Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lädt Markus Lanz am Mittwochabend vier Journalisten in seine „ZDF“-Sendung ein: Sabine Rennefanz vom „Spiegel“, „Zeit“-Redakteurin Mariam Lau, Springer-Journalist Marc Felix Serrao und „Taz“-Autorin Ulrike Herrmann. Es geht um die AfD, die Zukunft der sogenannten Brandmauer und die Frage, warum sich Ost und West auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch so ausdauernd aneinander abarbeiten.

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt. Die AfD liegt in Umfragen deutlich vor der CDU, ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will Ministerpräsident werden. Gleichzeitig schließt die CDU eine Zusammenarbeit mit der AfD aus – und ringt noch immer damit, wie konsequent ihr Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linkspartei eigentlich sein soll.

„Taz“-Journalistin Herrmann: „Die AfD ist rechtsradikal, sie ist voller Hass“ 

 „Die AfD ist rechtsradikal, sie ist voller Hass“, stellt Ulrike Herrmann gleich zu Beginn klar. Die Partei verbreite Angst. „Jeder, der nicht deutsch aussieht, muss ja fürchten, dass er nicht mehr gut behandelt wird.“ 

„Sie vertrauen nicht dem Grundgesetz?“, fragt Lanz. Herrmann verweist auf rechtsextreme Gewalttaten und rechtsextreme Beamte bei der Polizei. „Das ist alles in hohem Grade alarmierend.“

Mariam Lau warnt bei Lanz vor einer neuen AfD

Mariam Lau geht noch weiter. „Ich glaube, viele Leute haben noch nicht gemerkt, dass die AfD gerade noch mal dabei ist, sich zu wandeln, sich zu häuten“, sagt sie. Sie verweist auf Akteure aus dem radikaleren Vorfeld, „pöbelnde Streamer“, Meldeportale gegen Lehrer und Aussagen, wonach man auf Millionen Menschen verzichten könne. „Das ist für mich eine Zäsur.“

Passend dazu zeigt Lanz einen Auftritt des sachsen-anhaltinischen AfD-Landesvorsitzenden Martin Reichardt. Der bezeichnet „Vater Staat“ als „nach Dope stinkenden faulen Asi“ und die Muttersprache als „intersektionales Flittchen“. Die AfD-Jugend johlt. Von politischer Mäßigung weit gefehlt.

252353_1833_252353_cover.jpg
Ist Sachsen-Anhalt schon verloren, Max Schneller?
Amann [un]framed
 

Serrao: AfD-Regierung wäre „heilsamer Schock“

Marc Felix Serrao kommt dennoch zu einem völlig anderen Schluss. „Die Aggressionen gehen, glaube ich, in beide Richtungen“, sagt er. Der bisherige Umgang mit der AfD habe Lagerdenken verstärkt. „Die Ausgrenzung ist gescheitert.“

Es könne „ein Schock, aber ja, ein heilsamer Schock für die Demokratie“ sein, wenn die AfD einmal Regierungsverantwortung übernehme. Vielleicht blamiere sie sich beim Regieren. „Erfahrung haben sie alle nicht.“ Darauf antwortet Lanz trocken: „Ich könnte jetzt auf das Kanzleramt verweisen, aber das mache ich lieber nicht.“ 

Lau widerspricht Serraos Grundannahme deutlich. Der radikale Flügel sei innerhalb der AfD schließlich immer stärker geworden, obwohl – oder gerade weil – das bei Wahlen nie abgestraft worden sei. „Die AfD besteht aus Erwachsenen, die genau das tun, was sie wollen“, sagt sie. 

Bundeskanzler Friedrich Merz bekommt bei Lanz sein Fett weg 

Womit die Runde schon bei der nächsten Problempartei landet: der CDU. „Die CDU trägt Mitschuld am Erfolg der AfD“, sagt Herrmann – und zwar, „indem sie Friedrich Merz zum Kanzler gemacht haben“. Merz habe nie regiert, „er war nicht mal Oberbürgermeister“. 

„Was die CDU sich nicht wünscht, ist Mitleid von Ulrike Herrmann“, kommentiert Lanz trocken. Lau beschreibt das Problem grundsätzlicher. Die CDU sitze auf „drei Lebenslügen“, die inzwischen geplatzt seien: Deutschland brauche keine Industriepolitik, Klimapolitik könne man vernachlässigen und neue Schulden seien unnötig. Merz sei „im Grunde das Gesicht dieser ganzen Zumutungen“. Mit seiner Ablösung rechnet Lau trotzdem nicht.

Auch interessant

Wie lange hält die Brandmauer zwischen CDU und AfD? 

Serrao nimmt sich derweil den Umgang der CDU mit der Linkspartei vor. „Alles, was die CDU über ihr Verhältnis zur Linkspartei im Osten sagt, finde ich hochgradig verlogen“, sagt er. Offiziell werde jede Zusammenarbeit ausgeschlossen, praktisch gebe es in Thüringen und Sachsen längst Gespräche. Wenn das mit der Linken möglich sei, müsse die CDU zumindest erklären, warum Gespräche mit der AfD kategorisch ausgeschlossen seien. 

„Die Logik geht nicht auf“, sagt Serrao. Lau erinnert allerdings daran, dass die Brandmauer nicht allein von der CDU errichtet werde. „Die AfD hat überhaupt kein Interesse, sich auf die CDU zuzubewegen. Das ist ja wie so eine halb verbotene Liebesbeziehung.“

Ost und West: Rennefanz sieht einen „Stinkefinger“

Zum Schluss landet die Runde beim Verhältnis zwischen Ost und West. Rennefanz kritisiert einen „FAZ“-Artikel über ein „ostdeutsches Sonderbewusstsein“. „Fand ich schlimm“, sagt sie. Selbst Menschen, die bei Demonstrationen mit DDR-Fahnen herumliefen, wollten schließlich nicht die DDR zurück. Viele wollten provozieren und dem Westen „den Stinkefinger“ zeigen. 

253004_1893_cover.jpg
Alles Nazis? Rechtsruck im Osten
Jung & Ost
 

„Ich würde das jetzt nicht so wahnsinnig ernst nehmen.“ Rennefanz glaubt dennoch, dass Deutschland noch zehn oder 15 Jahre darüber diskutieren werde, „was Deutschsein bedeutet“. Herrmann hat darauf eine deutlich kürzere Antwort: „Was Deutschsein bedeutet, steht im Grundgesetz, das müssen wir nicht mehr klären.“

Reine Journalistenrunden haben schnell etwas von einem politischen Medienseminar. Doch eins muss man dem Abend lassen: Er zeigt, wie uneinheitlich das deutsche Medienfeld tatsächlich ist. Für eine angeblich „gleichgeschaltete“ Medienlandschaft ist das bemerkenswert viel Widerspruch. Oder, um bei Rennefanz zu bleiben: ein ziemlich schöner Stinkefinger an diese Erzählung.