Warum er es getan hat? Der 23-jährige Ruslan N. konnte es vor Gericht nicht erklären, berichtet die Zeitung „Nowaja Gaseta“. Ruslan lebt in der nordkaukasischen Stadt Naltschick, war nach einer Verwundung aus dem Krieg zurückgekehrt. In den frühen Morgenstunden des 30. Januar traf er auf der Straße zufällig eine 87-jährige Rentnerin, griff sie an, prügelte 20 Minuten auf sie ein und erwürgte sie schließlich. Er zerrte die Leiche ins Gebüsch, floh – und kam kurze Zeit später wieder zurück. Ruslan hatte am Tatort sein Handy verloren. Gefilmt wurde dies alles von Überwachungskameras. Das ‚warum‘ konnte Ruslan nicht erklären. Nur so viel: Alkohol und Drogen waren im Spiel.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bestialische Gewalttaten von Kriegsheimkehrern, noch sind es Einzelfälle. Aber sie nehmen zu. Zum Beispiel der Tod eines 50-jährigen Mannes im Dorf Poletajewo in der Region Tscheljabinsk. Er hatte sich mit einem Bekannten gestritten, einem Kriegsveteranen. Und bezahlte diesen Streit mit seinem Leben. In einem Dorf im Bezirk Lomonossow der Region Leningrad starb eine 34-jährige Frau. Der Tat dringend verdächtig ist ihr Lebensgefährte, ein junger Soldat, der in der Ukraine gekämpft hatte und schließlich desertiert war. Auch hier war Alkohol im Spiel.

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Posttraumatische Belastung: Die unsichtbaren Narben der Heimkehrer

In den drei Kriegsjahren töteten oder verstümmelten Heimkehrer mehr als 750 Menschen, berichtet das Onlinemedium verstka.media, das Zeitungsberichte und Gerichtsakten ausgewertet hat. Das häufigste Verbrechen sei „Verursachung schwerer, lebensgefährlicher Körperverletzungen“, so verstka. Ursachen seien „vielfach familiäre oder häusliche Konflikte“, die Opfer oft „Verwandte und Freunde“.

Noch scheint die Zahl derartiger Gewalttaten relativ gering. Doch was wird werden, wenn Hunderttausende Soldaten nach einem möglichen Friedensschluss aus der Ukraine zurückkehren? Männer, die unvorstellbare Grausamkeiten erlebt, wenn nicht gar begangen haben? Posttraumatische Belastungsstörungen seien an der Tagesordnung, weiß die Psychologin Tatjana Kowalenko. „Schlafstörungen, Essstörungen, unerklärliche Aggression oder Gleichgültigkeit gegenüber Familie, Arbeit, Rückzug, Sinnlosigkeit im Leben, Alkoholsucht.“

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In sozialen Netzwerken berichten viele Ex-Soldaten über Albträume und ständige Flashbacks. „Im Krieg denkt man, dass mit einem alles stimmt. Aber dann kehrt man ins zivile Leben zurück und begreift, wie stark es sich unterscheidet. Mit der Zeit spürt man, dass man sich innerlich verändert hat“, sagt ein russischer Kriegsheimkehrer gegenüber der Deutschen Welle. „Wenn ich einen Veteranen frage, was ihn im zivilen Leben am meisten beunruhigt, antworten viele: ‚Schweigen‘“, berichtet ein behandelnder Psychologe. „Denn dort gewöhnen sie sich an ständigen Lärm, Schüsse, Granatenexplosionen, und können, wenn möglich, sogar unter Artilleriefeuer einschlafen. Und dann können sie sich lange Zeit nicht an die Stille und ruhige Atmosphäre gewöhnen.“

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Viele Veteranen kehrten mit einem tiefen Gefühl der Trauer aus dem Krieg zurück.© picture alliance | AP

Russische Gesellschaft: Angst vor dem „Afghanistan-Syndrom“ ist groß

Die Herausforderungen für die russische Gesellschaft werden gewaltig sein, laut dem Onlinemedium Meduza bereitet sich der Kreml bereits darauf vor. Denn die Angst vor einem neuen „Afghanistan-Syndrom“ ist groß. 1989, nach dem Rückzug aus dem Afghanistan-Krieg, erlebte die damalige Sowjetunion durch die heimkehrenden Soldaten eine beispiellose Phase des sozialen Chaos. Alkohol, Drogen, Kriminalität waren an der Tagesordnung. „Wer damals Moskau besuchte, erinnert sich wohl bis heute an die in Tarnfleck gekleideten Invaliden, die oft ohne Beine auf Rollbrettern durch die Metro fuhren, Kriegslieder sangen und um Geld bettelten“, weiß das Onlineportals Dekoder. Nun könnte es noch schlimmer kommen.

„Das erste Jahr nach dem Krieg wird ein Jahr starken Alkoholkonsums sein“, zitiert Meduza eine Quelle aus dem russischen Arbeitsministerium. Viele Veteranen kehrten mit einem tiefen Gefühl der Trauer aus dem Krieg zurück, ergänzt ein Informant aus Regierungskreisen: „Ich bin ein Held, ich habe für euch gekämpft, und ihr seid nur wertlose Feiglinge, die zurückgeblieben sind.“ Der Ausweg: Alkohol. Arbeitslosigkeit, Schulden und Kriminalität könnten zunehmen. Die meisten Veteranen haben im Militär viel Geld verdient. Und seien nicht bereit, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen.

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg

Putins Reaktion auf die Krise: Hilfe für Kriegsveteranen oder nur Symbolpolitik?

Zurückkehrende Soldaten aus dem Ukrainekrieg: Russlands Präsident Wladimir Putin nimmt die Probleme durchaus ernst. Bereits im März 2024 aktualisierte er ein Dekret „zur Einrichtung des staatlichen Fonds zur Unterstützung der Teilnehmer an der militärischen Sonderoperation.“ Die „Stiftung Vaterlandsverteidiger“ bietet Hilfe „einschließlich medizinischer und sozialer Rehabilitation, Arzneimittelversorgung, psychologischer Betreuung (…) sowie Unterstützung bei der Umschulung und Beschäftigung von Veteranen.“ Im Juni 2024 machte Putin eine Verwandte, Anna Ziwiljowa, zur Leiterin der Stiftung. Der Kremlchef ist ihr Großonkel. Zugleich wurde Ziwiljowa, ausgebildete Psychiaterin, zur Staatssekretärin und stellvertretenden russischen Verteidigungsministerin ernannt.

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#9 Lars Klingbeil über seinen Soldatenvater und das Sterben im Krieg
Meine schwerste Entscheidung
 

Ob das helfen wird? In Russland gibt es viel zu wenig Psychologen, die sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen von Ex-Soldaten auskennen. Einige Universitäten bieten jetzt Fortbildungen an. „Aber das sind junge Studentinnen“, zitiert Meduza einen Beamten aus dem Arbeitsministerium. „Glauben Sie wirklich, dass ein älterer, traumatisierter Soldat sie ernst nehmen würde? Natürlich nicht.“