Sein „weltweit bekanntestes Video“ feiert Matthäus W. im August 2020, mitten in der Pandemie. Er rennt die Treppen auf dem Reichstagsgebäude in Berlin hoch, steht unter den schweren Steinsäulen und vor den Glastüren des Bundestags. W. läuft vorn mit, neben ihm Dutzende, hinter ihm ein paar Hundert Demonstranten. „Wahnsinn“, ruft er. Und: „Ich bin live für euch da.“ Die wenigen Polizisten vor den Bundestagstüren können nur mit Geschrei und Drängen die wütende Menge auf Abstand halten. Matthäus W. hält mit seiner Kamera weiter drauf.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der Verfassungsschutz wird später zu dem Angriff auf das Reichstagsgebäude schreiben, dass unter den Corona-Protestlern auch sogenannte Reichsbürger und Rechtsextreme waren. Auf den Videos und Fotos sind mehrere schwarz-weiß-rote Reichsflaggen zu sehen. Der Videoblogger W. ruft den Polizisten zu: „Das ist das Volk!“ Er selbst sei „Journalist“. Die Demonstrierenden neben ihm pöbeln die Beamten an, rufen „Verräter“ und „Ihr seid dran“.

Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen nennt W. „einen relevanten Multiplikator“
Matthäus W. nennt sich schon damals „Aktivist Mann“, oder „Gonzojournalist“, wie er schreibt. Heute betreibt er Medienkanäle auf dem Messengerdienst Telegram und auf der Videoplattform Youtube. W. hat dort mehr als 45.000 Abonnenten, mehr als 20.000 auf Telegram.
2022 nennt ihn der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen „einen relevanten Multiplikator“ in der Szene der Querdenker und Rechtsextremisten. Auf seinem Kanal gedenkt er auch schon mal Ursula Haverbeck, einer 2024 verstorbenen Nationalsozialistin und verurteilten Holocaustleugnerin.
Der „Reichstags-Sturm“ ist lange her. Seit Jahren ist W. als „Aktivist Mann“ auf Demonstrationen, Marktplätzen, Sommerfesten unterwegs, meist dort, wo auch die AfD ist.
So wie vor wenigen Tagen in Merseburg, Sachsen-Anhalt. AfD-Sommerfest. „Aktivist Mann“ berichtet live, auch Reporter von „Spiegel TV“ sind vor Ort. Und Matthäus W. geht auf sie zu. „Spiegel TV, was ist los?!“, ruft er. Einer der Journalisten geht an ihm vorbei, berührt W. leicht. Der Streamer rempelt zurück, keift los: „Was soll das?!“ Dann pöbelt er über die „linksextreme Gewalt“.
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Die AfD hat sich in den vergangenen Jahren professionalisiert
Es ist ein Video, das Schlagzeilen macht. Es lenkt den Fokus auf eine Szene von Streamern und Influencern, die der AfD nahestehen, ihren Wahlkampf begleiten. Eine Szene, von der die AfD auf Nachfrage unserer Redaktion selbst sagt: „Sie transportieren so unsere politischen Ansätze, Ideen und unsere Programmatik.“ Die Streamer gehören zu „unserem sogenannten Vorfeld“. Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sagt zu „Aktivist Mann“ und Co. nur: „Es gibt viele Gute, die berichten.“
Die AfD hat sich in den vergangenen Jahren professionalisiert, rekrutiert kommunal neue Mitglieder, baut Fachreferenten auf, stärkt parteinahe Vereine und Stiftungen. Das „Vorfeld“ abseits von Fraktionen und Parteigremien ist längst zentrale Säule der AfD. Dazu gehören Anhänger der „Identitären Bewegung“, und auch neurechte Medien wie das „Filmkunstkollektiv“, der „Kontrafunk“, aber auch das extreme, russlandfreundliche „Compact-Magazin“. Dazu gehören aber auch Streamer wie „Aktivist Mann“ oder „Utopia TV“ und Elijah T. In den sozialen Medien erreichen sie Hunderttausende.
