkeit war das nicht. Merz war mitten in der Nacht in Washington angekommen, hatte im Gästehaus in Rufweite zum Weißen Haus übernachtet. Ursprünglich sollte das erste Treffen mit Trump ein Gespräch in kleiner Runde sein, erst danach sollte es eine öffentliche Begegnung im Oval Office geben, jetzt stellt sich heraus, dass die Amerikaner die Reihenfolge umgedreht haben. Das ist heikler für Merz – es ist quasi ein Sprung ins kalte Wasser, ohne Anwärmphase.
Trump will erstmal den Showeffekt. Spätestens seit dem Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind die Begegnungen mit der internationalen Presse im Oval Office spektakulär wie ein politischer Zirkus. Nicht beim Essen, sondern hier, wo der US-Präsident seine Besucher gerne genussvoll vor den Augen der ganzen Welt düpiert, muss sich zeigen, als was der Merz-Besuch in die Geschichte eingeht: als Anfang einer halbwegs stabilen Beziehung oder als abruptes Ende.
Besuch im Oval Office: Der Kanzler hat mit allem gerechnet
Doch Merz ist vorbereitet. Soweit man sich auf jemanden wie Trump vorbereiten kann. Hat Szenarien durchgespielt, hat mögliche Reaktionen im Kopf. Die Faustformel: Mit allem rechnen – und trotzdem ruhig und entschlossen bleiben. Das hilft ihm nun.
Die Übernachtung im historischen Blair House – Merz wertet das als schöne Geste des Gastgebers, er selbst antwortet ebenfalls mit einer Geste: Im Gästehaus ist es gute Tradition, dass die Gäste ein Buch zurücklassen. Der Bundeskanzler hat sich für ein symbolstarkes Thema entschieden: Eine Sammlung von Briefen, die deutsche Amerika-Auswanderer in ihre Heimat schrieben: „News from the Land of Freedom. German Immigrants write home“ von Walter Kamphoefner. Das Signal: Amerika und Deutschland sind verbunden – schon lange und schon immer sehr emotional.

Vor seinem Treffen mit Trump hatte Merz Erwartungsmanagement betrieben: „Ich erwarte nicht, dass es Durchbrüche gibt.“ Weder bei der Frage der gemeinsamen Strategie der Europäer und der USA mit Blick auf die Ukraine noch bei den Zöllen. Am Nachmittag, nach dem gemeinsamen Mittagessen mit Trump, zieht Merz Bilanz: „Ich bin außerordentlich zufrieden.“ Er verstehe sich mit Trump „auf der persönlichen Ebene gut“, der Draht zwischen beiden sei gelegt. Merz weiß: Von der Wirkung der Reise hängt nicht nur ab, welche Rolle er in den kommenden Monaten international spielen kann. Der Trip prägt auch das Bild, das sich die Deutschen von ihrem Kanzler als Krisenmanager, als Trump-Gegenüber machen.
Die Wahl des Gastgeschenks könnte ein Hinweis auf Merz‘ Gespür für die richtige Geste sein – doch sicher kann man sich bei Trump nie sein. Was schenkt man einem, der schon alles hat, Immobilien, Flugzeuge, Hotels? Ein symbolisches Geschenk klar. Friedrich Merz hat Donald Trump einen Gruß aus dessen eigener Familiengeschichte mitgebracht: „Ich werde ihm ein kleines Präsent überreichen, dass ihn an seine Familie erinnert.“ Es ist ein Faksimile der Geburtsurkunde von Trumps deutschem Großvater. Der hieß bereits Trump. Und mit Vornamen wie der deutsche Kanzler: Friedrich. Wer am Ende auf die Idee gekommen ist, bleibt ein Geheimnis. Auch, wie groß die Freude bei Trump war. Es heißt, er hege keine besonderen Gefühle für seine deutsche Herkunft. Die Großeltern waren einst aus der Pfalz nach New York ausgewandert.

Merz spielt die Heimatkarte nicht zum ersten Mal. Bei ihrem ersten Telefonat wenige Tage nach der Kanzlerwahl hatte Merz den US-Präsidenten eingeladen, gemeinsam in die pfälzische Heimat seiner Vorfahren zu reisen. In Washington habe er die Einladung wiederholt, sagt Merz – und Trump habe sie angenommen. Wann Trump nach Deutschland kommt, ist offen. Ziemlich sicher dagegen ist, dass sich Trump und Merz in Kürze bereits wiedersehen: Mitte Juni beim G7-Gipfel in Kanada und wenig später beim Nato-Gipfel in Den Haag.






