Mein Berlin

Warum das Gemecker über Prenzlauer Berg so nervig ist

Die Lästerei erlebt mal wieder ein Revival – und strotzt nur so vor lächerlichen Klischees. Schluss damit, fordert Nina Paulsen.

Berlin. Deutschland ist bedroht. Deutschland hat einen neuen Feind. Er heißt Prenzlauer Berg und ist schlimmer als Klimawandel, Pflegenotstand und Altersarmut zusammen. Deutschland, nimm dich in Acht. Keiner kann mehr sicher sein.

Okay, schalten wir die Ironie wieder ab. Aber auch in aller Ernsthaftigkeit frage ich mich, was eigentlich los ist im Moment. Schon wieder hat man sich auf das ausgelatschte, aber offenbar noch immer beliebte Feindbild eingeschossen. Das gute alte Prenzlauer-Berg-Bashing erlebt ein so vitales Revival wie die Karottenjeans und in beiden Fällen muss man feststellen: Das ist keine gute Idee.

Denn anders als vor fünf Jahren, als Wolfgang Thierse von Schwaben und Spätzle zu viel hatte, ist die Kritik nun diffus: Da ist Alexander Dobrindt. Er hat Prenzlauer Berg als Keimzelle einer "linken Vorherrschaft" identifiziert und nicht nur das: Prenzlauer Berg bestimme die öffentliche Debatte. In ganz Deutschland. Natürlich. An Frühstückstischen in bayerischen Dörfern wird bekanntermaßen über nichts anderes mehr diskutiert als über das linke Diktat, das vom Kollwitzplatz bis runter an die Alpen reicht. Man munkelt, dass so manche fränkische Hausfrau schon besorgt ist, ob Mandelmilch-Cortado überhaupt mit Weißwurst harmoniert.

Doch dann meldete sich der Keyboarder von "Rammstein" zu Wort. Auch er hat etwas zu meckern. Man lebe in Prenzlauer Berg in einer "Blase von reichen Menschen", schimpfte er. Reiche Menschen, die auch noch unmögliche Dinge tun: Laut mit dem Handy telefonieren, während sie an der Kasse stehen.

Klischees und selektive Wahrnehmung

Zu viele Spätzle, zu viele Handys, zu links, zu Biedermeier, zu öko, zu viel Latte Macchiato – ich frage mich, was als nächstes kommt. Ich lebe seit 2013 in Prenzlauer Berg, fühle mich hier wohl und muss sagen, dass mir dieses ganze Genöle so langsam auf den Senkel geht. Vor allem, weil es zu einem großen Teil auf Klischees und einer selektiven Wahrnehmung beruht, die mit der Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun haben. Zum Beispiel kenne ich keinen einzigen Schwaben. Tatsächlich: null. Auch wenn man den markanten Dialekt durchaus mal auf der Straße hört. Aber das gilt für Englisch, Spanisch und Berlinerisch ja auch. Zweitens: Ja, mit dem Handy an der Kasse laut zu telefonieren ist egoistisch und unhöflich. Aber das gibt es leider in Charlottenburg und Spandau auch.

Ich muss jetzt dringend mal eine Lanze brechen für Prenzlauer Berg. Die Leute, die hier wohnen, sind eigentlich ziemlich nett. Manche engagieren sich für ihren Kiez, sind in der Kirchengemeinde aktiv, sie gründen Kitas und Vereine, veranstalten sonntags Flohmärkte und grüßen sich, weil man sich vom Spielplatz kennt. Viele tun all das aber auch nicht und wollen einfach nur ihr Leben leben. Können die ganzen Nörgler und Lästerer sie nicht einfach mal in Ruhe machen lassen?

Aber okay, ich gebe zu, dass Prenzlauer Berg vielleicht wirklich etwas spießig ist. Vielleicht ist es auch zu saturiert, zu sehr gentrifizierter Stuck-Altbau, und auch: zu teuer geworden mit der Zeit. Und weil hier nicht nur eine "Blase von reichen Menschen" lebt – wie zum Beispiel ein Rammstein-Musiker mit mehr als 18 Millionen verkauften Tonträgern – ist es für Normalverdiener immer schwerer bezahlbar. Normalverdiener, die weder schwere SUV fahren, noch riesige Eigentumswohnungen besitzen.

Auch hier liegt Müll auf der Straße

Wer sich traut, sich mal ein paar Schritte vom Kollwitzplatz wegzubewegen und die Schubladen im Kopf zu schließen, wird sehen, dass unter den mehr als 160.000 Menschen in diesem Ortsteil einfach auch sehr viele sehr bodenständige Leute leben. Wie im Rest von Berlin liegt außerdem Müll auf der Straße und es werden Graffiti an die Hauswände gesprüht. Und Hundekot bleibt auch viel zu oft liegen.

Aber da guckt man als Prenzlauer-Berg-Hasser lieber nicht so genau hin. Das würde ja das so akribisch erarbeitete Feindbild ins Wanken bringen. Und weil das so ist, wird das Bashing immer wieder kommen. Ich freu mich jetzt schon drauf. Wenigstens ist die Karottenjeans irgendwann wieder out.

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