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Streamer „Björn Banane“ singt ein Lied für die AfD-Frontfrau: „Alice für Deutschland“
In diesem Netzwerk bewegt sich auch Sebastian W., der sich auf Youtube „Weichreite TV“ nennt und auf AfD-Events manchmal liebevoll mit „Weichi“ begrüßt wird. Seine Videos über die Veranstaltungen sind meist stundenlang, „uncut“, also ungeschnitten. Oft ist es eine Dauerwerbesendung für die AfD, manchmal entstehen hitzige Stammtisch-Momente zwischen links und rechts, manchmal provoziert Sebastian W., wenn Menschen gegen die AfD protestieren. Alles im Namen der „Meinungsfreiheit“, wie W. oft betont.
Was Sebastian W. in solchen Situationen oft nicht sagt. Er ist Stadtrat im sächsischen Zwenkau. Für die AfD. Streamer „Björn Banane“ ist da direkter: „Alice für Deutschland“ heißt eines seiner Musikvideos, eine schwarz-rot-gold-blaue Schlager-Animation. Parteichefin Alice Weidel gewidmet.

Nicht nur Rechte streamen live, auch Islamisten und Linksradikale sind mit Handy, Kamera und Selfie-Stick auf Demonstrationen unterwegs. Im Netz ist längst ein Kampf um Meinungshoheit entfacht – und ein Ringen um Aufmerksamkeit von Menschen, die ihre Informationen nur noch selten bei Tageszeitungen oder im öffentlichen Rundfunk beziehen. Sondern vor allem auf Youtube.
Entstanden ist die Szene der rechten Videoblogger in den islamfeindlichen Pegida-Protesten, gewachsen ist sie in der Corona-Pandemie, in der auch „Aktivist Mann“ seine Arbeit beginnt. In den vergangenen Jahren hat die AfD diese Gruppe gezielt an die Partei gebunden, wie Gespräche unserer Redaktion mit Sicherheitsbehörden und Parteifunktionären zeigen.
AfD gibt an, weder Geld noch Sachleistungen an Streamer zu zahlen
Gerade schreibt die AfD-Fraktion im Bundestag die Stelle für einen „Influencer Manager“ aus, etwa zur „Pflege und Weiterentwicklung der Influencer-Datenbank der Fraktion“ und zur „Korrespondenz mit relevanten Influencern und Content-Creators“. Auch die „Verwaltung von Musterverträgen für die Zusammenarbeit mit Influencern“ gehört zu den Aufgaben. Auf Nachfrage hebt die Bundes-AfD hervor, man gebe Streamern und Influencern „aller Couleur“ weder Sachleistungen noch Geld. Die Fraktion der AfD teilt mit, dass „Kooperationen immer einer Einzelfallprüfung“ unterliegen würden, die von „Reichweite, Relevanz und inhaltlicher Positionierung der jeweiligen Influencer“ abhänge.
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Im mächtigen Landesverband Thüringen, der für viele in der AfD als vorbildlich in der Medienarbeit gilt, war Daniel Haseloff (nicht verwandt mit dem Ex-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff) eine entscheidende Figur, um die Streamer-Szene an die Partei zu binden. Haseloff ist enger Vertrauter von Rechtsextremist Björn Höcke und heute Generalsekretär der Thüringer AfD.
Im April 2024 steht Höcke an einem See in der Nähe von Halle. Auf dem Video sind Mikrofone des rechtsextremen „Compact-Magazins“ und des österreichischen Online-Senders AUF1 zu sehen. Auch auf Kanälen von Youtubern findet sich das, was Höcke an diesem Tag als „exklusives Statement“ verkauft. Höcke erklärt sich, ohne Widersprüche, ohne kritische Nachfragen. Gerade erst ist der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Halle gestartet, weil Höcke bei einer Veranstaltung in Sachsen-Anhalt die verbotene SA-Parole „Alles für Deutschland“ verwendet hat.
Die sogenannten Medienalternativen bieten Höcke am See die Bühne – ganz für ihn allein. Andere Journalisten ignoriert er. Und deren kritische Fragen. „Warum sollen wir denen den Erstzugriff geben?“, fragt dessen Generalsekretär Haseloff im Gespräch mit unserer Redaktion. Es gehe nicht darum, Kritik an der AfD zu verhindern, ergänzt er. Doch Äußerungen von Haseloffs Parteikollegen strahlen längst eine andere Linie aus. Der öffentliche Rundfunk oder etablierte Medienhäuser wie der „Spiegel“ wurden längst zum Gegner erklärt – für manche AfDler sind sie Teil eines „Systems“, das sie abschaffen wollen.

