Europa macht sich bereit für eine gigantische Aufrüstung. Alarmiert vom aggressiven Kurs Russlands und im Zweifel, ob die USA ihre Schutzzusagen einhalten, wollen die EU-Staaten mit beispiellosen Milliardeninvestitionen ihre eigene Verteidigungsfähigkeit massiv ausbauen. Der Bundestag hat schon die Änderung des Grundgesetzes beschlossen, damit der Bund für höhere Verteidigungsausgaben unbegrenzt Schulden aufnehmen kann. Rechtzeitig zum EU-Gipfel legt die EU-Kommission Vorschläge für den Ausbau der Rüstungsindustrie vor, im Raum stehen zusätzliche, schuldenfinanzierte Investitionen von bis zu 800 Milliarden Euro.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die EU müsse sich umgehend auf die reale Möglichkeit eines groß angelegten Krieges mit Russland schon in wenigen Jahren vorbereiten, warnt die Kommission. Aber wie? Um welche Waffen geht es überhaupt? In Abstimmung mit der Nato haben sich EU-Staaten auf die dringendsten Aufgaben verständigt, um notfalls ohne US-Hilfe einen russischen Angriff abwehren zu können. Ein Überblick über Schwerpunkte und wichtige Rüstungsprojekte:
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Schlüsselrolle: Präzise Langstreckenwaffen
Das brisanteste Projekt soll ab den 30er-Jahren eine Schlüsselrolle in Europas Verteidigung spielen. Bisher fehlen zur Abschreckung konventionelle Waffen für präzise Schläge gegen strategische Ziele weit im Hinterland, gegebenenfalls also gegen russische Kommandozentralen, Flughäfen oder Depots – Russland umgekehrt könnte das mit dem Marschflugkörper SSC-8 und Iskander-Raketen. Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Großbritannien und Schweden haben 2024 das Projekt „Elsa“ für die Entwicklung solcher Waffen für „deep strikes“ vereinbart: Wahrscheinlich werden es bodengestützte Marschflugkörper mit einer Reichweite von 2000 Kilometern oder mehr.

Deutschland und Norwegen entwickeln zudem einen überschallschnellen Marschflugkörper für den Abschuss von See aus (Super Sonic Strike Missile). Neue Standards setzt der US-Hyperschallgleiter Dark Eagle, der in den nächsten Jahren vorübergehend auch in Deutschland stationiert werden soll. Reichweite 2800 Kilometer, für viele Abwehrsysteme kaum erreichbar, Stückkosten rund 40 Millionen Euro. Russland ist von diesen Plänen alarmiert, Präsident Wladimir Putin droht mit Aufrüstung durch „eine Reihe“ ähnlicher Systeme.

Lücken in der Luftabwehr
Nato-Pläne sehen vor, die Zahl der bodengestützten Flugabwehreinheiten massiv zu steigern. 18 europäische Staaten haben sich dem deutschen Vorschlag eines „European Sky Shield“ angeschlossen – die Pläne für eine unsichtbare Kuppel, die ganz Europa schützen soll, umfassen vorerst amerikanische Patriot-Raketen und das deutsche System Iris-T für kurze und mittlere Reichweiten sowie das israelische System Arrow 3 gegen Langstreckenraketen. Eine einzige Feuereinheit von Iris-T kostet 140 Millionen Euro, ein Lenkflugkörper 400.000 Euro; die Arrow-Systeme an drei Standorten werden die Bundeswehr 3,6 Milliarden Euro kosten. Gearbeitet wird an Lösungen für die Abwehr von Hyperschallbedrohungen oder Drohnenschwärmen. Mehrere EU-Staaten entwickeln das Projekt „Twister“, das weltraumbasiert neue Raketenbedrohungen erkennen und abfangen soll.
Hunderte neue Kampfjets
Bei Kampfflugzeugen gibt es keine große Lücke, die Europäer haben rund 2000 Maschinen – Russland etwa 1400. Europäische Staaten haben aber für die nächsten Jahre allein 360 modernste Tarnkappen-Kampfjets F-35 aus US-Produktion bestellt, 35 Jets kauft Deutschland zum Stückpreis von rund 240 Millionen Euro. Außerdem hat die Bundesregierung in zwei Tranchen 58 Eurofighter für je rund 100 Millionen Euro geordert. Gemeinsam mit Frankreich und Spanien entwickelt Deutschland zudem ein europäisches Luftkampfsystem der nächsten Generation (FCAS), zu dem auch Schwarmdrohnen gehören. Die Kosten von FCAS dürften über die gesamte Laufzeit bei 500 Milliarden Euro liegen.

