Ein kleines Café in Prenzlauer Berg. Eine junge Familie bleibt vor dem Eingang stehen, sie, mit dem kleinen Sohn an der Hand, studiert die Tafel mit den Tagesgerichten – und strahlt. „Guck mal, das ist alles vegan. Lass uns mal hier reingehen!“ Er bleibt ruckartig stehen, schweigt. Sie: „Also, ich würde ja den Avocado-Chia-Toast nehmen.“ Er: Schweigt noch immer. Sie: „Hm?“ Er räuspert sich, sein Gesicht zerknittert langsam: „Na ja, ein Steak bekomme ich hier aber nicht.“ Sie, verständnislos: „Wieso willst du denn jetzt ausgerechnet ein Steak essen?“ Er, tief enttäuscht von der Ungerechtigkeit des Universums: „Will ich ja gar nicht. Ich hätte nur gern die Möglichkeit dazu.“

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Das ist mal wieder typisch Berlin. Auch ohne die Floskel über die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten zu bemühen, muss man zugeben, dass sie irgendwie stimmt. Berlin bietet alles und immer. Ruhe und Remmidemmi, Beton und grüne Wiese, Kunst und Kitsch, Touri-Wahn und Kiezigkeit. Wir können lieben, wen wir wollen, feiern, wann wir wollen, in unserer Freizeit machen, was wir wollen. Jede noch so kuriose Sportart findet hier Anhänger, Jugger zum Beispiel, was schon beim Zuschauen großartig aussieht, weil man sich dabei mit überdimensionalen Q-Tips aus Schaumstoff duelliert. Kann man im Volkspark Friedrichshain sehen und auf dem Tempelhofer Feld. Oder kennen Sie Crossboccia? Blackminton? Extrembügeln? Wahnsinn, was die Leute sich ausdenken.

Die Sache mit dem Essen

Und dann ist da natürlich die Sache mit dem Essen. Bio, vegan, roh, polnisch, sri-lankisch, russisch, kubanisch, koscher oder die Berliner Dreifaltigkeit Kartoffelrestaurant, Knoblauchrestaurant, Klorestaurant – nirgendwo anders in Deutschland gibt es das. Vor allem als Zugezogener fällt einem das auf. Wer aus einer kleineren Stadt oder gar vom Land kommt, ist es gewohnt, zu nehmen, was ihm so vor die Füße fällt. Wenn das einzige Restaurant im Dorf ein mittelmäßiger Grieche ist, geht man eben dorthin, auch wenn einem Zaziki und Krautsalat irgendwann aus den Ohren heraushängen. Wenn der Supermarkt am Sonnabend um 14 Uhr schließt, ist der Tagesablauf schon ziemlich vorherbestimmt. Und Friseure haben montags zu, einfach weil es schon immer so war. In Berlin ist es dagegen ja schon ein mittelschweres Drama, wenn beim Feinkosthändler die australischen Flusssalzflocken aus sind, die man am Abend gern auf sein Wagyu-Filet gestreut hätte.

Woanders sagt man ja auch: „Wir gehen heute in die Stadt.“ Das heißt dann, dass man in die Innenstadt zum Shoppen fährt, und vor allem, dass es nur eine Innenstadt gibt. In Berlin würde das kein Mensch sagen. Man geht nicht in die Stadt, man ist schon da – und shoppt entweder in einer der vielen Malls, in seinem Kiez oder, wenn Gäste von außerhalb zu Besuch sind, an Kudamm oder Alex. Mit den Kindern geht man auch nicht nur einfach in den Zoo, sondern in Zoo, Tierpark oder zum Beispiel zur Domäne Dahlem. Und wer durch die Stadt fahren will, kann sich für die BVG entscheiden – aber auch für Rikscha, Droschke, Segway oder von mir aus auch für das Bierbike, wenn einem sonst auch nichts peinlich ist. Die Möglichkeit eines Steaks ist, sinnbildlich gesprochen, allgegenwärtiger Teil des Berliner Lebens.

Aber lassen wir das Fleisch mal beiseite – und widmen uns einem aktuellen Problem: Die vielleicht nicht stattfindende Abgeordnetenhauswahl im September. Absurd ist das sowieso schon – aber welche Folgen hat das rein psychologisch betrachtet für die optionsverwöhnten Berliner, die dann mal gar keine Wahl haben? Das ist dann noch schlimmer als auf dem Dorf. Quasi sieben Tage keinen Friseur, keinen Supermarkt, keinen Griechen, keine Liebe. Das Leben wird traurig sein. So traurig, wie der Familienvater in dem veganen Pankower Café. Ja, das Universum ist halt ungerecht. Aber das kann man sich ja auch nicht aussuchen.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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