Mein Berlin

Im Jahr 2021 ist Berlin endlich fertig!

Wohnungen, Kitas, Bürgerämter – bald sind alle Probleme gelöst. Die Stadt können wir dann so lassen. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Fernsehturm in der Abenddämmerung von der Spree aus fotografiert. 22.05.2017 | Verwendung weltweit

Fernsehturm in der Abenddämmerung von der Spree aus fotografiert. 22.05.2017 | Verwendung weltweit

Foto: Rolf Kremming / picture alliance / Rolf Kremming

Berlin. In Berlins Bürgerämtern soll alles besser werden. Wer einen Termin braucht, soll nur noch höchsten 14 Tage darauf warten müssen. Und was einer Revolution gleichkommt: Diverse Bürgeramts-Sachen soll man dann auch im Internet erledigen können. Also, irgendwann bis zum Jahr 2021 zumindest. In Berlin dauert eben alles ein bisschen länger. Da darf man sich nicht beschweren. Man muss froh sein, wenn überhaupt mal irgendetwas passiert.

Wobei, wenn man darüber nachdenkt, hier bald ziemlich viel auf einmal über die Bühne geht. Die Jahre 2020 und 2021 sind aufgeladen mit Ereignissen, die Berlin zu einer besseren, ja man muss sagen, perfekten Stadt machen. Angefangen mit dem BER. Der wird ja nun vielleicht wahrscheinlich im Herbst 2020 fertig. Dieser Termin steht seit zwei Monaten und wurde noch nicht revidiert – ein Ereignis das ebenso unwahrscheinlich ist wie dass man im Berufsverkehr schnell über die Stadtautobahn kommt.

Aber auch 30.000 neue Kita-Plätze will Berlin bis 2020 schaffen sowie mehr als Hundert neue Ausbildungsplätze für Hebammen, damit keine Schwangere mehr in Kind zwischen Parkplatz und Späti gebären muss. Und neue U-Bahn-Wagen werden im selben Jahr auch noch gekauft. Die fast drei Jahrzehnte alten Rumpelkisten können dann endlich mal entsorgt werden.

Worüber soll man dann noch meckern?

Aber Achtung, damit nicht genug. 2021 wird es noch toller: Auch die S-Bahn bekommt neue Wagen. Und 30.000 Wohnungen will der Senat bis dahin errichtet haben. 51 Schulen werden gebaut, damit die Kinder endlich mal ordentlich Lesen und Schreiben lernen. 2021, das kann man wohl so sagen, ist Berlin dann endlich fertig. Packt die Bagger und die Kräne ein. Die Stadt, die lassen wir dann so.

Das klingt jetzt erstmal gut, ist aber bei genauerem Nachdenken ganz schön schlimm. Denn man mus auch mal die andere Seite sehen. BER, Bürgeramt, Bildung – wenn wir 2020/2021 plötzlich alle Probleme auf einmal loswerden: Worüber soll man dann bitteschön noch meckern? Die Einigkeit darüber, dass bei den wichtigen Themen von der Politik nichts als Murks veranstaltet wird, ist schließlich der Kitt, der Berlin von Hellersdorf bis Hermsdorf, von Karow bis Kladow zusammenhält.

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Spätestens 2021 tut sich ein riesiges Problemvakuum über Berlin auf. Bedrohlich hängt es wie ein Raumschiff über der nun langweilig gewordenen Stadt. Berlin wird zu einem glatten, funktionalen Getriebe und Milch und Honig fließen statt Wasser durch die Spree. Alle Debatten verstummen. Man könnte Berlin auch gleich München nennen. Ich hoffe sehr, dass die Stadtverantwortlichen wissen, was sie mit ihrer ganzen Problemlöserei da anrichten.

Ein neues wahnwitziges Großprojekt

Es wäre klüger gewesen, diese ganzen Herausforderungen stufenweise anzugehen. Sagen wir, alle zwei Jahre wird ein Missstand beseitigt, wenn es denn sein muss. Von mir aus kann man im Herbst 2020 mit dem BER anfangen. 2022 folgt die Sache mit den U-Bahnen und nochmal zwei Jahre später wird geschaut, ob man den Wohnungsbau für erfolgreich erklärt. So bliebe auch genug Raum, um in der Zwischenzeit für neue Probleme zu sorgen.

Vielleicht möchte der Senat jemanden damit beauftragen, sich ein neues wahnwitziges, millionenverschlingendes Großprojekt zu überlegen. Im Sinne aller Stammtische und Nachbarschafts-Plaudereien über den Gartenzaun hinweg. Gut wäre, wenn der neue Großprojektsbeauftragte bereits zeitnah ein windiges Bauunternehmen mit ersten Fehlplanungen betraut. Am besten, bevor der erste Flieger am BER abgehoben ist. Heute schon an morgen denken, lautet die Devise.

Aber eigentlich kann man sich ja darauf verlassen, dass es nicht so weit kommt. Im Herbst 2021 ist auch Abgeordnetenhauswahl, und wer wirklich glaubt, dass sämtliche Vorhaben bis dahin erledigt sind, glaubt auch, dass der Wedding irgendwann kommt. Wobei ich nicht traurig wäre, wenn das mit dem Bürgeramtsterminen tatsächlich irgendwann besser wird. Aber falls tatsächlich mal ein Großprojektsbeauftragter gesucht wird: Ich steh’ dann gern bereit.

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