Rückstand bei Artilleriesystemen
Russland ist hier stark. Analysten von Bloomberg Intelligence schätzen den Bedarf an modernen Systemen für eine belastbare Abschreckung ohne die USA auf fast 2000 Panzerhaubitzen und 2000 Raketenartillerieeinheiten. Andere Experten sind vorsichtiger, teuer wird es allemal: Schon eine Einheit des US-Raketenwerfersystems Himars kostet zehn Millionen Dollar, eine Panzerhaubitze fast 20 Millionen Euro. Rheinmetall und Lockheed Martin arbeiten schon an einer deutschen Himars-Variante.
Große Lücke bei Spezialfliegern
Europa hat Lücken bei Spionage- und Überwachungsflugzeugen und bei Tankflugzeugen. Zur Spionage nutzen die USA umgerüstete Maschinen vom Typ Boeing RC-135 mit Kosten im mittleren dreistelligen Millionenbereich. Die Bundeswehr lässt derzeit ein eigenes Aufklärungssystem Pegasus für drei Flugzeuge vom Typ Bombardier Global 6000 bauen, Kosten etwa 1,5 Milliarden Euro. Bei Tankflugzeugen bietet sich vor allem der Airbus A330 MRTT an, auf den sich auch die Bundeswehr stützt. Der Preis pro Maschine wird auf 300 bis 400 Millionen Euro geschätzt.
Rückstand bei Satelliten
Für die militärische Kommunikation und die Datenintegration auf dem Schlachtfeld wichtig, doch die Europäer hinken hinterher. Die USA verfügen über 263, Russland über 101 militärische Satelliten – Europa nur über 47. Airbus baut für die Bundeswehr bereits zwei neue Telekommunikationssatelliten mit Bodenstation, der Preis beträgt mehr als zwei Milliarden Euro.
Militärische Mobilität
Der Truppentransport an die Ostflanke der Nato würde im Ernstfall durch schlechte Straßen, marode Brücken und fehlende Schienenwege gefährlich behindert. Die EU-Kommission sieht jetzt 500 Hotspots (dazu zählen Brücken, Tunnel, Häfen, Flugplätze), die dringend saniert werden müssen. Die hohen Milliardeninvestitionen kommen aber nur langsam in Gang, obwohl die EU schon 2017 ein Programm auflegte.
Rüstung für Drohnenkampf
Der Ukraine-Krieg zeigt die große Bedeutung des Drohnenkampfes, aber auch die schnelle technische Entwicklung. Deutschland und drei andere EU-Staaten entwickeln derzeit die relativ große Eurodrohne (Länge 17 Meter), die frühestens ab 2030 sowohl für die Aufklärung als auch für Luft-Boden-Waffen und zur U-Boot-Jagd eingesetzt werden soll. Jede Drohne kostet voraussichtlich knapp 200 Millionen Euro, Deutschland hat 21 bestellt.
Bundeswehr mit mehr Soldaten
Wenn sich die USA zurückziehen, fehlen den europäischen Staaten in den Nato-Verteidigungsplänen 100.000 sofort einsatzbereite US-Soldaten, weitere 200.000 als Reserve. Ersetzt werden müssten dann auch mehrere Tausend Kampf- und Schützenpanzer. Ein moderner Leopard-Panzer vom Typ 2A8 kostet knapp 30 Millionen Euro, der Bundestag hat zuletzt den Kauf von 105 Leopard-Panzern genehmigt, die bis 2030 geliefert werden.

Die Nato will im Herbst neue Ziele für die Kampfbereitschaft festlegen, Ende des Jahrzehnts soll die Zahl der Kampftruppenbrigaden im Bündnis von 82 auf 131 steigen. Für Deutschland heißt das nach internen Berechnungen des Verteidigungsministeriums fünf bis sechs weitere Kampfbrigaden mit jeweils etwa 5000 Soldaten – mit entsprechender Bewaffnung. „Damit wird die Sollstärke der Bundeswehr von 203.00 Soldaten auf mindestens 230.000 anwachsen“, erklärt Verteidigungsexperte Carlo Masala.






