Auf dieses Treffen – das ist nicht übertrieben - schaut die ganze Welt: der neue deutsche Kanzler beim Antrittsbesuch bei Donald Trump. Es ist kein mehrtägiger Staatsbesuch, es ist ein Kurztrip, ein Kennenlerntreffen. Die Reise nach Washington dauert nicht mal einen vollen Tag – und entscheidend sind sowieso nur die knapp bemessenen Mittagsstunden im Weißen Haus. High Noon in Washington. Das Protokoll einer historischen Begegnung:

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
6 Uhr. Es sind gerade erst 19 Grad in Washington, aber es wird ein heißer Tag werden. Nicht nur meteorologisch. Merz ist mitten in der Nacht angekommen, hat im Gästehaus in Rufweite zum Weißen Haus übernachtet. Ein paar Stunden später wird er Trump zum ersten Mal seit seiner Amtsübernahme persönlich treffen. Ursprünglich sollte es zunächst ein Gespräch in kleiner Runde geben und erst danach eine öffentliche Begegnung im Oval Office, jetzt stellt sich heraus, dass die Amerikaner die Reihenfolge umgedreht haben. Das ist heikler für Merz – es ist quasi ein Sprung ins kalte Wasser, ohne Anwärmphase. Doch Merz ist vorbereitet. Soweit man sich auf jemanden wie Trump vorbereiten kann. Hat Szenarien durchgespielt, hat mögliche Reaktionen im Kopf. Die Faustformel: Mit allem rechnen – und trotzdem ruhig und entschlossen bleiben. Bloß nicht provozieren lassen.
Merz hat die Formel verinnerlicht. Er hat schon viermal mit Trump telefoniert, er weiß, was funktioniert und was nicht. Lange reden funktioniert nicht, unterbrechen auch nicht. „Man muss sich auf ihn einstellen und auf ihn einlassen. Und gleichzeitig darf man sich nicht kleiner machen, als wir sind.“ Bloß nicht als Bittsteller rüberkommen. Ob die Faustformel auch von Angesicht zu Angesicht hilft?
Auch interessant
Merz bei Trump: Kanzler betreibt Erwartungsmanagement
An diesem Morgen kann Merz das nur hoffen – und sich auf sein Gespür verlassen. Immerhin: Merz und Trump verbindet die Lust, Sachen robust und geradeaus zu formulieren. Tacheles reden und ab und zu mal Sachen „great“ finden, die vielleicht allenfalls mittelgut sind – das liebt Trump und das ist Merz zumindest nicht vollkommen fremd.
8 Uhr. Merz verbringt den Morgen im Blair House. Hier ist es gute Tradition, dass die Gäste ein Buch zurücklassen. Der Bundeskanzler hat sich für ein historisches Thema entschieden: eine Sammlung von Briefen, die deutsche Amerika-Auswanderer in ihre Heimat schrieben. „News from the Land of Freedom. German Immigrants write home“ von Walter Kamphoefner. Vor Merz waren bereits Angela Merkel und Dutzende andere Staatschefs und Stargäste hier – vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle bis zur britischen Queen Elizabeth II.
Bevor Merz drüben bei Trump erwartet wird, ist noch Zeit – Merz nutzt sie, um Erwartungsmanagement zu betreiben: „Ich erwarte nicht, dass es Durchbrüche gibt.“ Weder bei der Frage der gemeinsamen Strategie der Europäer und der USA mit Blick auf die Ukraine, noch bei den Zöllen. Und die Nato? Merz will Trump klarmachen, dass Deutschland sogar das Grundgesetz geändert hat, um die Verteidigungsausgaben zu erhöhen.

Merz in den USA: Doch Trump spielt sein eigenes Spiel
Merz will mit Trump auch über die deutsche Innenpolitik reden – wenn die Zeit dafür reicht. Stichwort AfD, Stichwort amerikanische Einmischung in den deutschen Wahlkampf, Stichwort angeblich bedrohte Meinungsfreiheit in Deutschland. „Ich werde ihm sehr klar meine Meinung dazu sagen.“
Wenn sich Merz etwas wünschen dürfte, dann wären das drei Dinge: Eine belastbare Zusage der Amerikaner zu einem neuen, harten Sanktionspaket gegen Aggressor Putin. Ein verlässlicher Fahrplan mit dem Ziel, die gegenseitigen Zölle perspektivisch auf null zu senken. Und eine belastbare Beziehung zu Trump, eine zentrale Rolle in seinem Kosmos. Doch das ist vorerst Wunschdenken. Das Nahziel an diesem Morgen: Trump nicht an Putin verlieren, Trump mit Blick auf Russland und die Ukraine im Boot der Europäer halten.