„Aktivist Mann“ wirkte an einem Song mit dem Verschwörungsideologen Xavier Naidoo mit
Für die AfD ist in den sozialen Netzwerken eine Bewegung gewachsen. Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer spricht gegenüber unserer Redaktion von „Schatten-AfD-Accounts“, von einer „Vielzahl inoffizieller Drittaccounts, durch die AfD-Inhalte weit über die eigentlichen Parteikanäle hinaus verbreitet werden“. Laut Verfassungsschutz mit „Millionen Interaktionen“. Kramer sieht in den Influencern „eine Brückenfunktion zwischen organisierter Szene, AfD-Umfeld und politisch weniger gebundenen Jugendlichen“.
Der „Aktivist Mann“ wirkte an einem Song mit dem Verschwörungsideologen Xavier Naidoo mit und trat gemeinsam mit Hannes Ostendorf auf, dem Sänger der rechtsextremen Hooligan-Band Kategorie C. Für den Inlandsgeheimdienst von Sachsen sind die rechten „Szene-Streamer“ ein „Booster für die Verbreitung verfassungsfeindlicher Ideologie“. Dass sie einen Presseausweis besitzen, sich auf Medienfreiheit berufen und „neutral“ berichten wollen, zugleich aber Verbindungen zu extremen Rechten unterhalten, sei für die Streamer „kein Widerspruch“.
Manchmal sind es sogar frühere Neonazis, die nun im Schatten der AfD an Einfluss gewinnen. Unter ihnen der langjährige NPD-Funktionär Sebastian Schmidtke, verurteilt wegen Volksverhetzung und Gewaltdarstellung. Heute berichtet er unter „Schmidtkes Welt“ für seine gut 30.000 Abonnenten.
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Selbst in der AfD scheinen manche Auftritte von „Aktivist Mann“ zu weit zu gehen
Einer seiner Gegner heute wie damals: die „Antifa“, und linke Politiker. Im Juli ist Schmidtke in Erfurt dabei, Bundesparteitag der AfD. Er ist einer von mehr als hundert Pressevertretern, darunter auch linke Medien wie „taz“ und „Neues Deutschland“. Schmidtke kann berichten, weil er akkreditiert ist, streamt ein Video mit AfD-Mann Siegmund, erreicht mehr als 150.000 Aufrufe.
Das Bundeskriminalamt, das die Sicherheitsüberprüfung für den Parteitag übernommen hat, kann offenbar nichts gegen Schmidtkes Teilnahme am Parteitag einwenden. Es zeigt ein Dilemma: Aktivisten, die sich als Journalisten mit Presseausweis zeigen, können sich auf das weitreichende Grundrecht auf Pressefreiheit berufen. Tauchen rechte Streamer bei Demonstrationen gegen die AfD auf, sind den linken Veranstaltern rechtlich oft die Hände gebunden.
„Sehen mit Sorge, wie Streamer Menschen einschüchtern“
Der thüringische Innenminister Georg Maier (SPD) ist beunruhigt. „Wir sehen mit Sorge, dass es Streamer gibt, die aggressiv auftreten und versuchen, Menschen einzuschüchtern“, sagt Maier unserer Redaktion. Eine Nachfrage unserer Redaktion lässt der Videoblogger „Aktivist Mann“ bis Freitag unbeantwortet. Aktuell bekommt er ziemlich viele Anfragen, wie er in einem Filmchen mitteilt. Denn Matthäus W. ist unter Druck. Die Nummer mit den „Spiegel“-Journalisten ging vielen zu weit – sogar im Umfeld der AfD. Sachsen-Anhalts AfD-Funktionär Hans-Thomas Tillschneider reagierte auf der Plattform X damit, dass das zu weit gehe. Der Streamer habe „schon in Querfurt körperlich höchst aufdringlich Interviews gestört“, mutmaßt in „Aktivist Mann“ einen „agent provocateur“. Kurz darauf löscht Tillschneider den Kommentar wieder. Zu sehr will die AfD ihre Unterstützer-Szene offenbar doch nicht verprellen.








