Auf dieses Ereignis haben die meisten Japaner seit Jahren hingefiebert: In der vergangenen Woche übergaben drei Anführer des Yamaguchi-gumi, der größten und wohlhabendsten Yakuza-Gang Japans, der Polizei einen Brief. In diesem versprechen sie, nicht länger für Unruhe zu sorgen. Keine Schießereien mehr und auch keine mysteriösen Todesfälle. Ein Wendepunkt für Japans organisierte Kriminalität?

Japans Yakuza agieren meist im Verborgenen

Seit zehn Jahren haben sich die Mafiagruppen Japans – dort werden sie meist Yakuza genannt – untereinander bekämpft. 2015 löste sich eine Gruppe vom Yamaguchi-gumi und gründete eine konkurrierende Gang. In den Folgejahren kam es zu weiteren Abspaltungen. Und die Konflikte wurden zusehends chaotischer und blutiger.

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Dabei gilt Japan als eines der sichersten Länder der Welt. Die Zahl angezeigter Straftaten pro Kopf ist niedriger als fast überall sonst. Und tatsächlich: Wenn man in Japan sein Portemonnaie vergisst, kommt einem mit hoher Wahrscheinlichkeit kurze Zeit später jemand hinterhergeeilt, der es gefunden hat und übergeben möchte. Auch Überfälle sind höchst selten.

Doch in der Unterwelt – verborgen für neugierige Unbeteiligte – sieht das anders aus. Viel von dem, was dort geschieht, wird nie angezeigt. So stiegen Yakuza-Gangs in den vergangenen Jahrzehnten zu mächtigen Akteuren auf. Sie verdienten ihr Geld mit Immobilien, durch Glücksspiel, Drogenhandel oder Finanzdienstleistungen. Meist waren die Gangster aber schon durch ihr Äußeres als Yakuza erkennbar: die Autos, die Anzüge, die Tattoos.

Aufstieg der Yakuza: Sie profitierten von Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg

Ihre Ursprünge hat die japanische Mafia im 17. Jahrhundert. Erste Gruppen, die sich später zur Yakuza entwickeln sollten, formierten sich aus Verurteilten, Glücksspielern und anderen Außenseitern. Aufgrund einer Überlieferung, nach der im 7. Jahrhundert ein Rebell durch den Kaiserhof mittels einer Tätowierung als Abtrünniger gebrandmarkt worden sei, eigneten sich die Yakuza diese Praxis an. Die Tattoos wurden zu ihrem Erkennungszeichen.

Yakuza members display their full-body tattoos
Einst wurden an Japans Kaiserhof Rebellen mit Tätowierungen als solche gebrandmarkt. Die Yakuza haben sich diese Praxis zueigen gemacht.© Flickr Vision | Jiangang Wang

Die große Zeit der Gangster folgte auf Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg, als fast alle Großstädte durch Bombenangriffe zerstört waren und es an Nahrung und Jobs mangelte. Der Schwarzmarkt wucherte. Die Syndikate organisierten sich hierarchisch, übernahmen gegen Prämien oft den Sicherheitsservice für Geschäfte oder Wohnhäuser. Wer innerhalb der Gruppen aufsteigen wollte, musste Geld einnehmen. So wurden die Betätigungsfelder zusehends vielfältiger.

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Verboten wurden die Yakuza – wohl auch wegen ihrer Verbindungen in die Politik – dennoch nie. In den vergangenen Jahren hat die Polizei aber ihre Bemühungen verstärkt. 2020 hatte sie den Konflikt der Splittergruppen offiziell als Bandenkrieg bezeichnet und so intensivere Überwachungsmaßnahmen gerechtfertigt. Inzwischen dürfen Yakuza-Gangs keine Büros mehr führen.

Neue Gangster sind bereits auf dem Vormarsch

Dass das Yamaguchi-gumi nun erklärt hat, in Zukunft friedlich werden zu wollen, lässt sich auch als Zeichen seiner Schwäche – und womöglich der Schwäche der Yakuza an sich – lesen. Heute zählt das einst mächtige Syndikat noch rund 3.300 Mitglieder, alle Yakuza-Gangs insgesamt vereinen laut Polizei nur noch etwa 18.800 Menschen unter sich. Die Zahl der Gangster ist im Vergleich zu den 1960ern auf ein Zehntel geschrumpft.

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Die Bemühungen der Polizei sind allerdings nicht der einzige Grund für den Abstieg der Yakuza. Auch die Demografie spielt wohl eine Rolle: Japans Bevölkerung altert in hohem Tempo, Kinder werden kaum geboren, alle möglichen Organisationen leiden unter Nachwuchsmangel. Gänzlich Geschichte sind die Machenschaften der Mafia in Japan aber damit noch nicht. Nicht nur, weil das Yamaguchi-gumi sich nicht aufgelöst hat und lediglich einen bestimmten Konflikt beilegen will. Sondern auch, weil bisher unklar bleibt, inwieweit diverse kleinere Gangs nun ebenso bereit sind, ihre Waffen ruhen zu lassen.

Längst gibt es außerdem neue Formen der organisierten Kriminalität. Der Name „Tokuryu“ fasst eine Art illegaler Gelegenheitsjobs zusammen. Derzeit sollen rund 10.000 Verbrecher aktiv sein, die so Drogenhandel oder Onlinebetrug betreiben und Überfälle begehen. Sie sind weniger strukturiert als die Yakuza-Gangs, überschneiden sich jedoch teilweise mit diesen und laufen ihnen den Rang ab. So erklärte der Vorsitzende der Nationalen Polizeibehörde Anfang des Jahres nicht den Kampf gegen die Yakuza zur Priorität, sondern den gegen das Tokuryu-Phänomen.