Das Telefonat zwischen Putin und Trump am Vorabend der Merz-Reise, die Beißhemmung des US-Präsidenten gegenüber dem Kreml-Herrscher spricht jedoch Bände: Trump spielt sein eigenes Spiel.
News aus den USA
Merz trifft Trump: Ist er der Krisenmanager, den die Deutschen sich wünschen?
11.30 Uhr. Merz und Trump treffen sich im Weißen Haus. Der Ablauf ist Routine: Erst der Gästebucheintrag, dann der Rest. Merz setzt auf das gemeinsame Mittagessen als Arbeitsessen, Trump dagegen will erstmal den Showeffekt. Spätestens seit dem Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind die Begegnungen mit der internationalen Presse im Oval Office spektakulär wie ein politischer Zirkus. Nicht beim Essen, sondern hier, wo der US-Präsident seine Besucher gerne genussvoll vor den Augen der ganzen Welt düpiert, muss sich zeigen, als was der Merz-Besuch in die Geschichte eingeht: als Erfolg oder Eklat, als Anfang einer halbwegs stabilen Beziehung oder als abruptes Ende.
Kurz vor der Reise hatte sich Merz‘ Außenminister Johann Wadephul (CDU) eher pessimistisch geäußert: Er sehe das transatlantische Verhältnis in der Krise. Er sei „irritiert“ über das Gebaren von Trumps Regierung, das aktuelle Verhältnis zu den USA müsse „ohne Naivität und Illusionen“ bewertet werden. „Der Ton ist so rau wie lange nicht.“
Merz weiß: Von der Wirkung der Reise hängt nicht nur ab, welche Rolle er in den kommenden Monaten international spielen kann. Der Trip prägt auch das Bild, das sich die Deutschen von ihrem Kanzler als Krisenmanager, als Trump-Gegenüber machen.
Auch interessant
Merz und sein Gastgeschenk: Hat er das Gespür für die richtige Geste?
Bislang sind die Bundesbürger gespalten: Vor seiner Reise zweifelten viele an Merz‘ diplomatischen Fähigkeiten. Laut ARD-Deutschlandtrend ist fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten der Ansicht, der neue Bundeskanzler bringe für außenpolitische Herausforderungen zu wenig diplomatisches Geschick mit. 40 Prozent trauen ihm dieses dagegen zu. Mit Blick auf Trump ist das Zutrauen etwas besser: 46 Prozent glaubten, dass Merz eine gute Ebene mit Trump finden werde – 44 Prozent dagegen trauten ihm das nicht zu.
Die Wahl des Gastgeschenks könnte ein Hinweis auf Merz‘ Gespür für die richtige Geste sein – doch sicher kann man sich bei Trump nie sein. Was schenkt man einem, der schon alles hat, Immobilien, Flugzeuge, Hotels? Ein symbolisches Geschenk, klar. Friedrich Merz hat Donald Trump einen Gruß aus dessen eigener Familiengeschichte mitgebracht: „Ich werde ihm ein kleines Präsent überreichen, das ihn an seine Familie erinnert.“
Auch interessant
Merz und Trump werden sich bald wiedersehen
Merz spielt die Heimatkarte nicht zum ersten Mal. Bei ihrem ersten Telefonat wenige Tage nach der Kanzlerwahl hatte Merz den US-Präsidenten eingeladen, gemeinsam in die pfälzische Heimat seiner Vorfahren zu reisen. Einen Termin gibt es noch nicht – und es ist auch fraglich, ob es je dazu kommen wird.
Ziemlich sicher dagegen ist, dass sich Trump und Merz in Kürze bereits wiedersehen: Mitte Juni, beim G7-Gipfel in Kanada und wenig später beim Nato-Gipfel in Den Haag.












