„Wir Russen sind sehr duldsam, wir erdulden und erdulden“, sagt die 65-jährige Olga Eremina und deutet auf die marode Kläranlage ihres Dorfes. Die Rohre sind durchgerostet, ein großer Teil des Abwassers fließt ungeklärt in den Wald. „Die Eltern hier sollten ihre Kinder nicht in die Schule bringen, die Toiletten sind außer Betrieb. Und das passiert sehr häufig“, sagt Olga. Doch sie erduldet das nicht, will sich damit nicht abfinden. Schreibt Eingaben, telefoniert mit Verantwortlichen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Olga lebt in einem billig hochgezogenen Wohnblock im Dorf Krasny Bor, etwas außerhalb von Sankt Petersburg. Knapp 5000 Menschen wohnen hier. Die Rentnerin kümmert sich um ihre Nachbarn. Geld bekommt sie nicht dafür.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Krasny Bor ist kein Einzelfall. Nach Angaben von Sergej Pachomow, dem Leiter des Wohnungsbauausschusses im russischen Parlament, war Mitte 2022 mehr als 70 Prozent der kommunalen Infrastruktur sanierungsbedürftig. Und, wie man in Krasny Bor sieht, bis heute ist es nicht besser geworden. Die Mittel für dringend notwendige Maßnahmen fehlen. Denn viel Geld fließt in Militär und Rüstung. Über 40 Prozent der russischen Staatseinnahmen.

Infrastruktur Russland
Abwasser im Wald von Krasny Bor: Mittel für dringend notwendige Maßnahmen fehlen. © privat | Jo Angerer

Russland: „Saniert wird hier nichts“

Im Wald zeigt uns Olga die Lecks in den Abwasserleitungen. „Natürlich ist das Abwasser aus der Kanalisation, sehen Sie, wie schwarz es ist“, sagt sie. Ähnlich marode ist die Trinkwasserversorgung in Krasny Bor. Die Wasserrohre stammen noch aus Sowjetzeiten, sind porös und undicht. Manchmal gibt es Trinkwasser, manchmal auch nicht. Saniert wird hier nichts. Wenn es mal Wasser gibt, dann füllt man es in Plastikflaschen ab. Das machen hier alle, sagt Olga.

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Trübe und dreckig kommt das Trinkwasser aus der Leitung. Was tun? „Ich weiß auch nicht, im Winter wäre Schnee schmelzen eine Option, im 21. Jahrhundert! Aber das wäre Brauchwasser. Das Trinkwasser muss man kaufen. Und jetzt stellen Sie sich eine Oma vor, deren Verwandte weit weg wohnen. Was soll sie machen? Mit ihren 80 Jahren schnell mal zum Laden flitzen und alles in den fünften Stock tragen?“

Russland: Fernwärmenetze stammen noch aus Sowjetzeiten

Im nahen Sankt Petersburg ist Andrej Fedoseew als Hausmeister zuständig für vier Häuser. Dort macht vor allem die Heizung Probleme. Die meisten der rund 47.000 Häuser der Stadt werden über Fernwärme versorgt. Doch die Rohre sind alt und müssten dringend erneuert werden. Früh am Morgen ist wieder mal die Heizung ausgefallen, erzählt Andrej unserer Redaktion. „Wahrscheinlich gab es beim Wärmeversorger eine Panne“.

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Im Keller prüft er die Heizungsanlage. „Sie haben mehrere Häuser hier vom Netz genommen. Das betrifft also nicht nur uns. Ich denke nicht, dass es etwas Außergewöhnliches ist.“ Nicht nur in Sankt Petersburg platzen immer wieder die Fernwärmeleitungen, werden Straßen überflutet, gibt es Unfälle. „Die Netze wurden zu Sowjetzeiten errichtet, ihre Nutzung hat bereits die maximale Betriebsdauer überschritten“, weiß der Bauexperte Jaroslaw Kostrow. „Diese Rohre müssten heute neu verlegt werden, sie sind jetzt seit 50 Jahren in Betrieb.“

Putins Heimatstadt Sankt Petersburg: Feuchte Wände sind ständiges Problem

Im Stadtzentrum von Sankt Petersburg, das die Touristen besuchen, ist alles herausgeputzt, hergerichtet für die nächste Sommersaison. Doch ein paar Querstraßen weiter, dort wo die Petersburger wohnen, schaut es anders aus. Viele Häuser sind heruntergekommen, sanierungsbedürftig. Auch die Häuser, die Andrej verwaltet. Die feuchten Wände im ersten Stock seines Hauses in der Fontanka-Straße, die er uns zeigt, seien ein ständiges Problem. „Die Geschichte ist einfach, wir reparieren das hier ständig, aber dadurch, dass wir auf dieser Seite Wand an Wand mit einem anderen Gebäude stehen, kommt immer Feuchtigkeit durch und der Putz platzt ab.“

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Feuchtigkeit, das Problem kennt auch die 65-jährige Hausmeisterin Valentina Fomina. Sie lebt im Dorf Kursk, etwa 100 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt. Valentina kümmert sich um ein paar Häuser, bessert damit ihre schmale Rente auf. Sicher, so sagt sie unserer Redaktion, bei Problemen mit dem Wasser oder der Heizung kann sie nichts tun. Aber zumindest schöner soll ihr Dorf werden. Ihre Geschichte erzählt sie, während sie die Dorfstraße fegt. „Ich habe Köchin gelernt und habe ein Jahr als Köchin gearbeitet. Dann kam ich hierher, habe auf der Baustelle gearbeitet und eine Malerausbildung abgeschlossen. Habe Treppenhäuser, Wohnungen und alles Mögliche renoviert. Dann habe ich lange in einem Heizkraftwerk gearbeitet. Und seit ich in Rente bin, arbeite ich als Hausmeisterin.“

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Hausmeisterin Valentina Fomina kümmert sich um mehrere Häuser.© privat | Jo Angerer

Im Dorf ist Valentina beliebt. „Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, sehe ich sie, abends und tagsüber auch, eigentlich immer“, sagt ein Nachbar, den wir auf der Straße treffen. „Sie ist ständig unterwegs, räumt auf oder schneidet auch mal die Büsche. Sie ist gut, sie ist sehr gut!“ Für das Lob schuldest du mir einen Wodka, schiebt er noch hinterher. Natürlich ein Scherz.

Am nächsten Tag besucht Valentina in Sankt Petersburg ihre Enkelin Elisaveta. Sie arbeitet als Kosmetikerin, einen Schönheitssalon will sie eröffnen. Die 22-Jährige erzählt ihrer Großmutter von ihren Sorgen. Ihr Freund ist an der Front. Als Soldat. „Dort ist es schon ziemlich beängstigend“, sagt Elisaveta. „Um ehrlich zu sein, ich habe keine Nerven mehr. Aber er ruft mich an und wir halten den Kontakt aufrecht.“ Elisaveta hofft so sehr: „Er hat noch fünf Monate als Soldat. Im Juni kommt er wieder nach Hause.“