In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Gefängnisinsassen in Japan mehr als halbiert. Doch in einem Land, in dem die Lebenserwartung rapide steigt und immer weniger Kinder geboren werden, landen ältere Japaner und Japanerinnen öfter hinter Gittern als je zuvor. Dahinter steckt ein weitläufiges Gesellschaftsproblem, das sie zu einem ungewöhnlichen Schritt drängt.

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Im Jahr 2022 waren 14 Prozent der Insassen in Japan 65 Jahre alt oder älter. Das Resultat: Manche Gefängnisstationen ähneln eher einem Seniorenheim als einer Haftanstalt, die Justizmitarbeitenden werden zu Pflegenden. Viele der Senioren sollen das Leben im Gefängnis sogar bevorzugen und absichtlich Straftaten begehen, um ihr Leben in Freiheit aufgeben zu können. Warum?

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Japan: Besonders ältere Frauen landen hier oft in Haft

Der Trend in den japanischen Gefängnissen ist längst keine neue Entwicklung mehr: „Japan steht vor wachsender Altersbevölkerung in Gefängnissen“, titelte die internationale Nachrichtenagentur Associated Press schon 2010. Neun Jahre später berichtete Japans öffentlicher Rundfunksender NHK, japanische Gefängnisse seien oft „der rettende Hafen für Seniorinnen“.

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Im September durfte ein Team des US-amerikanischen Sender CNN das größte Frauengefängnis Japans im Norden Tokios besuchen. Die Eindrücke der seltenen Visite zeigen die Journalistinnen nun in einer Reportage. An den Werkbänken des Tochigi-Frauengefängnisses tragen viele der Insassinnen zu ihren rosafarbenen Uniformen lichtes Haar oder haben Altersflecken im Gesicht.

Eine von ihnen ist die 81-jährige Akiyo, die eigentlich anders heißt. Sie erzählt dem Sender, dass sie schon zum zweiten Mal einsitzt. Beide Male habe sie Essen im Laden gestohlen. Ihre schmale Rente, die sie alle zwei Monate erhielt, habe nicht gereicht. „Wenn ich ein finanziell geregeltes und bequemes Leben gehabt hätte, hätte ich das sicher nicht getan“, sagt sie über ihre Straftaten.

Japan: Die meisten Senioren sitzen wegen Diebstählen ein

Wie Akiyo geht es vielen. Mit 58 Prozent sitzen die meisten der japanischen Senior-Häftlinge wegen Diebstählen im Gefängnis. Bei Frauen sind es sogar 80 Prozent. Dabei sollen die kleinen Delikte für viele der schnellste und kalkulierbarste Weg in die Haft sein. Auch Akiyo sieht Vorzüge in ihrem Leben im Gefängnis: „Vielleicht“, so sagt sie, „ist das Leben hier für mich am stabilsten.“

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Die besonders schnell alternde Bevölkerung in den Gefängnissen Japans ist die Kehrseite der ohnehin alternden Gesamtbevölkerung des ostasiatischen Landes. Offiziellen Zahlen zufolge war 2023 fast ein Drittel der japanischen Bevölkerung über 65 Jahre alt, mehr als 10 Prozent sogar älter als 80. Doch längst nicht alle Senioren und Seniorinnen führen ein komfortables Leben im Kreise ihrer Familie.

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge hat Japan mit 13,6 Prozent die verhältnismäßig größte Anzahl an Arbeitenden über 65 Jahren. Oft erhalten diese aber weitaus niedrigere Löhne als der Rest der arbeitenden Bevölkerung. Die Folge: Altersarmut.

Wärter umsorgen die alten Insassen: „Wir wechseln ihre Windeln“

Hinzu kommt die Einsamkeit. Wo ältere Japaner und Japanerinnen früher in Mehrgenerationenhaushalten alterten, sind viele nun auf sich allein gestellt. Gerade ältere Frauen sind häufig verwitwet, kinderlos oder haben ihre Kinder durch die dortigen besseren Arbeitsbedingungen an die großen Metropolen verloren.

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Ein Gefängnis ist ein trostloser Ort – doch für manche ältere Japaner ist es die Alternative zu einem einsamen Leben in Armut.© AFP via Getty Images | RICHARD A. BROOKS

Wie Akiyo gegenüber CNN erzählt, habe sie vor ihrer Gefängnisstrafe zwar mit ihrem 43-jährigen Sohn zusammengewohnt, dieser habe sie aber wegschicken wollen. Mit weniger als 40 Yen – umgerechnet 25 Cent – und zwei Wochen Wartezeit bis zur nächsten Rentenzahlung habe sie sich nur noch wenig Gedanken um die Zukunft gemacht: „Ich dachte: ‚Mein Leben hat keinen Sinn mehr‘ und: ‚Ich will sterben‘“, sagt sie.

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Für arme und vereinsamte Senioren und Seniorinnen bietet das Gefängnis oft eher eine Rettung als eine Bestrafung. „Manche kommen her, weil ihnen kalt ist oder sie Hunger haben“, sagt der Gefängniswärter Takayoshi Shiranaga gegenüber CNN. „Es gibt sogar Menschen, die uns 20.000 oder 30.000 Yen anbieten, um für immer hier wohnen zu dürfen.“ Das sind umgerechnet zwischen 126 und 189 Euro.

Tatsächlich erhalten die Gefängnisinsassen während ihrer Haftstrafe eine kostenlose Gesundheitsversorgung, regelmäßiges Essen und einen ständigen sozialen Umgang. Ein Grund für viele, nicht mehr gehen zu wollen, so Shiranaga. Doch auch die Haftanstalten selbst passen sich den älteren Bewohnern an: „Wir wechseln ihre Windeln, und helfen ihnen beim Baden oder Essen“, sagt der Wärter.

Japan will bessere Pflege, doch es gibt ein weiteres Problem

Allein für den japanischen Staat geht die Rechnung auf Dauer nicht auf, immerhin altert die Bevölkerung weiter. Die Regierung arbeitet an einem Plan für eine erfolgreiche Wiedereingliederung für betagte Straftäter. Denn wo nach der Entlassung niemand auf einen wartet, ist die Rückfallquote umso höher.

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Eine Idee: Sozialwohnungen für Senioren und Seniorinnen. Das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales erklärte schon 2021, dass Ex-Insassen seltener rückfällig geworden seien, wenn sie nach ihrer Gefängnisstrafe in Gemeinschafts- oder speziellen Altersunterkünften unterkamen oder anderweitig betreut wurden. Allerdings wartet hier bereits ein anderes Problem: fehlende Pflegekräfte.

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Japan wird sich also noch weitere Maßnahmen einfallen lassen müssen, um Menschen wie Akiyo ein Altern in Würde zu ermöglichen. Im September stand die Seniorin kurz vor ihrer Entlassung, doch einen wirklichen Plan für das Leben danach hatte sie nicht. Sie wolle sich bei ihrem Sohn entschuldigen, erklärte sie den Journalistinnen von CNN. Ein dauerhafter Lebenswandel käme für sie aber nicht mehr infrage – dafür sei sie zu alt.