Mein Berlin

Wenn einen die Parkplatzsuche in den Wahnsinn treibt

Wer sein Auto irgendwo abstellen will, muss ewig durch die Gegend gurken - verschwendete Lebenszeit! Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Berlin. Letzte Woche gab's mal wieder Post vom Polizeipräsidenten. Der Polizeipräsident und ich sind dicke Freunde, er schreibt mir jedenfalls ziemlich häufig – obwohl ich selbst nie auf seine Briefe antworte. Es ist eine recht einseitige Freundschaft, muss man sagen.

Der Polizeipräsident will natürlich mal wieder Geld von mir, der gute Mann. Zehn Euro sind es dieses Mal, weil ich unseren klapprigen Kleinwagen versehentlich in einem verkehrsberuhigten Bereich geparkt habe. Für ein paar Minuten, als ich mal eben kurz zum Rossmann wollte. Aber so ist das in Berlin. Kaum macht man mal etwas Verbotenes, kommt sofort ein Ordnungsamtsmitarbeiter um die Ecke geschlichen. Das geht schneller, als ein Musiker in der S-Bahn "Nossa" rufen kann.

Dabei benutze ich unser Auto eigentlich so gut wie nie. Vor allem, wenn es ausnahmsweise mal auf einem legalen, nah an unserer Wohnung gelegenen und gut einsehbaren Parkplatz steht. Es wäre ja verrückt, so etwas einfach aufzugeben. Denn obwohl bei uns alle Nicht-Anwohner ohne Vignette einen horrenden Preis für ein Parkticket bezahlen müssen, sind die Straßenränder komplett überfüllt. Nach 18 Uhr hat man eigentlich keine Chance mehr, sein Auto irgendwo abzustellen. Eher bestellt ein Mitte-Hipster seine Soja-Latte auf deutsch, als dass man abends in Prenzlauer Berg noch einen freien Parkplatz bekommt.

Im Schneckentempo durch den Kiez

Deshalb sehen wir unser Auto meist mehr von außen als von innen. Wenn ich zur Tram gehe, zur U-Bahnstation oder zum Einkaufen, nicke ich unserem kleinen Gefährt kurz zu, wünsche einen guten Tag und ärgere mich mitunter, dass schon wieder so viel Dreck auf Dach und Motorhaube liegt. Aber zur Waschanlage fahren geht natürlich auch nicht. Denn was hilft es, ein sauberes Auto zu haben, wenn man es danach nirgendwo wieder abstellen kann?

Einen Parkplatz zu suchen ist halt auch immer äußerst unangenehm. Im Schneckentempo kriecht man durch den Kiez und versucht, noch irgendwo eine Lücke zu erspähen. Im Rückspiegel wird die bedrohliche Polonaise aus nah auffahrenden, hupenden und blinkenden Autos immer länger, die wegen der Enge der Straßen nicht überholen können. Ziemlich belastend ist das, für alle Beteiligten.

Im Sommer 2017 hat eine Studie ergeben, dass jeder Berliner wirklich zehnmal pro Woche auf der Parkplatzsuche ist und dabei im Durchschnitt neun Minuten braucht. Das sind anderthalb Stunden pro Woche. Und 78 Stunden im Jahr. Oder 97,5 Tage für alle, die 30 Jahre lang in Berlin leben und Auto fahren. Fast 100 Tage Parkplatzsuche! Mein lieber Scholli.

Moralisch auf der sicheren Seite

Ist ja schön, dass sich alle über den BER aufregen. Aber das hier, liebe Freunde, ist doch der eigentliche Skandal. Was hätte man in diesen 100 Tagen alles erledigen können? Endlich mal die kaputte Glühbirne im Keller austauschen. Die Zehntausenden Urlaubsfotos auf dem Rechner sortieren. Die Steuererklärung von vorletzem Jahr machen. Kein Wunder, das sowas immer liegen bleibt.

Aber so nervig dieses ganze Parkplatzthema ist, so sehr darf man sich als Betroffener jetzt auch mal stolz auf die Schulter klopfen. Alle, die ihr Auto jetzt stehen lassen, sind in Zeiten von Abgasaffäre und Stickoxiden moralisch gesehen natürlich auf der absolut sicheren Seite. Jeder weiß, dass die Luft zu verpesten und die Städte zuzuparken auf ewig nicht funktionieren wird, wenn wir unseren Planeten noch ein paar Jährchen am Leben halten wollen. Das Auto einfach nicht mehr zu bewegen ist da die einzig sinnvolle Alternative.

Vielleicht ist es ja sogar die geheime Strategie das Landes Berlin, um seine Klimaziele zu erreichen: Einfach immer mehr freie Parkplätze durch Umzüge, Baumschnittarbeiten, Filmdrehs, Baustellen oder beliebig aufstellte Parkverbotsschilder blockieren, so dass bald jeder entnervt aufgibt und seinen Wagen einfach stehen lässt. Wer weiß. Die Frage ist nur, wem der Polizeipräsident dann eigentlich noch schreiben soll.

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